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Heinrich Tischner

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Die Sage vom Rodensteiner

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Die Sage

Rodensteiner Helden:
Hans
Fritz

Ältere Geistergeschichten

Die Reichenbacher Protokolle

Das wütende Heer

 

 

Die Sage

Auf dem Schnellertsberg bei Ober Kainsbach haust in den Ruinen der vor kurzem ausgegrabenen Burg ein Geist, der bei drohender Kriegsgefahr mit großem Getöse, als führte er ein Heer mit Pferden und Hunden mit sich, von seiner Burg aufbricht. Er zieht zu dem etwa 6 km westlich gelegenen Rodenstein und wenn der Krieg vorbei ist, kehrt er wieder zurück. Den Geist trägt von alters her den Namen Schnellerts [1] oder Schnellertsherr. Der Auszug des Geistes soll noch zu Beginn des 1. Weltkriegs vernommen worden sein. [2]

Die Schnellertsburg trug nach neueren Forschungen wahrscheinlich den Namen Hochhausen und gehörte im 13. Jahrhundert den Herren von Crumbach, also den Vorläufern der Rodensteiner. [3] Das hat die Volksüberlieferung schon immer geahnt, als sie die Sage von den unbekannten Rittern vom Schnellerts auf die bekannten Rodensteiner übertragen und eine Begründung in der Geschichte dieser edlen Familie gesucht hat:

Rodensteiner Helden

Hans von Rodenstein (1418-1500)

hat in jungen Jahren viele Abenteuer bestanden und erst mit 53 Jahren geheiratet. Er veranlasste den Neubau der Crumbacher und Neunkircher Kirche und unternahm mit 82 Jahren eine Pilgerfahrt nach Rom, wo ihn der Tod ereilte. [4]

Er sei ein wüster Kerl gewesen, der lieber draußen herumzog und Streit suchte als ein ordentliches Leben zu führen. Als er schließlich doch noch heiratete, stieß er seine schwangere Frau so hart, dass sie samt dem ungeborenen Kind starb. Kurz darauf habe der Ritter bei einem Handgemenge am Schnellerts selbst den Tod gefunden. [5]

Fritz von Rodenstein

Ein anderer des Geschlechts, Fritz von Rodenstein, genannt der Tolle [6], holt im Türkenkrieg 1529 so tapfer gekämpft haben, dass der Kaiser ihm seine stark verschuldete Burg ausgelöst habe. Aus Dankbarkeit zieht er auch heute noch für Kaiser und Reich in den Kampf.

Davon erzählt ein heute kaum noch bekanntes Gedicht von Albert Ludwig Grimm: [7]

Ältere Geistergeschichten

Die Geschichten von Hans sind sicher frei erfunden; die vom Tollen Fritz könnten vielleicht einen historischen Kern haben. Aber der eigentliche Kristallisationspunkt für die Sagen sind vielmehr die verlassenen Ruinen der Schnellertsburg, die von je her den Leuten unheimlich gewesen ist. Von ihr werden noch ganz andere, wahrscheinlich ältere Spukgeschichten erzählt:

  • Wo der Rodensteiner durch die Felder zieht, wächst das Korn besser als nebendran. [8]

  • Auf dem Schnellertsberg hört man bisweilen Musik und das Krähen eines Hahnes. [9]

  • Eine Frau aus der Haal [10] am Schnellerts sieht einen Reiter, der Pfarrer aus Brensbach eine prächtige Kutsche, die plötzlich wieder verschwinden. [11]

  • Zwei Männer, die auf dem Schnellerts arbeiten, werden durch allerlei gespenstische Geräusche erschreckt. [12]

  • Ein Mann aus Ober-Kainsbach hätte fast auf dem Geisterschloss einen Schatz heben können, wenn er nicht einen ganz dummen Fehler gemacht hätte. [13]

Die Reichenberger Protokolle

Zur Sage von Rodensteins Auszug haben aber noch ganz andere Dinge beigetragen: In den Reichenberger Protokollen von 1742-96 wurden Zeugenaussagen von Leuten niedergeschrieben, die den Auszug des Geistes gehört haben wollen.[14]

Es wurden da Aussagen über Ereignisse zu Papier gebracht, die bis in die Zeit um 1700 zurückreichen mögen und sich auf zwei Örtlichkeiten, die Hofreite des Simon Daum zu Ober Kainsbach und das Haus des Johann Leonhart Hübner zu Brensbach konzentrieren. Jener berichtet wiederholt, er habe das Geisterheer durch seine Hofreite ziehen hören, während Hübner behauptet, die Geister hätten in seiner Küche gewirtschaftet und je nach Ausgang des Krieges die Töpfe durcheinandergeworfen oder ordentlich aufgeräumt. Will man vom Schnellerts zum Rodenstein, so muss man erst 3 km Richtung Nordosten nach Nieder-Kainsbach und von dort nochmals 5 km nach Westen über Fränkisch-Crumbach; nach Brensbach dagegen geht es von Nieder-Kainsbach aus 2 km nach Norden. Der Weg nach Brensbach ist also ein Abstecher und führt nicht zum Rodenstein. Warum sich jedoch der Geist diese Mühe eines Umwegs machen sollte, ist nicht einzusehen.

Wäre nicht der Hof Daums in unmittelbarer Nähe des Schnellerts, und wäre die Rodensteinersage nicht bekannt gewesen, so hätte man von beiden Häusern gesagt, dass es dort nicht geheuer ist und dass dort Geister ihr Unwesen treiben. Die Verbindung zur Rodensteinersage wurde also einfach dadurch hergestellt, dass der unheimliche Ort auf dem Schnellerts in aller Munde war, und dass man Spukerscheinungen in der Nachbarschaft auf diesen Schnellertsgeist bezogen hat.

Interessant ist, dass diejenigen Aussagen Daums, die noch am besten zu der Sage passen, die ältesten sind und mit den Erzählungen seines Vaters bis in die Zeit um 1700 zurückgehen. Erst 1758 (die ersten Berichte Daums stammen aus dem Jahr 1743) meldet sich Hübner und erzählt, dass es in Brensbach auch spukt. Hier hat also einfach die Sage andere Spukerscheinungen an sich gezogen.

Man ist geneigt, die Ereignisse in Ober Kainsbach auf den Sturm zurückzuführen. Simon Daum mag die Erzählungen seines Vaters für bare Münze genommen haben und in jedem Sturm einen Auszug des Geisterheeres gesehen haben. Aber die Sache hat doch einen Haken: Der Weg vom Schnellerts zum Hof Daums geht nach Süden und zum Rodenstein nach Westen; der gewöhnliche Sturm aber kommt von Westen. Aber hat der abergläubische Daum überhaupt die Windrichtung geprüft?

Freilich hat auch Daums Vater die Sage nicht frei erfunden, denn Geschichten vom wütenden Heer werden in ganz Deutschland erzählt . [15] Es ist das Heer der Toten, das im Sturm durch die Nacht fährt, angeführt von einem prominenten Geist, dem namenlosen Wilden Jäger, dem Wodan, dem Hackelberg, dem Lindenschmied  oder eben dem Rodensteiner. Letzte Wurzel der Rodensteinersage ist also der Glaube an das Geisterheer.

  Anmerkungen:

[1] So heute noch im Volksmund. Grimm, Sagen S. 603 vergleicht dazu einen teuflischen Geist namens Snellaart aus der Gegend von Limburg (Niederlande?). Der Name könnte 'von schneller, ungestümer Art' bedeuten. Andrerseits tragen benachbarte Berge Namen mit derselben Endung: Weilerts (westlich von Crumbach), Ballerts (nördlich von Böllstein). Grundlage des Namens ist wohl ein Flurname, der auf mhd. sneller 'ein schnell fallender Gegenstand' zurückgeht.

[2] Diederichs/ Hinze, Hessische Sagen S. 330

[3] Wolfram Becher, Schnellertsbericht 1978 S. 18-23

[4] W. Hotz in: Beiträge zur Erforschung des Odenwalds und seiner Randgebiete III S. 238 ff

[5] Albach, Sagen S. 116 ff. Die Sage lässt sich zurückverfolgen bis ins Jahr 1816.

[6] a.a.0.115 vom Jahr 1848. Vielleicht erklärt sich der Name Schnellerts = Schnell-arts von dieser Begebenheit. Der Beiname der Tolle wäre dann einfach eine Verdeutlichung des unverständlichen Namens. Es wäre natürlich auch denkbar, dass der etwas mysteriöse Tod des Fritz Anlass war, ihm die Gespenstergeschichte und den älteren Namen Schnellerts anzuhängen; zur Begründung hätte man dann auf die Türkenkriegssage zurückgegriffen.

[7] Zitiert in H. Kienzles, Großherzogtum Hessen S. 669

[8] Diederichs a.a.0. 331. Es handelt sich um einem im Wind daherfahrenden Fruchtbarkeitsdämon, der gerade für das Getreide besonders wichtig ist (Windbestäubung).

[9] Ebd. Vom Wiedererschallen längst verklungener Stimmen liest man auch in anderen Sagen von versunkenen Städten. Der gespenstische Hahn erinnert an die Sage vom Krischer, a.a.0. 334.

[10] 'Halde', Bauernhof unterhalb der Burg

[11] Kienzles a.a.0. 670 ff.

[12] Diederichs ebd.

[13] ebd. 332 ff.

[14] Abgedruckt bei Albach a.a.0. 120 ff

[15] Grimm, Sagen, erzählt unter Nr. 172 die Braunschweigsche Sage vom Wilden Jäger Hackelberg.

 

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Übersicht

 

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Datum: 1985 / 2006

Aktuell: 08.10.2017