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Gastbeitrag von

Horst Koepernik

(2012 verstorben)

Trieb und Wille

Gastbeitrag im Webmagazin von Heinrich Tischner

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Der "kleine" Unterschied

Die Evolutionsbiologie lehrt uns, dass sich Mensch und Schimpanse genetisch nur sehr wenig unterscheiden. Es sind kaum 2 Prozent der Erbmasse, die den doch so gewaltigen Unterschied bewirken. Wie lässt es sich erklären, dass sich der Mensch in einer entwicklungsgeschichtlich sehr kurzen Zeit von einem affenähnlichen Tier zum Beherrscher unseres Planeten entwickeln konnte, während alle anderen Tierarten in dieser Zeit kaum Veränderungen zeigten? Natürlich ist es der menschliche Geist, der diesen raschen Evolutionsschub bewirkte. Damit erhebt sich sogleich die Frage, was denn den Geist des Menschen so anders als die Intelligenz der Tiere macht. Es gibt doch zahllose Beispiele für die Klugheit mancher Tiere. Warum ist bei ihnen nicht eine ähnlich rasche Entwicklung zu verzeichnen? Wenn es auch manchmal so scheint, dass auch intelligente Tiere zu einer geistigen Entwicklung fähig wären, so sind das bei näherer Betrachtung doch nur Dressurerfolge oder Anpassung an eine durch menschlichen Einfluss veränderte Umgebung. Es muss also einen prinzipiellen Unterschied zwischen tierischer und menschlicher Denkweise geben.

Tierische Intelligenz

Betrachten wir zunächst den typischen Ablauf einer tierischen Handlung. Den Anstoß gibt immer ein Sinnesreiz. Es kann ein äußerer Vorgang sein, wie das Erkennen von Beute oder Nahrung, es kann aber auch eine innere Empfindung, wie Hunger oder Durst sein. Der Instinkt veranlasst das Tier dann zu einer entsprechenden Reaktion. Seine Intelligenz dient ihm nur dazu, in richtiger Weise die aktuellen Gegebenheiten dabei zu berücksichtigen. Dies kann zu einer klugen, ja sogar äußerst raffinierten Handlungsweise führen, die unsere Bewunderung erregt, aber immer wird es sich nur um einen einmaligen Denkvorgang handeln. Daraus resultiert die sehr schnelle Reaktion der Tiere auf plötzliche Eindrücke, es gibt kein langes Überlegen. Das Zusammenwirken des instinktiven Triebes mit einer aus Erfahrung gespeisten Intelligenz befähigt das Tier zur Bewältigung aller normalen Anforderungen seines Lebens.

Da der Instinkt Bestandteil des Erbgutes ist, sind seine Änderungen nur in sehr langen Zeiträumen möglich. Deshalb sind grundsätzliche Verhaltensweisen einer Tierart so stabil wie Aussehen, Fortpflanzung, Ernährung und andere ererbte Eigenschaften. Dagegen können sich Gewohnheiten, die auf Intelligenz beruhen, ziemlich schnell ändern. So wissen Vögel recht bald, wo ihnen keine Gefahr droht oder Futter zu finden ist. Wegen der zweitrangigen Rolle der Intelligenz des Tieres gegenüber dem Instinkt kann diese keine schnell fortschreitende Entwicklung erfahren, sondern bleibt ein Hilfsmittel zur Anpassung der Triebe an die Umwelt.

Der menschliche Geist

Wie sieht dagegen der Ablauf einer typisch menschlichen Handlung aus? Auch hier können Sinnesreize in ähnlicher Weise zu Aktionen führen, wie beim Tier. Aber der Mensch kann außer dem durch reines Nachdenken den Willen zu einer Tat entwickeln. Er besitzt also im Gegensatz zum Tier zwei unterschiedliche Quellen, die ihm Handlungsimpulse liefern. Wie lässt sich das erklären? Zunächst bekam der Mensch, wie schon in der Bibel symbolhaft beschrieben, ein Selbstbewusstsein, die Erkenntnis seiner selbst als Verursacher seiner Taten. Ansätze dazu gibt es auch im Tierreich. So wurde beobachtet, dass sich intelligente Tiere im Spiegel selbst erkennen. Doch dieses Bewusstsein ist nur die Voraussetzung für eine sehr viel weiter reichende Eigenschaft des Menschen, die ihn grundsätzlich von allen Tieren unterscheidet: Der Mensch kann sich sowohl seine Handlung, als auch deren Wirkung auf ihr Objekt rein gedanklich vorstellen, ohne sie tatsächlich auszuführen. Das eröffnet ihm die einzigartige Möglichkeit, sich eine etwas andere Handlung auszudenken, wenn ihn die zu erwartende Wirkung nicht befriedigt. Dieser Vorgang lässt sich beliebig oft wiederholen und führt so zu systematischen Überlegungen, zu denen ein Tier prinzipiell nicht fähig ist. Am Ende eines solchen Denkprozesses kann dann der Wille entstehen, eine so durchdachte Aktion wirklich auszuführen. Diese Fähigkeit des Menschen zu systematischen Überlegungen verschaffte ihm seine rasante Entwicklung und seine jetzige Position auf unserem Planeten.

Menschliche Konflikte

Es ist jedoch nicht zu übersehen, dass der bewusste Wille des Menschen sich auch gegen sein Gefühl, das unbewusst Instinktive, Triebhafte in ihm richten kann. Das mag gut sein, wenn damit beispielsweise ein Aggressionstrieb unterdrückt wird, es kann aber auch zum Egoismus, dem Grundübel der Menschheit führen, wenn gemeinnützige Gefühlsregungen aus Verstandesgründen ignoriert werden. Die Gewissenskonflikte, die den beiden unterschiedlichen Antrieben entspringen, die "zwei Seelen" die Goethe in der Brust seines "Faust" miteinander ringen lässt, bestimmen das Miteinander der Menschheit seit ihren frühesten Tagen.

Gibt es eine eindeutige Lösung für derartige Konflikte, eine klare Regel, welche der inneren Stimmen man in einer konkreten Situation befolgen sollte? Kirche und Staat haben mit Geboten und Gesetzen derartige Regeln aufgestellt, ohne die ein einigermaßen friedliches Zusammenleben nicht denkbar wäre. Auch die Philosophen haben ihr Teil dazu beigetragen, indem sie die theoretischen Grundlagen dafür lieferten. Allen diesen Bemühungen ist ein mehr oder weniger deutliches "Du sollst!" gemeinsam, mit dem ein der Gemeinschaft dienliches Handeln und gegenseitige Achtung bezweckt werden sollen. Wir alle wissen, dass diese Lehren bei vielen unserer Mitbürger auf taube Ohren stoßen. Wie könnte man sich auch diesen Leuten nähern, die in einer besinnungslosen Jagd nach persönlichem Glück jeden Maßstab verantwortungsvollen Tuns vermissen lassen?

Moral ohne Dogma

Wer eine dogmatische Regel bewusst nicht befolgt, sollte vielleicht mit einem Appell an seine Vernunft und Klugheit zu beeinflussen sein. Er sollte sich einmal die Zeit nehmen, um sich zu überlegen, was denn sein eigentliches Ziel im Leben ist. Sind es die materiellen Güter, die er angehäuft hat, ist es die Macht, die er an sich gerissen hat, ist es die Berühmtheit, die er mit Einsatz von Gesundheit und Leben errungen hat? Nein, all das sind doch eigentlich nur Mittel, um den eigentlichen Zweck, Glück und Zufriedenheit zu erreichen. Jeder dieser "Glücksjäger" wird spätestens im Alter zu der Einsicht kommen, das alles Errungene, besonders das mit illegalen Mitteln Ergaunerte, ihn diesem eigentlichen Ziel nicht näher gebracht hat. Wozu dann alle diese Anstrengungen? Dabei ist es so einfach, anstelle flüchtiger Glücksmomente dauerhafte Zufriedenheit zu gewinnen, wenn man sich einmal folgende Zusammenhänge überlegt: Wie sorgt die Natur dafür, dass sich unser egoistisch motivierter Wille nicht grundsätzlich gegen unser instinktiv menschenfreundliches Gefühl richtet? Sie mahnt uns mit der Stimme des Gewissens bei solchen Verstößen. Weil das Gewissen dem Unbewussten, Triebhaften in uns entspringt, können wir uns ihm vielleicht zeitweise durch unseren Willen entziehen, auf Dauer wird es aber siegen und uns das rauben, was wir eigentlich erstrebten: Die Zufriedenheit.

Ist uns dieser Zusammenhang einmal klar, der als naturgesetzlich nicht zu umgehen ist, so ist es einfach ein Gebot der Klugheit, sich so zu verhalten, dass die in uns wirkende Natur ihr Strafmittel "Gewissen" nicht einsetzen muss. Indem wir unserer inneren Stimme des Gefühls gehorchen und unseren Verstand nur dazu benutzen, die so motivierten Handlungen bestmöglich auszuführen, nähern wir uns dem Muster, das die Natur im Tierreich seit Urzeiten praktiziert. Der Lohn wird eine innere Harmonie und Zufriedenheit sein, wie wir sie durch keine andere, noch so spektakuläre Lebensweise je erreichen werden.

   

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Datum: 2010

Aktuell: 27.01.2012