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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Der Kleine Mann

Ein modernes Märchen aus dem Odenwald

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Es ist noch nicht lang her, da ist in einem Dorf im Odenwald ein alter Mann gestorben. Er ist immer ein bisschen sonderbar gewesen, hat kaum mit jemand geredet und hat, glaub ich, auch keine Freunde gehabt. Verwandte hatte er auch keine, und so ist das Haus an die Gemeinde gefallen, als er tot war.

Bald nach seinem Tod sind in dem Odenwalddorf seltsame Dinge passiert: Jeden Abend um fünf Uhr hat's in dem Haus ein fürchterliches Geschrei gegeben, und keiner hat sich getraut, mal in das Haus reinzugehen und zu gucken, was da los ist. Die Nachbarn haben diesen Krach auf die Dauer nicht mehr ausgehalten und sind nach und nach fortgezogen.

Nun hatte sich gerade zu der Zeit ein reicher Amerikaner für Odenwälder Bauernhäuser interessiert, in denen keiner mehr wohnt. Denn die Leute auf dem Land wollen lieber in neuen, schönen Häusern wohnen, wie in der Stadt, und lassen ihre alten Bauernhäuser leer stehen. Es hat sich ja doch keiner mehr dafür interessiert. Der Amerikaner aber hat gewusst, was die alten Gebäude wert sind, und ist in den Odenwald gefahren, um sich die leeren Bauernhäuser von unsrem Dorf anzugucken. Gegen Abend ist er angekommen und als Erstes zum Bürgermeister gegangen, weil der die Schlüssel in Verwahrung hatte. Sie haben sich die verschiedenen Hofreiten angeguckt, und wie er sie gesehen hat, da war er so begeistert, dass er am liebsten sofort alle gekauft hätte. Das Geld hatte er gleich mitgebracht. Er wollte gerade seine Brieftasche aufmachen, da hat  die Uhr auf dem Kirchturm fünf geschlagen. Und gleich drauf ist's wieder losgegangen mit dem Geheul, wie jeden Abend. So schnell habt ihr noch keinen rennen und losfahren sehen, wie der Amerikaner in seinem Auto war und abgehauen ist! Man hat nie mehr was von ihm gehört.

Der Bürgermeister war jetzt fast am Verzweifeln. Einer nach dem anderen aus seiner Gemeinde ist fortgezogen, und es hat einfach keiner mehr dort wohnen wollen. Und wenn er mal jemand gefunden hatte, der billig ein Haus kaufen wollte, so hat's niemand ausgehalten. Spätestens bei der Besichtigung sind sie alle durchgegangen: die einen haben einfach laut geschrieen und sind fortgelaufen, ohne zu überlegen, was wohl die Leute von ihnen denken. Die anderen haben das eleganter gemacht: Sie sind nicht abgehauen, aber sie hatten auf einmal alles möglich auszusetzen, die Häuser seien schon so verwohnt, und man müsse so schrecklich viel Geld reinstecken, und außerdem sei das Dorf so abgelegen, und was ihnen sonst noch alles einfiel. Und dabei warn sie kurz vor fünf noch sooo begeistert gewesen!

Keiner wollte bleiben, und da hatte der Bürgermeister auch keine Lust mehr, allein in dem Dorf zu wohnen. Er hatte zwar starke Nerven und war ein bisschen schwerhörig, sodass ihm der Krach nichts ausgemacht hat; aber eines Tages hat er ganz vorsichtig seinen Landrat gefragt. ob er nicht einen Beamten auf dem Landratsamt suchen würde. Der hat aber im Moment niemand gebraucht, und da musste der Bürgermeister halt in seinem Dorf bleiben.

Mittlerweile hatte sogar das Fernsehen was von dem Geisterhaus im Odenwald gehört und ein Kamerateam hingeschickt. In der Hessenschau ist dann auch ein Film drüber gekommen mit malerischen Bauernhäusern und Wald und Odenwaldbergen; der Reporter hat auch was von dem Geschrei im Geisterhaus erzählt; aber die Leute vom Fernsehen waren absichtlich morgens gekommen, da brauchten sie sich das grässliche Gebrüll nicht anzuhören, konnten aber auch keine Life-Aufnahmen machen.

In den nächsten Wochen hat sich der Bürgermeister über Langeweile nicht beschweren brauchen, Es sind Scharen von Neugierigen gekommen, die haben dem Bürgermeister dumme Fragen gestellt, wollten das Geisterhaus sehen und haben gegen Abend regelmäßig geisterbleich die Flucht ergriffen, wie's fünf Uhr war.

Eines, Tages aber ist ein älterer Herr gekommen, der hat keine Angst gehabt. Er hat einen feinen Anzug an und eine Brille auf der Nase gehabt, sodass er wunder wie gescheit ausgesehen hat, ist zum Bürgermeister gegangen und hat ihn nach dem Geisterhaus. gefragt. Er wäre ein Professor von der Universität Pappenheim und würde sich auf Parapsychologie verstehen, und weil der Bürgermeister nicht wusste, was das ist (oder wisst ihr's vielleicht?), da sagte er ihm, er wäre ein Geisterforscher. Das konnte sich der Bürgermeister schon eher vorstellen, und es konnte ihm nur recht sein. Wer weiß, vielleicht wird der Herr Professor mit dem Spuk fertig, damit endlich wieder Leute in seinem Dorf wohnen wollen?

Der Professor hat also in dem Geisterhaus alle möglichen Geräte und Instrumente aufgestellt und sehr geheimnisvoll getan. Aber wenn's fünf Uhr schlug, war unser Professor nicht mehr zu sehen, und er hat auch nicht im Dorf, sondern in einem Wirtshaus im Nachbardorf gewohnt. Nicht dass er Angst gehabt hätte, aber wie ihr ja wisst, ist um fünf Feierabend. Da geht kein Professor für Parapsychologie und Geisterkunde mehr in ein Geisterhaus, obwohl es dort ja immer erst nach Feierabend spukt.

Nach vierzehn Tagen hat der Professor seine Sachen wieder eingepackt und ist weggefahren. Ein Jahr später hat er dem Bürgermeister ein dickes Buch mit der Computerauswertung und einer wissenschaftlichen Analyse geschickt, die hat der Bürgermeister aber nicht verstanden. Er hat das Buch mal dem Apotheker vom Nachbarort zu lesen gegeben; der hat zwar auch nichts verstanden, hat aber gemeint herauslesen zu können, dass der Professor nichts gefunden hatte.

 

Kurz drauf hat der Bürgermeister Geburtstag gehabt. Fünfzig ist er geworden. Und aus diesem Grund hat er Besuch bekommen von einem Onkel, der war ein waschechter Odenwälder Bauer. Der hat in einem Nachbarort gewohnt und war vor lauter Arbeit schon lange nicht mehr bei unserem Bürgermeister gewesen, obwohl er doch sein Petter war.

Wie sie sich so unterhalten haben, hat ihm der Bürgermeister auch vom Geisterhaus erzählt und hat sich sehr gewundert, dass sein Petter noch nichts davon gehört hatte. Ja du liebe Zeit, der alte Mann war tatsächlich hinterm Mond daheim! Er hat keinen Fernseher gehabt und das Darmstädter Echo nur samstags gekriegt, weil es ihm zu teuer war, und er hat darin auch bloß die Familienanzeigen gelesen. Woher soll er denn wissen, was so alles auf der großen weiten Welt passiert?

Wie er das von dem Geisterhaus gehört hat, hat er gleich gesagt: "Do muss isch hej!" - "Äwwer es is doch schun báll fimf", hat der Bürgermeister gemeint. "Já, wou soll isch dánn sunscht herwisse, wás do lous is, wánn isch im fimf net dort seun? Aus-em Fernseh v'leischt?".

Da sind sie halt zum Geisterhaus gegangen, obwohl es kurz vor fünf war. Der Bürgermeister hat die Haustür aufgeschlossen, sein Petter ist reingegangen, und der Bürgermeister hintendrein.' "Bum, bum, bum, bum, bum": die Uhr schlägt fünf, und wieder fängt's an zu brüllen.

"Do aus de Kisch kimmd's", sagt der Alte ungerührt. "Mach emol die Kisch uff. Do is scheunt's aoner drin." Der Bürgermeister dreht den Schlüssel rum, drückt die Klinke runter und macht die Tür auf. Ja, was sehen wir denn da? Da steht doch ein kleiner, uralter Mann, so groß wie ein neugebornes Baby, splitternackig und spindeldürr, mit einem langen weißen Bart und schlohweißen Haaren. Er hält sich die Hände auf den eingefallenen Bauch, hebt den Kopf hoch und heult herzzerreißend. "Já, meun Klaoner, wás kreische dánn sou?", hat der alte Bauer sich erkundigt. Sofort hat der Kleine Ruhe gegeben; aber hat immer wieder schluchzen müssen, wie er ihm erzählt hat: "Ei seitdem der álde Hánnes doud is, do gidd mer kaoner mejh wäs zu esse. Er hod mer jeden Owend e Schisselsche Milsch hejgeschdellt."  "Unn däs is alles, wás der fejhld?", hat der Onkel wissen wollen. "Warim kreischde dánn sou unn machschd die Leit schei?" - "Isch häbb já die erschde Dáh aah blouß gánz leise gegreunt, äwwer däs hod kaoner gehejrt, unn es is kaoner kumme, unn do häbb isch gedenkt, do muschde háld e bissje laurer kreische." .- "Deed der dánn däs reische, wámmer der wirrer jeden Owend e Schisselsche Milsch gäwwe deen?", hat der Alte wissen wollen. "Äwwer nadierlich," hat sich der Kleine gefreut.

Er hat also jeden Abend seine Milch gekriegt und hat nie wieder geschrieen. Jetzt war es auf einmal gar nicht mehr schwierig, die leeren Häuser zu verkaufen. Schon am nächsten Morgen hat sich ein Ehepaar aus Frankfurt gemeldet und ausgerechnet für das Geisterhaus interessiert. Sie haben es auch bald darauf gekauft, haben sich aber verpflichten müssen, dem kleinen Mann jeden Abend seine Milch zu geben.

Der neue Besitzer von dem Haus war Architekt, und er hat das ganze Haus erst mal umgebaut: Wände rausgerissen, eine neue Heizung eingebaut, die Fenster vergrößert und das Innere rustikal zurechtgemacht. Man hat das Haus kaum noch wieder erkennen können. Der kleine Mann hat regelmäßig seine Milch gekriegt; aber gesehen hat ihn der Architekt kein einziges Mal. Dafür hat er aber Erfolg gehabt, hat gute Aufträge bekommen und ist in kurzer Zeit reich und berühmt geworden.

Aber wie's so geht: Vor lauter Arbeit ist der kleine unsichtbare Mitbewohner einfach vergessen gangen. Erst hat er seine Milch nur noch alle paar Tage gekriegt und schließlich überhaupt nicht mehr. Der kleine Mann ist ganz vom Fleisch gefallen. Er hat zwar nicht mehr geschrieen, sonst hätten sie vielleicht an ihn gedacht; aber auf einmal ist alles schief gegangen und sind merkwürdige Sachen passiert:

Das Licht im Hausgang hat gebrannt und gebrannt und hat sich einfach nicht ausmachen lassen. Der Elektriker hat nicht mehr gewusst, was er machen sollte: Er hat die Schalter ausgewechselt, die Leitung überprüft, eine neue Lampe angeschlossen - das Licht ist und ist nicht mehr ausgegangen.

Kurz drauf hat auf einmal der Fernseher nicht mehr getan. Der Architekt und seine Frau hatten gerade die "Schwarzwaldklinik" geguckt, da hat der Fernseher gestreikt. "Weißt du was, Mathilde, "hat da der Architekt gesagt, "da geh ich grad baden und dann ins Bett." Er geht rauf und lässt Wasser in die Wanne laufen, da ruft seine Frau: "Hermann, du kannst wieder kommen. Der Fernseher tut wieder." Er stellt das Wasser ab - und da ist der Fernseher wieder aus. Und dabei ist's geblieben. Wenn man Fernseh gucken wollte, musste man den Wasserhahn anstellen, wenn man nicht mehr gucken wollte, musste man das Wasser wieder abstellen. Na, was hättet ihr da lieber gemacht, eine teure Wasserrechnung bezahlt oder nicht mehr fernsehgeguckt? Der Architekt hat den Fernseher abgemeldet und so auch noch die Gebühren gespart. Die Handwerker haben ihm jedenfalls nicht helfen können, obwohl er immer gute Beziehungen zu ihnen gehabt hat. Sie haben bloß mit der Schulter gezuckt und ihre Rechnungen geschrieben.

Und dann ist dem Architekt ein ganz unerklärlichen Unfall passiert: Er hat gerade einen Laster überholen wollen und war schon auf der Überholspur, da ist sein Auto auf einmal schlagartig stehen geblieben  keine Vollbremsung, sondern null Komma nichts von 180 auf Null.

Das könnt ihr euch kaum vorstellen, ich mir auch nicht, der Architekt auch nicht. Aber er hat auch gar nicht viel Zeit gehabt, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, denn er ist durch die Windschutzscheibe geflogen, obwohl er angeschnallt gewesen war. Er hat froh sein müssen, dass er sich nicht den Kopf zerbrochen hat, sondern bloß das Schlüsselbein, wegen dem Sicherheitsgurt, und das Gesicht zerkratzt, und ein bisschen Gehirnerschütterung hat er auch gehabt.

Zum Glück war nicht gleich einer hinter ihm gewesen, wer weiß, was das dann noch gegeben hätte! Der Nächste, der kam, hat's noch rechtzeitig gemerkt, hat die Warnblinklampe angemacht und ein Dreieck aufgestellt, und so ist nicht noch mehr passiert. Die Polizei hat gleich eine Blutprobe gemacht, aber unser Architekt war stocknüchtern, und die Polizei hat vor einem Rätsel gestanden. Noch mehr haben sie sich aber gewundert, als sie versucht haben, das Auto auf die Seite zu schieben, damit die anderen wieder fahren konnten: Es hat sich nicht vom Fleck gerührt. Auch der Abschlepper hat nichts machen können. Die Räder haben fest auf dem Beton geklebt. Sie haben die Räder abschrauben und das Auto mit einem Kran rausheben müssen. Dann haben sie mit dem Kompressor die Räder vom Beton losgemeißelt und mussten dann neuen Beton draufmachen.

Das war eine teure Sache. Die Versicherung hat nichts bezahlt, und alles ist an dem Architekt hängen geblieben. Da hat er sein Häuschen im Odenwald verkaufen müssen und ist nach Darmstadt in eine Mietwohnung gezogen.

Das Haus hat dann ein Mann aus Georgenhausen gekauft (aber fragt mich nicht, wer). Der hat beim Opel geschafft und sich ein bisschen Geld gespart, und da hat sich ihm die Gelegenheit geboten, dass er das Geisterhaus billig kriegt hat. Er hat natürlich nichts von dem kleinen Mann gewusst und hat sich bloß gewundert, dass in den ersten vierzehn Tagen alles schief gegangen ist:

Kaum waren sie eingezogen, da musste die Frau mit plötzliche Schmerzen im Unterleib ins Krankenhaus; Krebsverdacht oder so ähnlich.

Wie der Mann dann heimgekommen ist, hat eine Nachforderung vom Finanzamt im Briefkasten gelegen und eine saftige Gebührenrechnung vom Häusermakler. Dann ist bei einem Unwetter der Keller überschwemmt worden; die Feuerwehr musste her und den Keller auspumpen. Und in der Nacht drauf hat der Sturm das halbe Dach abgedeckt. Das war ganz schön hart, so viel Pech hintereinander!

Als Erstes musste natürlich das Dach gedeckt werden, und der Mann hat im ganzen Haus eine Leiter gesucht. Da ist er auch in einen Kellerraum gekommen, und wie er die Tür aufmacht, was meint ihr, wen er da gesehen hat? Den kleinen Mann, pudelnackig und fürchterlich abgemagert, kaum fähig, sich noch auf den Beinen zu halten. Da ist er ganz schön erschrocken, das könnt ihr euch denken! Aber dann hat er mal tief Luft geholt und hat nicht gleich vor Schreck die Tür wieder zugemacht und hat sich in Ruhe angehört, was ihm der halb verhungerte kleine Mann zu erzählen hatte. Er hat zuallererst mal Milch geholt und den Kleinen so nach und nach wieder aufgepäppelt, und hat ihm versprochen, er würde auch regelmäßig wieder seine Milch kriegen.

Dann ist er wieder raufgegangen. Er war noch auf der Kellertreppe, da hat das Telefon geklingelt: Das Krankenhaus hat ihm ausrichten lassen, er könnte seine Frau wieder holen, es wäre kein Krebs, und die Schmerzen wären auch weg. Na, da war er aber froh. Er setzt sich ins Auto und holt seine Frau. Der Doktor sagt: "Kerngesund, alles in Ordnung." Und das war wirklich so, nicht bloß das übliche Geschmus. Was glaubt ihr aber, was er für Augen gemacht hat, als er wieder heimgekommen ist: Da war doch das Dach fix und fertig gedeckt, so als ob nie was gewesen wäre!

Noch im Auto hat er seiner Frau die Geschichte von dem kleinen Mann erzählt. Sie ist dann daheim sofort in den Keller gegangen und wollte dem kleinen Mann auch Guten Tag sagen. Sie haben ihm angeboten, er könnte oben bei ihnen in der Wohnung leben und müsste nicht unten im Keller hausen, und sie würden ihn auch wie ein Kind halten, aber das wollte er nicht. Er hat sich mit seinem Schüsselchen Milch jeden Abend begnügt. Aber wie ihm die Frau dann Kleider genäht hat, hat er sich doch gefreut. Auf diese Idee war auch noch keiner gekommen.

Was glaubt ihr aber, was am nächsten Tag im Briefkasten gewesen ist? Noch ein Brief vom Finanzamt! Doch, ehrlich, ich mach keine Witze! Das mit der Nachforderung sei ein bedauerlicher Irrtum gewesen; sie, die Eheleute soundso, hätten stattdessen noch Geld zu kriegen, und der genaue Betrag hat auch dabeigestanden. Zum Glück hatte der Mann noch nichts bezahlt. Und das Geld vom Finanzamt hat nicht nur gereicht, um den Makler zu bezahlen, sondern auch für die Feuerwehr fürs Kellerauspumpen.

Seitdem ist es den beiden gut gegangen. Wenn man von manchen Leuten sagen muss, sie würden vom Pech verfolgt, so kann man von den beiden gerade das Gegenteil behaupten: Sie sind vom Glück verfolgt worden. Das alles aber hatten sie dem kleinen Mann zu verdanken.

Das Merkwürdigste ist aber ein paar Monate später passiert: Der Mann war wie immer auf dem Weg zum Opel. Die zwei, die sonst alls mitgefahren sind, hatten Urlaub, so ist er allein gefahren. Kurz hinter Darmstadt hört er hinter sich einen fürchterlichen Knall und denkt: "Jetzt ist dir ein Reifen geplatzt!" Aber das Auto fährt weiter, als wenn nichts gewesen wäre. Er versucht durch den Rückspiegel zu erkennen, ob seinem Hintermann was passiert ist, aber der bleibt hinter ihm, blinkt mit der Lichthupe und fuchtelt mit der Hand in der Luft herum. "So ein Spinner, den lass ich lieber vorbei", denkt er und fährt auf die rechte Spur. Aber auch die anderen Hintermänner benehmen sich sehr merkwürdig.

Wie er dann in Rüsselsheim aussteigt und seine Frühstückstasche aus dem Kofferraum holen will, sieht er, dass der linke Hinterreifen ganz weg und die Felge furchtbar verbeult ist. Da war also doch ein Reifen geplatzt, und er ist von Darmstadt bis Rüsselsheim mit 120 gefahren und hat nichts davon gemerkt!

"Jetzt hab ich keine Zeit, aber bevor ich heimfahre, muss ich noch das Ersatzrad aufziehen", denkt er und geht an seine Arbeit. Wie er aber am Abend zu seinem Wagen zurückkommt, staunt er nicht schlecht: Der Reifen ist wieder in Ordnung und das Ersatzrad unbenutzt an seinem Platz. Ob da auch der kleine Mann was mit zu tun hat?

Der aber hat jeden Abend seine Milch gekriegt, und den beiden Alten ist es gut gegangen bis, zum heutigen Tag  wenn sie nicht in der Zwischenzeit gestorben sind.

Wenn ihr, mich aber fragt, wo das denn gewesen ist, damit ihr auch hinfahren und euch den kleinen Mann angucken könnt, dann muss ich euch sagen: Das verrat ich, euch nicht. Denn den kleinen Mann kann sowieso nicht jeder sehen, nur der, der ein gutes Herz hat; das habt ihr bei dem Architekt gemerkt, der konnte ihn nämlich nicht sehen. Und außerdem hab ich ganz einfach vergessen, wie der Ort heißt.

   

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Datum: 1982 / 2006

Aktuell: 13.11.2017