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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Krakus Fluch

Eine Erzählung aus der Steinzeit

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Verflucht

Hirschmann

Unterm Ela-Baum

Am Fluss

Jagd

Herbst

Besuch

Gesegnet

 

Verflucht

Ebu hielt inne. Den ganzen Tag war er gelaufen und hatte sich mitunter mühsam durch wegloses Dickicht durcharbeiten müssen. Über den Berg war er gegangen und in das Tal des Schwarzen Bachs gekommen, das sich schließlich zu einer schmalen Schlucht verengte. Aber dann lag sie plötzlich vor ihm, die unermessliche Ebene des Grauens, von der die alten Leute immer erzählt hatten, wo aber seit Urzeiten niemand gewesen war. Eine Ebene, ganz anders als das liebliche Land Audan, das er seine Heimat nannte und aus dem sie ihn vertrieben hatten.
Schaurige Geschichten hatten die Alten abends am Feuer von dieser Ebene erzählt, die in der Richtung liegen soll, wo die Sonne untergeht. Keine Blondköpfe aus Fleisch und Blut, nur Geister sollen dort wohnen. Geister in Gestalt grauer Vögel mit langen Schnäbeln und langem Hals, die im Sumpf hausen und in der Abenddämmerung mit unheimlichen, dumpfen Tönen ihre Einsamkeit beklagen. Glitschig wabbelige Queller, die überall in den vielen Wasserflächen auf ihre Opfer lauern, um sie in die Tiefe zu ziehen. Irrlichter, die mit meckerndem Lachen nachts herumhüpfen. Und nicht zuletzt die weißen Gespensterwölfe, die alle Wesen auf der Erde und am Himmel verschlingen, sodass man nichts mehr sieht und allein mit sich selber ist. Den weißen Wolf des Nebels kennt Ebu auch von zu Hause, aber dort treibt er selten sein Unwesen und richtet keinen großen Schaden an. Von den anderen Geistern weiß er nur von den abendlichen Erzählungen. Noch nie soll ein Blondkopf ihnen entkommen sein.
Da hockt er nun am Rand der unheimlichen Ebene, Ebu, der vertriebene Erste der Genossenschaft von Audan, eine kräftige Gestalt, Haare und Bart als Zeichen des Verfluchten geschoren, nur mit einem Fellschurz und einem Gürtel bekleidet, barfuß, ein Geächteter ohne Werkzeug und Waffe, den Oberkörper voller Striemen von den Schlägen, die sie ihm gaben.
Ebu schließt die Augen und lässt seine Seele zurückkehren in das Land, das er verlassen musste. Verbittert fragt er sich, ob er das um die Allgemeinheit verdient hat. Seit er sich denken kann, hat er mit ihnen zusammen gelebt, seine Ahnfrauen haben dort gelebt, alle die er kannte und liebte. Schon als Kind war er von seinem Oheim auf seine künftige Rolle als Erster der Genossenschaft vorbereitet worden. Nachdem der Oheim von einem Jagdzug nicht mehr zurück gekommen war - der Bär hatte seine Lebenskraft genommen -, musste Ebu die Führung der Genossenschaft übernehmen, obwohl er gerade erst erwachsen war.
Und was hat er alles für seine Landsleute getan! Als geschicktem Diplomaten war es ihm gelungen, mit allen Nachbargruppen Frieden zu schließen. Gerecht und unparteiisch hatte er jedes Jahr die Jagdbezirke den einzelnen Zeltgemeinschaften zugeteilt, Streitigkeiten geschlichtet, jedem mit Rat und Tat geholfen, für jeden ein gutes Wort gehabt. Umsichtig hatte er die Jagdzüge organisiert und nie versäumt, auch der "Dame des Waldes" ihren Teil zu geben. Die Göttin war immer freigebig gewesen und nie hatten die Genossen Hunger leiden müssen. Dem "Meister des Himmelsfeuers" hatte er bei jedem Gewitter die gebührende Ehrerbietung erwiesen und der Meister hatte der Gemeinde niemals Schaden zugefügt. Jedes Jahr zur Zeit, wenn es wärmer wird, hatte er die Krieger zum rituellen Feldzug geführt gegen die Leute jenseits des Flusses, wo der kalte Wind herkommt - ein nur symbolischer Krieg mit Kampfspielen, der jedes Mal mit einer Versöhnungsfeier endete.
Womit nur hatte er den Zorn der Genossenschaft auf sich gezogen? Es hatte damit begonnen, dass Albhi, der Weise Mann, in hohem Alter starb und sein Schüler Kraku die Nachfolge antrat. Neben Albhis Zelt hatte drei Tage lang der schneeweiße Vogel mit dem geschwungenen Hals gesessen, von dem er seinen Namen hatte. Und dann war der weiße Vogel weggeflogen und mit ihm das Leben des Weisen Mannes. Man hatte ihn mit Ehren auf der Anhöhe über dem Ela-Bach bestattet. Als dann am Abend der schwarze Vogel über dem Zelt Krakus saß, der den Namen des schwarzen Vogels trug, wusste die ganze Genossenschaft, dass nun Kraku zum Weisen Mann berufen war.
Wissen und Können hatte Kraku bei seinem Meister gelernt. Er konnte das Lied, mit dem die Dämonen des Fiebers besungen wurden. Er beherrschte die Zeremonie des Wildbannens. Er verstand sich auf den Feuerzauber, der nur in der äußersten Not angewandt werden durfte. Er wusste die heiligen Texte für Geburt, Erwachsenwerden und Tod richtig anzuwenden. Dagegen war nichts zu sagen. Er wusste alles und konnte alles. Aber es fehlte ihm die Weisheit, die Albhi besessen hatte. Kraku schuf sich schnell Feinde und wandte seine Künste an, um seinen Feinden zu schaden. Nachdem kurz hintereinander Amlu, Kantu und Bralu durch Krakus Hexenkünste ins Reich der Ahnen gegangen waren, zitterten alle Genossen vor Kraku. Allein Ebu hatte keine Angst und stellte den Hexenmeister bei einer der Versammlungen vor der Vollmondnacht zur Rede: Es sei nicht die Aufgabe des Weisen Mannes, Schaden anzurichten, sondern der Genossenschaft zu dienen. Lange und ernst hatte Ebu seine Rede gehalten, aber die Genossen waren so verängstigt, dass sie nichts zu sagen wagten. Weder Zustimmung noch Ablehnung war zu hören. Und Kraku äußerte sich nicht zu diesen Vorhaltungen, sondern schwieg trotzig. So musste Ebu unverrichteter Dinge zum nächsten Tagesordnungspunkt übergehen.
Ein Ergebnis hatten diese Vorhaltungen jedoch: Kraku verfolgte seither Ebu mit unversöhnlichem Hass. Er wagte zwar nicht, an dem immer noch geachteten Ersten seine Hexenkünste anzuwenden, aber er brachte nach und nach mit Bestechung und Drohung die ganze Genossenschaft auf seine Seite. Die Folge davon hatte Ebu gestern auf der Versammlung zu spüren bekommen: Einstimmig wurde er von allen Genossen geächtet, von Kraku verflucht, geschoren und von seinen Landsleuten aus der Versammlung und der Gemeinde hinausgeprügelt. "Frei wie ein Vogel sollst du sein," hatte Kraku geschrien. "Frei wie ein Vogel, der bald hierhin, bald dorthin fliegt, der morgens singt, mittags darbt und abends den Marder sättigt. Niemand wird dich retten, niemand dich atzen, nie ein Nest dich bergen." So weit die uralten Worte des Fluchs. Und Kraku hatte höhnisch hinzugefügt: "Frei wie ein Vogel, aber gerupft! Nun, Goldammer, flieg, wenn du kannst!"
Die Nacht hatte Ebu im Wald verbracht und sich dann gleich bei Sonnenaufgang auf den Weg in die Ebene des Grauens gemacht. Wohin hätte er auch gehen sollen? Mit seinen kurzen Haaren war er überall als Verfluchter zu erkennen und konnte nirgends Aufnahme finden. Was blieb ihm anderes als der Weg in die Ebene des Grauens? Und wie sollte er dort überleben - ohne Waffe, ohne Werkzeug, ohne den Schutz der Genossenschaft, im Land der Gespenster, außerhalb des Einflussbereiches der "Großen Dame"?
Damit kehrt die Seele wieder in den Körper des Mannes zurück. Er schlägt die Augen auf und wird gewahr, dass die Sonne untergeht. Über ihm im Baum singt die Ammer ihr Abendlied und erinnert ihn gleich wieder an sein bitteres Los. Er will die letzte Möglichkeit nutzen, im Reich der Großen Dame zu übernachten, am Rand des vertrauten Waldes, dem Zugriff der Gespenster entzogen. Morgen wird er dann schweren Herzens in die Ebene des Grauens gehen müssen und sehen, wie er dort zurecht kommt.
Gegessen hat er den ganzen Tag noch nichts; also sucht er seinen Rastplatz nach Essbarem ab. Ein paar Blätter, Insekten, drei Vogeleier - mehr ist nicht zu finden. Ein Schluck Wasser aus dem Schwarzen Bach beendet sein Abendessen. Dort nimmt er auch ein kurzes Bad, das mehr erfrischt als reinigt. Auf dem schlammigen Untergrund findet er kaum einen Halt.
Wenn nur die Schnaken nicht wären, die ihn pausenlos umschwärmen, angelockt von den vielen Striemen auf dem Oberkörper! Ein Vorgeschmack auf das, was in der Ebene auf ihn wartet. Ebu pflückt ein paar Spitzwegerichblätter, kaut sie, schmiert den mit Speichel vermischten Saft auf die ärgsten Wunden, lässt ihn trocknen, legt andere Blätter darauf und reibt sich dann mit dem Schlamm aus dem Bach ein. So, jetzt hat er Ruhe vor dem Ungeziefer. Dann sucht er sich einen bequemen Platz zum Übernachten. Zum Glück ist es Sommer, warm und wolkenloser Himmel, sodass er wenigstens nicht frieren muss.
Inzwischen ist es dunkel geworden. Ebu hört die vertrauten Geräusche des nächtlichen Waldes, das Bellen eines Fuchses, den Ruf des Waldkauzes, das Rascheln kleiner Tiere im Laub. In der Ferne geben Wölfe einander durch Heulen Signal. Ebu war gerade eingenickt, da ist er auf einmal wieder hellwach. Er spürt, da ist jemand in der Nähe. Seine scharfen Augen spähen umher, entdecken aber nichts Ungewöhnliches, obwohl inzwischen der Vollmond hoch am Himmel steht. Ein leichter Luftzug streichelt sein Gesicht, angenehm kühl bei der sommerlichen Wärme, die immer noch im Wald steht. Ein undefinierbarer Geruch steigt in seine Nase - nicht der stechende Geruch eines Tieres, nein angenehm, wie Blumen in warmer Luft. Ein Schauer durchrieselt ihn und seine Haare auf Schultern, Armen und Rücken sträuben sich. Was ist das für ein Gefühl? Ist es Angst, die ihn vor dem Unfassbaren überkommt? Ist es das Frösteln, das uns überfällt, wenn Gespenster in der Nähe sind? Nein, es ist eher wie die Begeisterung, die er empfunden hatte, wenn er mit der Genossenschaft nach erfolgreicher Jagd abends zum Schmaus zusammensaß und mit ihnen die alten Lieder von den Helden der Vorzeit sang.

Hirschmann

So sehr sich Ebu auch anstrengt, er kann kein Wesen ausmachen, das in der Nähe ist - den kühlen Luftzug, den Duft, den Schauder - mehr spürt er nicht. Ob da ein Geist in der Nähe ist? Ebu setzt sich gerade hin, schließt seine Augen und öffnet sein inneres Ohr. Die Stimme der Geister kann man hören, wenn man dazu bereit ist, wenn man alle äußeren Einflüsse ausblendet und sein inneres Ohr öffnet. "Sprich, Geist, was hast du zu sagen?" Keine Antwort. Er ist immer noch zu sehr mit seiner Umgebung und mit der Vergangenheit beschäftigt. Lange muss er sitzen und alles vergessen, bis er schließlich die Stimme des Geistes vernehmen kann: "Ich bin Manu Magh, der große Geist, der da herrscht über den Wald und über die Ebene, der da waltet in der Luft, die überall ist, der Besitzer des Wassers und der Erde, der Herr der Tiere, der Vögel, der Fische, der Bäume, des Grases und des Krautes, der da verfügt über die Steine und die Schätze der Tiefe, der da alles sieht, der da weiß, was zukünftig und was geschehen ist. Manu Magh ist mein Name. Und du sollst nicht mehr Ebu heißen, 'das hauerbewaffnete, rüsseltragende, borstige Schwein', sondern Ela, 'die Energie, von der alles Lebendige erfüllt ist; der schnelle Hirsch mit weit ausladendem Geweih; der mächtige, uralte Baum mit breiter Krone, auf dem Ammer und Amsel sitzen und unter dessen Wurzeln Maus und Wurm ihre Zuflucht finden'. Du, Ela, der Wiedergeborene, brauchst keine Angst zu haben, wenn du morgen hinab gehst in die Ebene, die ihr die Ebene des Grauens nennt. Dort sind keine Gespenster. Denn die Luft ist dort wie hier erfüllt von mir, Manu Magh, dem Großen, Allwaltenden und Allmächtigen. Ammer und Amsel, die in den Lüften zu Hause sind und die ich ernähre, werden dich immer daran erinnern. Suche morgen unter dem Laub, auf dem du sitzt, da wirst du eine Haue und eine Schneide finden. Damit hast du alles, was du zum Überleben brauchst. Dein neuer Gevatter, Ela, der Hirsch, wird dir morgen den Weg durch die Sümpfe und das Gewirr der Wasserläufe zeigen. Er wird stehen bleiben unter einem Ela-Baum, dort sollst du dir eine Hütte bauen. Du sollst hinfort Ela nicht mehr jagen, denn er ist dein Gevatter. Und du sollst auch weiterhin nicht Ebu jagen, denn er war dein Gevatter. Wenn du sein Fleisch äßest, könnte dein alter Geist wieder in dich zurückkehren, der Geist eines Verfluchten. Aber du bist jetzt Ela, der Wiedergeborene, von Lebenskraft Erfüllte. Du sollst jede Vollmondnacht mir zu Ehren im Freien verbringen, es sei Sommer oder Winter. Dann will ich mit dir reden wie heute und du sollst mit mir reden. Du sollst nicht mehr der 'Dame des Waldes' ihren Teil geben, denn alles Leben gehört mir, Manu Magh, dem Herrn aller Lebendigen. Du sollst nicht mehr die Lieder von den Helden der Vorzeit singen, auf dass die Geister der Helden dich hinfort nicht plagen, denn für sie bist du immer noch ein Verfluchter. Du sollst auch keine Angst mehr haben vor dem Wolf, denn er ist dein Freund." Die innere Stimme verklang; Freude und Glückseligkeit erfüllten den Verbannten. Er warf sich nieder und huldigte dem Großen Geist. Lange lag er so da in stummer Anbetung.
Da stieg ein neuer, scharfer Geruch in seine Nase. Ebu, der jetzt Ela heißt, richtete sich auf und blickte umher. Einen Steinwurf weit, am Waldrand, stand ein Wolf, ein Stück Fleisch in den Fängen. Als das Tier merkte, dass Ela zu ihm hinsah, legte es das Fleisch auf die Erde, ließ den Kopf eine Zeit lang hängen, wedelte mit der Rute, machte kehrt und lief davon. Ela wartete ein wenig, dann ging er hin und holte sich das Geschenk, das ihm Isegrim gebracht hatte: die zarte Leber eines Kalbes, die Ela mit Genuss verspeiste. So gesättigt verfiel er in einen tiefen, ruhigen Schlaf. Alle Sorgen, alle Angst vor dem, was kommen würde, war wie weggeblasen.
Am nächsten Morgen wachte Ela frisch und gestärkt auf. Wieder hörte er den Ruf der Goldammer, der ihn aber nicht mehr traurig machte, sondern mit Hoffnung erfüllte. Die Sonne beschien schon die weite Ebene; sein Platz am Waldrand aber lag noch im Schatten des Gebirges. Als erstes nahm Ela wieder ein Bad im Schwarzen Bach, spülte den Schlamm weg, der ihn vor Schnaken geschützt hatte und versorgte seine Wunden. Einen Rest Leber hatte er in Blätter gewickelt aufgehoben. Das ergab jetzt sein Frühstück, ergänzt wiederum durch Wasser aus dem Bach.
Schließlich wühlte Ela mit den Händen in dem Laub und förderte eine Haue und eine Schneide zu Tage, wie Manu Magh angekündigt hatte, beide sorgfältig behauen und geschliffen und mit einer geglätteten hölzernen Handhabe versehen. Die Haue war ein schmaler, schwarzer Stein mit breiter Klinge, mit einem Lederstreifen an einem hakenförmig gekrümmten Holz befestigt, wie bei einer Hacke quer eingesetzt; die Schneide hatte eine fingerlange Klinge aus demselben Material; der hölzerne Griff lag gut in der Hand und endete mit dem zierlich geschnitzten Kopf einer Hinde. Zu seiner Überraschung fand Ela noch eine Ledertasche mit Feuerssteinen, Zunder, Pfeilspitzen aus Knochen und einer Lederschnur, die sich als Bogensehne verwenden ließ. Ela probierte die Haue gleich an einem Eibenstämmchen aus und schnitt sich einen kräftigen, langen Stab zurecht, der ihm zunächst als Wanderstab dienen sollte und aus dem er später einen Bogen schnitzen wollte. Dann hängte er sich die Tasche um, verwahrte darin die Schneide, steckte die Haue in seinen Gürtel, ergriff den Stab und machte sich auf den Weg in die Ebene.

Unterm Ela-Baum

Er war gerade aus dem Wald herausgetreten, da stand vor ihm Ela, der Hirsch, den der Große Geist angekündigt hatte. Ela, der Blondkopf, ging hinter Ela, dem Hirsch, her, der weiter dem Lauf des Schwarzen Baches folgte. Sie gelangten nach einiger Zeit zu einer Stelle, an der sich der Schwarze Bach gabelte. Das Tier watete durch den Wasserlauf und stieg auf die sandige Höhe, die beide Bachläufe von einander trennte. Der Blondkopf folgte. Sie liefen auf der Höhe durch ein Kieferngehölz immer in Richtung Sonnenuntergang, stiegen dann wieder in die Ebene hinunter und durchquerten einen lichten Wald aus Eichen und Buchen. Dort stießen sie wieder an den Schwarzen Bach, der sich nach einer Weile durch ein Dickicht von Haselnusssträuchern hindurch arbeitete und in eine offene Landschaft hinauslief mit Gras, Schilf und vereinzelten Bäumen. Nicht weit vom Waldrand stand eine mächtige Ulme, der Ela-Baum, von dem Manu Magh gesprochen hatte. Dorthin strebte der Führer des Blondkopfs und blieb stehen. Ela wusste Bescheid und legte seine Sachen unter den Baum. Als er wieder aufsah, war der Hirsch verschwunden. Ela erhob die Hände und dankte dem Großen Geist für die Hilfe, die ihm zuteil geworden war.
Unter dem Baum lag eine Menge dürres Holz, das im Laufe der Zeit von den Stürmen abgerissen worden war. Ela begann den Platz zu räumen, wo er seine Hütte bauen wollte und schichtete alles Holz auf einen Haufen. Ein krummes Aststück weckte sein Interesse. Mit wenigen Handgriffen schnitzte er daraus eine Wurfkeule, die er sogleich ausprobieren musste. Er lief ein paar Schritte in die offene Landschaft hinein und hatte schon einen Hasen aufgestöbert, der Haken schlagend davonlief. Ein Schwung, ein Wurf, die Keule erwischte den Hasen am Kopf und betäubte ihn. Im Nu hatte ihn Ela am Balg und trug ihn zu seinem Lagerplatz.
Auf dem bereits geräumten Platz grub er mit Haue und Schneide ein Loch in die Erde, schnitt dem Hasen die Kehle auf und ließ das Blut in die Grube rinnen: ein Opfer für den Genius des Ortes und zugleich die rituelle Grundlegung eines Wohnplatzes. Über der wieder verfüllten Grube sollte das heilige Herdfeuer brennen, das Zentrum seines neuen Zuhauses.
Ela machte sich sogleich ans Werk und entfachte mit Feuerstein und Zunder an der vorgesehenen Stelle ein kleines Feuer, legte größere Holzstücke nach und machte sich dann daran, den Hasen zu enthäuten, auszuweiden und zu zerlegen. Lehm, so hatte er beim Ausheben der Opfergrube bemerkt, gab es hier in guter Qualität, also begann er ein Stück weit vom Lagerplatz entfernt eine Grube auszuheben und die Fleischstücke in Lehm einzupacken. Diese Klumpen legte er in das inzwischen herabgebrannte Feuer und ließ das Fleisch garen.
In der Zwischenzeit räumte Ela den Wohnplatz gänzlich frei, und zog mit der Haue eine kreisförmige Furche um dieses Zentrum. Damit war der Umriss für seine Hütte gezogen. Ela ging in das nahe Haselnussdickicht und begann, lange gerade Stämmchen herauszuschlagen, die er in regelmäßigen Abständen in die Furche eingraben wollte. Eine Weide in der Nähe würde Material für die Querstangen und dünne Zweige zum Verbinden liefern. Das gab noch Arbeit für die nächsten Tage.
Nun war wohl auch das Essen gar. Ela zog die Lehmklumpen aus dem Feuer und schlug den ersten mit der Haue geschickt auf. So hatte er eine Art Topf, aus dem ein köstlicher Geruch stieg. Der hart gebrannte Lehm würde noch einige Tage als Wasserbehälter dienen, sodass er Wasser an seinem Arbeitsplatz haben würde und nicht immer wieder zum Bach laufen musste. Das Fleisch war gut durchgebraten. Ela aß und die Goldammer auf dem Baum sang ihr Lied dazu. "Ja, es ist wahr", sprach der Verbannte bei sich, "frei wie ein Vogel bin ich. Frei von den Sorgen für die Genossenschaft - und frei vom Fluch Krakus. Der Vogel, der mich mit seinem Lied erfreut, entkommt immer wieder dem Marder. Er leidet keinen Mangel, weil der Tisch des Großen Geistes immer reich gedeckt ist - er lässt ihn ein Körnchen und mich einen Hasen finden."
In den nächsten Tagen vollendete Ela seine Hütte. Die Haselnussstecken band er oben zu einer schönen Kuppel zusammen, fügte Weidenzweige als Querstangen ein und flocht Laub dazwischen, um einen vorläufigen Schutz vor Wind und Regen zu haben. Auf lange Sicht aber müsste er sehen, dass er genügend Felle hatte, um die Hütte winterfest zu machen.
Keinen Tag zu früh wurde die Hütte fertig. Schon am Vortag kündigte sich ein Wetterumschwung an; der Rauch des Herdfeuers, der bisher über dem Boden lag, stieg auf einmal steil in die Höhe; in der Nacht trieb die Windgöttin ihre graue Meute über den Himmel und gegen Mittag des nächsten Tages beendete der "Meister des Himmelsfeuers" mit einem schweren Gewitter die Schönwetterperiode.
Der Wetterumschwung war nicht ganz ungefährlich. Denn der plötzlich hoch aufsteigende Rauch konnte fremden Horden verraten, dass da ein Blondkopf in ihr Gebiet eingedrungen war. Aber gab es in dieser "Ebene des Grauens" überhaupt andere Blondköpfe? Wurde dieses Land nicht von allen denkenden Wesen gemieden? War Ela nicht der Erste, der sich dorthin wagte?
Ela konnte nicht wissen, dass er zwar tatsächlich der einzige "Blondkopf" in der Ebene war, dass es aber durchaus noch andere "denkende Wesen" gab, nur keine Blondköpfe, sondern Schwarzköpfe. Die erste Begegnung ließ nicht lange auf sich warten.
Nachdem die Hütte fertig gestellt war, machte sich Ela daran, seine neue Heimat zu erkunden und zugleich Ausschau zu halten nach Möglichkeiten für den Winter. Die Haselnussstauden hatte er schon entdeckt; ihre Früchte würden einen nahrhaften Wintervorrat ergeben, mit dem man notfalls die kalte Jahreszeit überstehen konnte. Aber er brauchte allein schon der Felle wegen eine Anzahl größerer Tiere, wobei Schwein und Hirsch für ihn nicht in Frage kamen. Aber Reh und Elch, Wisent und Auer, Mähre und Bär - das war immer noch eine beachtliche Liste jagdbaren Wildes, vorausgesetzt, es gab welche davon in der Ebene und er könnte als einzelner Jäger mit diesen großen und wehrhaften Tieren fertig werden.
In den nächsten Tagen also streifte Ela durch die Ebene und fand tatsächlich Spuren von Wild. Aber noch war sein Bogen nicht fertig, sodass er vorerst mit dem Wurfholz nur kleinere Tiere erlegen konnte.

Am Fluss

Eines Tages kam er an einen breiten Fluss, viel breiter als der Fluss, den er früher bei seinen rituellen Kriegszügen überschritten hatte. Wenn er einen Speer oder eine Angel hätte, könnte er also seinen Speisezettel auch mit Fischen bereichern. Träge wälzten sich die graubraunen Wassermassen dahin. Als Folge der langen Trockenheit hatte der Strom noch Niedrigwasser; aber Ela konnte sich vorstellen, wie das ist, wenn der Strom nach der Schneeschmelze Hochwasser führt und über seine Ufer tritt. Ob seine Hütte hoch genug lag? Der Große Geist musste es wissen; er hatte ihm die Stelle empfohlen.
Auf der anderen Seite des Stromes stieg in der Ferne Rauch auf - ein untrügliches Zeichen, dass es dort ebenfalls Blondköpfe gab. Aber es bestand wohl keine Gefahr, dass sie über den Fluss herüberkämen. Er war zu breit und wohl auch zu tief, um ihn zu durchwaten.
Während Ela noch darüber nachdachte, kam um die Biegung des Stroms etwas Merkwürdiges herbeigeschwommen: Es sah aus wie ein großer Baumstamm, der im Wasser trieb, aber auf dem Baumstamm waren die nackten Oberkörper mehrerer "Blondköpfe", allerdings nicht mit blonden, sondern mit merkwürdig dunklen Haaren, von denen aber nur eine einzige Locke auf dem ansonsten kahlen Schädel saß. Bärte hatten sie keine, aber auch keine Brüste wie Weiber. In den Händen hielten sie Stöcke, mit denen sie im Takt eines Liedes ins Wasser stießen. Ela wusste nicht, was er von diesen beinlosen und geschlechtlosen Wesen halten sollte. Bald darauf trieben noch andere Baumstämme an ihm vorbei, auf ihnen auch Wesen, die deutlich wie Weiber aussahen, mit Brüsten und langen schwarzen Haaren. Auch Kinder waren dabei. Alle diese Stämme bewegten sich schneller als die Strömung; Ela vermutete, dass das mit der Bewegung der Stöcke zusammenhing, die diese Leute ins Wasser tauchten. Allmählich wurde ihm auch klar, dass die Baumstämme ausgehöhlt waren und die Schwarzköpfe in den Höhlungen saßen, sodass man ihre Beine nicht sehen konnte. Im Nu war der letzte Stamm mit den Dunkelhaarigen um die Biegung des Stromes verschwunden. Sie hatten den Blondkopf am Ufer nicht bemerkt, obwohl sie aufmerksam beide Ufer beobachteten. Ela hatte sich ja auch gut verborgen. Wer weiß, was die Schwarzköpfe vorhaben!
In der folgenden Nacht konnte Ela nicht schlafen. Es war zwar gerade erst die Zeit von Vollmond auf Neumond vergangen, seit er geächtet worden war; aber die Einsamkeit hatte ihm schon in den ersten Tagen sehr zu schaffen gemacht - ihm der immer Leute um sich gehabt hatte, ihm der nie allein gewesen war in seinem ganzen Leben. Immer war er mit Blondköpfen zusammen gewesen, zuerst mit den Bewohnern des Zeltes seiner Ahnfrauen, dann mit Gleichaltrigen, schließlich mit der ganzen Genossenschaft von Audan, dessen Erster er so lange gewesen war. Sogar auf der Jagd war er nie alleine gewesen, sondern die Jagd wurde immer gemeinschaftlich ausgeführt. Nie hatte er alleine geschlafen, sondern immer in einem Zelt mit Anderen zusammen. Und jetzt auf einmal die große Einsamkeit! Wenn er doch mit jemand reden könnte! Wenn er doch mit jemand seine Pläne besprechen könnte! Wenn er doch jemand hätte, der ihm bei den schwierigen Arbeiten helfen könnte, die jetzt bevorstanden und die er kaum allein bewältigen konnte! Wie sollte er allein die großen Jagdtiere töten? Wie sollte er die schweren Felle zu seiner Hütte schleppen und über die Kuppel ziehen? Da hatte man in seiner Heimat immer mehrere starke Männer gebraucht. Und er allein? Die Großtierjagd musste er sich aus dem Kopf schlagen. Das ging nicht. Aber wie sollte er sonst seine Hütte winterfest machen?
Hätte er sich vielleicht den Schwarzköpfen bemerkbar machen sollen? Er hatte sein Leben gelebt, und wenn sie ihn, den Ausgestoßenen, getötet hätten, wäre das doch noch besser gewesen als weiter einsam zu bleiben oder im Winter zu erfrieren. Vielleicht kommen die Fremden in den nächsten Tagen ja wieder zurück? Soll er auf sie warten und versuchen, sich ihnen anzuschließen?
Ruhelos treibt sich Ela in den folgenden Tagen am Ufer des großen Stroms herum. Aber die Dunkelhaarigen kommen und kommen nicht wieder, sodass der Verbannte schließlich seine Hoffnung aufgeben und sich wieder seinen Wintervorbereitungen zuwenden muss.

Jagd

Als nächstes will er sich endlich Pfeil und Bogen machen. Der Bogen aus grünem Holz wird wohl nicht lange seine Dienste tun, deshalb nimmt sich Ela vor, nach einer Eibe Ausschau zu halten und mehrere Stäbe zu schneiden und einen davon für einen haltbaren Bogen trocknen zu lassen. Er schält den Eibenstab, lässt ihn sich an den Enden verjüngen, bringt Kerben für die Sehne an und bindet die Lederschnur an die vorgesehene Stelle. Von einem Holunder schneidet er Zweige für die Pfeilschäfte; ein mit der Wurfkeule erlegter Kiebitz liefert die Federn, die er mit einer Darmsaite fest bindet. Die beinernen Pfeilspitzen, die Ela in der Tasche gefunden hatte, kann er nicht wie gewohnt in die Schäfte kleben, da er keinen Birkenteer hat und selbst keinen herstellen kann. Auch hier leistet die Darmsaite ihm gute Dienste. So kann er am nächsten Tag auf die Jagd gehen.
In den letzten Tagen hatte er eine Herde Auer beobachtet, die in der Nähe seiner Behausung graste: ein Stier, fünf Kühe und zwei noch ziemlich kleine Kälber. Mit den erwachsenen Tieren kann er sich allein nicht anlegen; aber vielleicht gelingt es ihm, eins der Kälber zu schießen. Auch das ist für einen Einzelnen eine fast unlösbare Aufgabe. Denn wenn diese Wildrinder offen angegriffen werden, scharen sie sich im Kreis um die Kälber, sodass man nicht an sie herankommt. Und mit einem wütenden Auer ist nicht zu spaßen. Im Land Audan schlichen sich mehrere Jäger an die Herde heran, erschreckten sie mit plötzlichem lauten Geschrei, verfolgten die Flüchtigen und überschütteten das langsamste Tier mit einem Hagel von Pfeilen. Das ist für einen Einzelnen unmöglich. Leider beherrscht Ela auch nicht die Kunst des Wildbannens, die zu den Geheimnissen eines Weisen Mannes gehört.
Also bleibt ihm nur noch die Pirsch, von der die Alten erzählt hatten, die er aber selbst noch nicht geübt hat: Man beobachtet die Herde aus einem Versteck und versucht ein Tier zu treffen, das sich abgesondert hat. Dann beginnt eine lange Verfolgungsjagd hinter der Herde her, bis schließlich das getroffene Tier seine Kräfte verliert und zurück bleibt. Eine gefährliche Methode, weil das Verhalten der Herde unvorhersehbar ist. Das Wild kann von dem Jäger weglaufen, es kann aber auch auf ihn zu laufen und ihn zu Tode trampeln. Und unsicher ist diese Art zu jagen auch, weil die Gefahr besteht, dass das verletzte Tier nicht mehr aufzufinden ist. Aber man sollte es wenigstens versuchen. Ohne eine Anzahl großer Felle kann die Hütte nicht winterfest gemacht werden, und Kleidung für die kalte Jahreszeit braucht Ela schließlich auch.
So sehr sich Ela auch bemüht, die Wildrinder scheinen sein Vorhaben geahnt zu haben und sind wie vom Erdboden verschluckt. Erschöpft und enttäuscht kommt der erfolglose Jäger zu seiner Hütte zurück. Auf dem letzten Stück seines Wegs folgt ihm eine Wölfin in gehörigem Abstand und bleibt einen Steinwurf weit von der Hütte sitzen. Auch an den folgenden Tagen hält sich Isegrim in der Nähe der Behausung auf und begleitet Ela, wenn er von seinen Streifzügen nach Hause kommt. Meist kann dieser sogar eine Jagdbeute mitbringen, aber immer sind es kleine Tiere, mal ein Hase, mal ein Rehkitz, mal eine Ente. Ela gewöhnt sich an die Gegenwart des Raubtieres. Eines Abends bleibt nach einer üppigen Mahlzeit noch ein Stück Fleisch übrig. Ela wirft es der Wölfin zu, die sich immer noch nicht in die Nähe traut. Das hungrige Tier zögert, wagt sich einen Schritt vor, zieht sich wieder zurück, wiederholt das Spiel, schnappt sich schließlich das Fleisch und flüchtet in die Dunkelheit.
Wie Ela sich am nächsten Morgen auf die Jagd begibt, folgt ihm die Wölfin von Anfang an. Ela hat Glück. Die Auer sind wieder da. Ganz in der Nähe sieht er die Herde grasen. Ela schleicht sich gegen den Wind auf Schussweite heran. Seine Begleiterin bleibt treu an seiner Seite. Ein Kalb löst sich arglos von der Herde und geht ein paar Schritte abseits. Die Gelegenheit für einen Schuss! Ela selbst hört kaum das Schwirren der Sehne, der Pfeil trifft das Jungtier in die Halsschlagader. Laut brüllt es auf und alarmiert die Herde. Bevor die Leitkuh noch begriffen hat, was da geschehen ist, prescht mit lautem Gebell auf einmal die Wölfin nach vorn. Die Herde stürzt in panischer Flucht davon. Das verletzte Kalb verliert viel Blut und kann bald nicht mehr mithalten. Gnadenlos hetzt das Raubtier hinter ihm her, verbeißt sich in sein Hinterbein und bringt es zu Fall. Da ist auch schon Ela zur Stelle und schneidet dem todwunden Tier die Kehle durch. "Gut gemacht, Isegrim!" Fachmännisch bricht der Jäger die Decke auf und belohnt seine Helferin mit dem Gekröse. Dann zieht er dem Kalb das Fell vollends ab und zerlegt es.
Aber wie bringt er nun seine Beute nach Hause? Da kommt ihm eine Idee: Der Boden ist eben und baumlos, da könnte man das Fleisch auf das Fell legen und dieses hinter sich her schleifen. Aber dabei wird das Fell beschädigt und das braucht er doch so dringend. Also, noch etwas unter das Fell legen! Im nahen Wald haut Ela einen passenden Ast ab, legt das Fell auf die Zweige, packt das Fleisch darauf und zieht den Ast hinter sich her. Ein paar Mal muss er anhalten und die Last neu stapeln. Aber er bringt alles mit einiger Mühe sicher in seine Hütte.
Für die nächsten Tage hatte Ela also genug Fleisch. Er schnitt Einiges davon in dünne Scheiben, um es an der Luft zu trocknen. Dann machte er sich daran, seine Transportmethode zu verbessern. Er fand heraus: Wenn man die Last festbindet, genügt eine starke Astgabel. Der Transport wäre einfacher, wenn man das Tier als Ganzes nach Hause schleift und erst dort zerlegt. Das hat sich dann gleich bei der nächsten Jagd bewährt, wo Ela ein Reh erlegen konnte. Später entdeckte er, dass er viel Kraft sparen konnte, wenn er den Ast nicht den ganzen Marsch über anheben musste, sondern die Beute auf zwei parallelen Ästen befestigte, die auf dem Boden lagen und an einem aus Tiersehnen geflochtenen Seil hinter sich her zog.

Herbst

Im Laufe des Spätsommers sammelte sich also eine stattliche Anzahl von Tierhäuten an, mit denen sich Ela vor dem Winter schützen wollte. Es gab noch viel zu tun. Er musste die Häute mit Pflöcken auf den Boden spannen und mit der Klinge der Haue sauber schaben; ein anderes Werkzeug stand ihm in dieser steinlosen Ebene nicht zur Verfügung. Die gesäuberten Felle spannte er über dem Gerippe der Hütte zum Trocknen aus; so hatte er zugleich ein festes Dach über dem Kopf, das ihn zuverlässiger vor den immer häufiger einsetzenden Regenfällen schützte als das provisorische Laubdach. Da er immer nur junge Tiere erlegte, war es auch nicht allzu schwer, die Felle auf das Dach zu wuchten.
Aus den Schulterblättern des ersten Auerkalbs schnitzte sich Ela zwei Schaufeln und zog mit ihnen einen Graben um die Hütte, der das Regenwasser auffing, sodass er in seiner Hütte trocken lag. Mit der ausgehobenen Erde dichtete er später den unteren Rand der Hütte ab, sodass keine kalte Luft hereindringen konnte. Mit dem im Herbst abgeworfenen Laub des Ela-Baums machte er sich ein weiches Bett; einen Teil des trockenen Laubs bedeckte er mit Fellen zur späteren Verwendung. Zwischendurch sammelte er immer wieder Haselnüsse als Wintervorrat und lagerte sie in seiner Hütte.
In der Herstellung von Winterkleidung war Ela nicht so geschickt. Es fehlte ihm die Fingerfertigkeit, um feine Nadeln zu schnitzen, aus Tierhaaren dünne Fäden zu zwirbeln und mit diesen winzigen Hilfsmitteln Felle zu Kleidern zusammenzunähen. Aber ein paar grobe Stiche taten's auch, um den Körper vor der Winterkälte zu schützen, und die primitive Kleidung war trotzdem so geschnitten, dass er sich mühelos darin bewegen konnte.
Bei allem leistete ihm die Wölfin Gesellschaft, half ihm bei der Jagd und wurde mit dem Gekröse belohnt. Als es kalt wurde, wagte sich das Tier sogar in die Hütte, trotz des Feuers, vor dem es immer noch Angst hatte, und verschlief dort die kürzer werdenden Tage. In der Ebene fiel wenig Schnee. Die "Herrin der Winde" trieb Tag für Tag ihre Meute grauer Wölfe über den Himmel und der Himmelsstier pisste tagelang kaltes Wasser auf die Erde. Als es dann schließlich aufklarte, kamen scharenweise, die weißen Wölfe, zunächst in Gestalt weißer Nebelfetzen, welche die Windgöttin übers Land trieb und schließlich in einem dicken Nebel, der tagelang anhielt und den Ela bisher noch nie in diesem Ausmaß erlebt hatte. Die letzten Tage vor der Wintersonnenwende schließlich kam der "Eisige" und bedeckte die Ebene mit einer dünnen Schneedecke. Die hielt nicht lange, dann fing es wieder an zu tauen, und der Rest des Winters blieb ohne Frost, aber recht nass mit viel Regen. Der weiße Wolf behielt jedoch die Vorherrschaft.
Ela, dem ein Gesprächspartner fehlte, gewöhnte sich an, mit Isegrim zu reden und ihr seine Pläne zu entwickeln. Geduldig und scheinbar verständnisvoll hörte ihm das intelligente Tier zu, gab aber nie zu verstehen, was es von der Sache hielt.
Auch den Großen Geist bezog Ela in seine Gespräche ein. Wie abgemacht, verbrachte er jede Vollmondnacht im Freien und erzählte Manu Magh, was ihm auf dem Herzen lag. Aber sein unsichtbarer Freund hüllte sich in Schweigen, sodass auch Ela im Laufe der Zeit immer einsilbiger wurde, zumal er ja jetzt eine vierbeinige Gesprächspartnerin hatte. Dem Großen Geist war das recht, so verbrachten beide die letzten Vollmondnächte vor der Wintersonnenwende in einträchtigem Schweigen.
In der längsten Nacht des Jahres war wieder Vollmond. Ela entfachte vor der Hütte ein kleines Feuer und hockte sich ins Freie. Als der Mond am höchsten stand, fing der Große Geist auf einmal an zu reden: "Ela, übers Jahr wirst du einen Spross haben, den sollst du Karu, 'Hirsch' nennen. Denn auch ihm wird der Hirsch Gevatter sein. Auch dein Spross soll ihn nicht jagen, aber den Ebu, das hauerbewaffnete, rüsseltragende, borstige Schwein, darf er essen." Ela wunderte sich: "Ich bin doch kein Weib, das gebären kann. Wie kann ich, ein Kerl, einen Spross haben?" Manu Magh: "Das wirst du selbst herausfinden." Nach langem Schweigen fügte er hinzu: "Was ich dir noch sagen wollte: Morgen wirst du Besuch bekommen, Ela. Nimm deinen Gast freundlich auf." Wieder hüllte sich der Geist in Schweigen, und schweigend verbrachten sie den Rest der Nacht.

Besuch

Gespannt erwartete der Blondkopf seinen Gast und hielt sich den nächsten Tag über in seiner Hütte auf. Lange geschah nichts. Es begann schon zu dunkeln und noch immer kam niemand. Isegrim lag zusammengerollt auf einem Fell und schlief. Ela schnitzte beim Feuerschein an einer knöchernen Harpune, mit der er im Sommer Fische stechen wollte. Plötzlich erhob die Wölfin den Kopf, stellte die Lauscher auf und witterte. Sie stand auf, sträubte das Nackenfell und ließ ein leises Knurren hören. Ela, der ahnte, dass sein Gast nahte, strich dem Tier beruhigend über das Fell. Die Wölfin nahm wieder Platz, war aber immer noch erregt. Vor der Hütte hörte man Schritte. Ela trat an den Eingang und hob die Felldecke an. Draußen stand zitternd eine schwarzhaarige junge Frau mit bloßen Füßen und versuchte sich mit einem Bärenfell vor der Kälte zu schützen. Ela sagte in seiner Sprache: "Komm herein." Es folgte ein Schwall unverständlicher Worte. Das Mädchen zitterte noch mehr. Ela machte die Geste des Einladens, wie sie in seiner Heimat gebräuchlich war: Er zeigt beide Handflächen, hob sie an und bewegte beide Hände auf sich zu. Die Schwarzhaarige verstand das falsch, fing an zu weinen und lief weg. Nach einigen Schritten aber blieb sie stehen, wandte sich Ela wieder zu, kauerte sich auf den Boden und senkte den Kopf. Langsam ging Ela auf sie zu und redete in seiner Sprache beruhigend auf sie ein: "Du brauchst vor mir keine Angst zu haben. Ich will dir helfen. Komm in meine Hütte, da ist's warm, und zu essen habe ich auch." Das Mädchen verstand zwar nicht die Worte, aber die Absicht, hörte auf zu weinen und hob den Kopf. Ela ging vor ihr ebenfalls in die Hocke und sah ihr in die Augen. Das Mädchen hielt dem Blick stand. Ela verzog den Mund zum Lächeln. Schüchtern kam ein Lächeln zurück. Ela ergriff ihre Hände, richtete sich auf und zog sie hoch. Er ließ sie los, deutete auf seine Hütte, führte die Hand zum Mund, bewegte die Kiefer wie beim Essen und wiederholte die Bewegung ein paar Mal. Dann ging er langsam auf seine Behausung zu und blickte sich immer wieder nach ihr um. Das Mädchen folgte bis zum Eingang, schreckte aber vor der Wölfin zurück und wagte nicht einzutreten. Ela sprach mit dem Tier und kraulte es am Kopf. Die Wölfin legte sich wieder hin und tat uninteressiert. Ela blickte die Frau an und gab ihr durch eine Kopfbewegung zu verstehen, sie solle doch herein kommen.
Zögernd tritt sie ein. Ela deutet auf die Felle auf dem Boden und sagt: "Setz dich." Das Mädchen legt sein Fell auf den Boden, möglichst weit von der gefährlichen Bestie, und nimmt darauf Platz, jetzt nur mit einem knielangen ledernen Schurz bekleidet. Dann lächelt sie und wiederholt: "Säss disch." Ela folgt der Aufforderung. Er hat von seiner Abendmahlzeit ein Stück gebratenes Fleisch aufgehoben und hält es seinem Gast hin: "Essen?" Die junge Frau saugt den Geruch ein. Es riecht lecker und das Wasser läuft ihr schon im Mund zusammen, aber sie wagt nicht, die Gabe anzunehmen. Sie wiederholt mit fragendem Ton "ässä?", deutet mit den Händen an ihrem Kopf ein Hirschgeweih an und zuckt mit den Schultern. Ela versteht: Sein Gast hat wie er den Hirsch zum Gevatter und darf sein Fleisch nicht essen. Ela schüttelt den Kopf, macht zugleich mit den Händen eine abwehrende Bewegung, deutet dann mit seinen Händen am Kopf Kuhhörner an und macht: "Muh". Das Mädchen lacht und sagt in seiner Sprache "Bou". Dann nimmt sie das Fleisch an, nagt heißhungrig den Knochen ab und will dann nach ihrer Gewohnheit den Rest ins Feuer werfen.
Aber Ela ergreift ihre Hand, schüttelt den Kopf und sagt "Nein". Das Mädchen will sich seinem Griff entziehen, nickt schmunzelnd mit dem Kopf und sagt "Nai." Offenbar bedeutet das in ihrer Sprache soviel wie 'Ja' oder 'Doch'. Ela hält den Arm fest und wiederholt: "Nein". Die junge Frau hat ihn schon verstanden und amüsiert sich nur über die gegensätzlichen Bedeutungen der fast gleich klingenden Wörter. Sie will den Knochen wieder hinlegen, aber Ela hält immer noch ihren Arm fest und sagt: "Isegrim!" Die Wölfin hebt den Kopf und blickt herüber. Ela führt den Arm des Mädchens in Richtung des Tieres. Das Mädchen versteht und versucht ängstlich den Namen zu wiederholen: "Issäki". Langsam nähert sich das Tier dem Leckerbissen, nimmt ihn vorsichtig ab und zieht sich schnell wieder auf seinen Schlafplatz zurück. Die junge Frau sagt: "Issäki - Blaidd". Ela: "Isegrrrimmm - Plääs - Wolf". Wiederholung: "Issäkchiwww - Blaidd - Folb". Beiderseitiges Gelächter über die unbeholfene Aussprache.
Nun wird es aber Zeit, sich einander vorzustellen. Ela deutet auf sich und sagt. "Ela." Das Mädchen deutet auf Ela und wiederholt: "Älla". Dann stellt sie sich vor: "Ol." Ela wiederholt: "Oll". Es klappt schon ganz gut mit der Verständigung.
Ela und Ol bleiben also zusammen. Ela geht auf die Jagd, holt Holz und zeigt Ol, wie man Fleisch in Lehm brät. Ol kümmert sich um das Feuer und die Essenszubereitung und näht Ela endlich anständige Winterkleidung.
Inzwischen haben sie auch einander ihre Geschichte erzählt.
Ol war im Sommer mit den Schwarzköpfen, die sie Zweibeiner nennt, auf dem großen Strom in einem der Nachen gekommen, die Ela beobachtet hatte. Eine weite Reise hatten sie hinter sich. Ihr Clan war vor einer Kälte und noch einer Kälte aus einer wärmeren Gegend Richtung Mittag aufgebrochen. Dort lebten schon zu viele Zweibeiner; daher hatte man Kundschafter ausgeschickt, von denen nach langer Zeit nur einer zurück kam und von einer großen Ebene berichtete, die ganz unbewohnt sei. So wanderte der Clan zwischen Vollmond und Neumond an den großen Strom im Mittagsland, der ins Morgenland fließt. Dort fällten die Männer Bäume, höhlten sie mit Feuer aus und ruderten auf diesen Nachen mit dem ganzen Clan flussauf, immer in Richtung Abend, bis der Fluss so schmal wurde, dass sie nicht mehr weiter fahren konnten. Sie ließen die Einbäume einfach liegen, schulterten ihr Gepäck und überquerten in einem langen, beschwerlichen Marsch ein Gebirge, bis sie in ein breites Tal zu einem anderen Strom gelangten, der nach Mitternacht fließt. Dort machten sie sich neue Nachen, mit denen sie dann stromabwärts fuhren und nach einer neuen Bleibe suchten. So kamen sie in der letzten Hitze durch die Flusskrümmung, wo Ela sie beobachtet hatte. Nicht weit davon gingen sie an Land, suchten einen Lagerplatz und bauten ihre Häuser. Den Rauch von Elas Herdfeuer hatten sie bemerkt; hüteten sich aber, in seine Nähe zu kommen.
Ols Leute waren keine Jäger, sondern - wie soll man das erklären? - sie lebten hauptsächlich von Früchten und Blättern. Ihre Vorfahren hatten entdeckt, dass die Erdgöttin besonders reichlich bestimmte Pflanzen wachsen lässt, wenn man ihr vor Beginn der Kälte einen Teil der Früchte opfert. Man darf sie aber nicht einfach auf einen Haufen legen, sondern muss sie auf einer möglichst großen Fläche verteilen. Dann findet man im nächsten Jahr besonders viele von den Pflanzen, deren Früchte geopfert worden waren. Ela wundert sich sehr über diese Lebensweise und kann das alles gar nicht verstehen. Er hat ohnehin Schwierigkeiten mit den vielen Dingen, die ihm unbekannt sind.
Ols Clan hatte in der neuen Heimat kein Glück. Sie konnten während der Hitze nicht mehr der Erdgöttin opfern, um vor Beginn der Kälte ihren Segen einheimsen zu können. Dazu war es zu spät. Die mitgebrachten Vorräte waren verzehrt und sie wagten nicht, ihre kostbaren Opfergaben zu essen. Unkundig der Jagd und des Fischfangs konnten sie sich von dem, was ihnen die Erde bot, nicht ernähren. Als sie versuchten zu jagen, gab es Unfälle und Tote. Vom Hunger abgezehrt und von Krankheiten geschwächt überkam sie die Kälte. Sie holte sich Einen um den Anderen. Die junge Ol allein blieb am Leben. Da entschloss sie sich, dorthin zu gehen, wo sie den Rauch eines Herdfeuer gesehen hatte. Das war ihre Rettung.
Im Frühling kam die goldne Ammer wieder und sang auf der Ulme ihre Lieder und eine schwarze Amsel baute ihr Nest. Jetzt erst fing Ela an zu begreifen, warum Manu Magh von zwei Vögeln gesprochen hatte.

Gesegnet

Nun hatten sie einander gefunden, Ela, der geächtete Blondkopf, und Ol, die Letzte der Schwarzköpfe. Sie hatten sich gefunden und waren aufeinander angewiesen. Denn im weiten Umkreis gab es keine einzige Seele.
Oder doch? Als die Tage deutlich länger wurden, bemerkte Ol, dass sie schwanger war. Und als die Hitze vorbei war, kam ihr Spross zur Welt. I h r Spross? Ela gedachte der Worte des Großen Geistes und nannte den Spross Karu. Er erinnerte sich, aber verstand noch immer nicht, was Manu Magh gemeint hatte, als er ankündigte: "Übers Jahr wirst d u einen Spross haben."
Einen Sommer und noch einen Sommer und noch einen Sommer später - Ol war wieder schwanger - beobachtete Ela, wie Karu mit der Wölfin herumtollte. "Merkwürdig", sprach er bei sich selbst, "Ol hat schwarze Haare und alle Leute ihres Clans hatten schwarze Haare. Und zu Hause, im Land Audan, gab es nur Blondköpfe. Alle Weiber brachten nur Sprösslinge mit blonden Haaren zur Welt. Aber Karu, der Spross der schwarzhaarigen Ol, hat blonde Haare wie ich." Und langsam fing er an zu begreifen, was Manu Magh gemeint hatte. Wie Ol die Ahnfrau von Karu war, so musste er sein ... "Ahnherr" ... sein. Und er würde auch der "Ahnherr" des Sprosses sein, den Ol in ihrem Leib trug.
Ela, der Blondkopf, und Ol, die schwarzhaarige Zweibeinerin, wurden nicht nur Ahnen aller der Sprösslinge, die Ol gebar, sondern die Ahnen einer ganz neuen Genossenschaft, wie die Blondköpfe sagten, oder eines ganz neuen Clans, wie es die Schwarzköpfe nannten. Mit Ela und Ol und ihren Sprösslingen begann eine neue Zeit, nicht nur für die Leute in der Ebene, sondern auch für die im Land Audan und jenseits des Stroms. Sie lernten, wie die Schwarzköpfe der Erdgöttin zu opfern und von ihren Früchten zu essen, und wie Ela den Wolf zu zähmen, der ihre Häuser behütete und beim Jagen half. Dank Manu Magh war aus Krakus Fluch ein Segen geworden.
 

   

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Datum: 2001 / 07

Aktuell: 29.11.2007