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Gastbeitrag von Horst Koepernik (2012 verstorben) |
Glück und MoralGastbeitrag im Webmagazin von Heinrich Tischner |
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Auf den ersten Blick scheinen die Begriffe "Glück" und "Moral" nicht recht zueinander zu passen. Das mag daran liegen, dass beide mit ziemlich unterschiedlichen Inhalten belegt werden können. Versteht man unter Glück nur das vergängliche Gefühl der Freude über eine Errungenschaft, so wird man Glücksrittern, die ihr Leben ganz auf solche Ziele ausrichten, wohl nur wenig moralische Rücksichten zutrauen. Verbindet man andererseits Moral mit dem Bild eines sauertöpfischen Moralisten, der hinter jeder Freude schon eine Sünde wittert, so ist dahinter kaum ein glücklicher Mensch zu vermuten. Um dennoch eine Beziehung zwischen beiden Begriffen zu finden, wird es nötig sein, sich mit der Frage zu beschäftigen, warum sie im menschlichen Leben überhaupt eine Rolle spielen. Moderne Forschungen beweisen unsere sehr enge Verwandtschaft mit hoch entwickelten Tieren. Finden sich bei ihnen vielleicht schon Ansätze für Glücksgefühle und ein Moralempfinden?
Tier und Mensch
Jeder Hundebesitzer wird sofort versichern, dass sein Tier durchaus Freude und Glück sehr lebhaft zum Ausdruck bringen kann. Auch eine gewisse Moral wird er ihm nicht absprechen, indem es viele Regeln beim Leben in menschlicher Gemeinschaft befolgt. Aber sind diese Gefühlsäußerungen wirklich mit den menschlichen gleichzusetzen? Man darf hierbei nicht vergessen, dass die Handlungen eines Tieres prinzipiell vom Instinkt bestimmt werden, wobei seine Intelligenz immer nur eine untergeordnete, modifizierende Rolle einnimmt. So lassen sich Geschlechts- und Aggressionstrieb auch mit strenger Erziehung kaum beherrschen. Auch das werden Tierfreunde zugeben müssen. Die Denkprozesse eines Tieres werden durch Sinneseindrücke ausgelöst, sind wegen der Dominanz seiner Triebe immer nur kurz und enden mit der dadurch angestoßenen Handlung. Beim Menschen hat sich das Denken dagegen zu einem geistigen System entwickelt, in dem sich nicht nur äußeres Geschehen, sondern auch die eigene Reaktion und ihre Auswirkung abbilden. Der grundsätzliche Unterschied zum tierischen Denken besteht also darin, dass der Mensch fähig ist, in zwei Richtungen zu denken, objektiv über das zu lösende Problem und subjektiv über eine mögliche Lösung. Dabei wird aber zumeist nicht gleich gehandelt, wie es ein Tier tun würde, sondern die zu erwartende Wirkung kritisch beurteilt. Erscheint diese nicht optimal, so wird dieser Prozess mit einer anderen gedachten Handlung wiederholt und zwar so oft, bis eine "durchdachte" Variante gefunden ist. Erst dann gibt das "Ich" als virtuelles Steuerzentrum unseres Denkens den Befehl zum Handeln.
Die Doppelnatur des Menschen
Wegen seiner nahen Verwandtschaft mit den höheren Tierarten wäre der Mensch ohne den Qualitätssprung seiner Intelligenz zum systematischen Geist durchaus lebensfähig. Alle für sein Leben erforderlichen Fähigkeiten würde ihm sein in der Erbmasse verwurzelter Instinkt vermitteln. Mit seinem Geist hat sich im Menschen jedoch ein relativ selbständiges System gebildet, dessen Entscheidungen sich als bewusster Wille äußern und als Konkurrent des triebhaften, zum Unterbewusstsein gehörenden Gefühls auftreten. Der Mensch hat also die Wahl zwischen Handlungsimpulsen, die ihm sein langlebiger, von den tierischen Vorfahren übernommener Instinkt in Form seines Gefühls gibt, und dem, was ihm sein bewusster Verstand sagt. Er besteht also aus zwei sehr verschiedenen Systemen, die seine Doppelnatur ausmachen. Sein Körper mit allen seinen Organen ist ein materielles System, dessen Funktionen durch statische Informationen in Teilen vom Gehirn und Nervensystem triebhaft gesteuert werden. Der Geist ist dagegen ein komplett immaterielles System aus dynamischer Information durch bewegte Gedanken mit dem virtuellen Zentrum "Ich", das seinen Sitz im Gehirn hat, selbständige Entscheidungen treffen kann, aber in seiner Existenz und Funktionsfähigkeit vom Körper abhängig ist. Es sind also zwei Stimmen in uns, oder mit Goethe zwei Seelen, die er in der Brust seines "Faust" kämpfen lässt. Die Entscheidung, welcher der beiden Stimmen wir gehorchen sollen, ist nicht immer leicht und lässt uns manchmal unter unserer Doppelnatur leiden.
Falsche Suche nach Glück
Wenn wir uns einmal überlegen, welche bewussten Triebkräfte den Verlauf unseres Lebens maßgeblich bestimmen, so ist sicher unser Streben nach Glück und Zufriedenheit ein wichtiger Faktor. Mit welchen Mitteln dieses Ziel zu erreichen ist, darüber gibt es jedoch recht verschiedene Ansichten. Ein Grund dafür mag die ziemlich unklare Vorstellung sein, die manche Menschen vom Glück haben. Wie schon eingangs erwähnt, wird das spontane Glücksgefühl, das die Erfüllung eines langgehegten Wunsches in uns erzeugt, nur zu oft als die einzige Methode angesehen, glücklich zu sein. Weil ein solches Glück meist nicht lange anhält, entsteht der Drang, durch immer weitere Errungenschaften derartige Gefühle erneut zu empfinden, was zu einer Art von Sucht führen kann. Der rasche Fortschritt unserer Gesellschaft wurde zwar möglich, indem Menschen auf der Suche nach den Glücksmomenten des Erfolges Höchstleistungen auf ihren Gebieten geleistet haben. Doch auch die Kehrseite ist nicht zu übersehen. Warum streben wohl Reiche nach immer mehr Reichtum, Mächtige nach immer größerer Macht? Richten sie keinen Schaden an, so kann man solche erfolglosen Glücksjäger noch belächeln, aber allzu oft führt diese Gier in die Kriminalität und für viele Unbeteiligte ins Unglück. Die Geschichte kennt viele Beispiele von machthungrigen "Führern" oder geldgierigen Spekulanten, die nicht nur selbst kein Glück fanden, sondern es auch zahllosen Mitmenschen raubten.
Moral als Lebensweisheit
Wir wollen hier Moral nicht so verstehen, wie am Anfang überspitzt als menschenverachtendes Philistertum dargestellt. Es seien einfach die von einer menschlichen Gemeinschaft von ihren Mitgliedern zu Recht erwarteten Verhaltensnormen, die ein friedliches und ersprießliches Zusammenleben ermöglichen. Dabei sei jedem so viel persönliche Freiheit vergönnt, wie die Gemeinschaft tolerieren kann, ohne Schaden zu erleiden. Die weitaus meisten Menschen leben unbewusst in einer solchen Weise, indem sie ihrem natürlichen Moralgefühl folgen. Es gibt aber leider auch Ausnahmen, Menschen, die bewusst gegen moralische Regeln verstoßen. Oft sind es solche oben erwähnten Glücksritter, die in ihrer Jagd nach innerer Befriedigung auf eine schiefe Bahn geraten sind. Ihre Strafe besteht nicht allein aus den Sanktionen von Staat und Kirche, nein, sie strafen sich bereits selbst, indem sie ihr eigentliches Ziel, das Glück, auf diese Weise nie erreichen, sondern innerlich immer zerrissener und unzufriedener werden. Sie wären eigentlich zu bedauern, wenn sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Mitmenschen schaden würden. Mit welchem Mittel straft die Natur solche Menschen, die ihre Stimme missachten? Es ist nicht allein der Entzug von Glück und Zufriedenheit. Diese Stimme des Unbewussten in uns ist zwar nicht so deutlich wie der klare Ausdruck des Verstandes. Aber sie ist einerseits schneller (Beispiel: Liebe auf den ersten Blick), doch auch nachhaltiger, ausdauernder. Sie mahnt uns, wenn wir gegen unser Gefühl handeln, erst sacht, dann immer stärker, bis sie uns als Gewissen, als "Fluch der bösen Tat" Ruhe und Schlaf raubt. Weil das Gefühl und sein Zuchtmittel "Gewissen" unserer Erbmasse entstammen und damit naturgesetzlich gegeben sind, können wir sie wohl zeitweise verdrängen, aber nicht dauerhaft ignorieren. Demnach ist es einfach unklug, wenn wir uns von unserem egoistischen Verstand zu Taten inspirieren lassen, die sich gegen Mitmenschen und das moralische Gefühl in uns richten. Glück werden wir damit nicht erreichen, sondern es uns im Gegenteil dauerhaft verbauen mit einem nagenden Gefühl von Unzufriedenheit und eigener Minderwertigkeit. Das "Patentrezept" für dauerhaftes Glück und Zufriedenheit besteht also einfach darin, sein moralisches Gefühl zu fragen, was man bei einem bestimmten Problem tun soll, und seinen Verstand, wie man es zum Nutzen für die Gemeinschaft und sich selbst optimal ausführen könnte. Eine solche Einstellung, die uns einer in der Tierwelt seit Jahrmillionen bewährten Praxis näher bringt, lässt uns Moral nicht als Zwang, sondern als eine uns nützliche, Glück bringende Lebensweisheit erkennen. |
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Sprachecke 30.11.2010 |
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Datum: 2011 Aktuell: 27.01.2012 |
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