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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Urgeschichte der Bibel

Auf Grundlage des Ferienbibelseminars 1982
(Dekanat Reinheim)

Gen 6,5-9,22 Die Sintflut

Email:

6,5-8 Der Vernichtungsbeschluss

6,9-10 Das Geschlecht Noahs

6,11-22 Gott offenbart sich Noah

6,14-16 Bau der Arche

   Die Arche

      Konstruktion

         Bibel

         Babel

      Größe

      Bestandteile

      Die Sintflut

      Die Tiere

7,1-5 Eine weitere Offenbarung

7,6-9 Der Einstieg in die Arche

7,10-16 Beginn der Sintflut

7,17-24 Der Höhepunkt der Flut

8,1-5 Der Rückgang der Flut

8,6-12 Aussendung der Vögel

8,13-19 Noah steigt aus

8,20-9,11 Neuordnung der Welt nach der Flut

8,20 Noahs Opfer

8,21+22 Gottes Reaktion auf das Opfer

Der Sinn der Geschichte

Katastrophe als Strafgericht

ein mögliches Ende der Welt

Das Ausleseprinzip

Fortsetzung der Schöpfung

 

6,5-8 Der Vernichtungsbeschluss

     

Weil die menschliche Bosheit überhand nimmt, beschließt Gott, Mensch und Tier zu vernichten. Da die Tiere mit und für den Menschen geschaffen wurden, hat ihre Existenz ohne den Menschen keinen Sinn mehr, Gott bereut, dass er die Menschen geschaffen hat, "und es tat ihm weh": Für "weh" ist derselbe Ausdruck gebraucht wie bei den Wehen der Frau und der Mühsal des Mannes in Kap. 3. Der Ausdruck zeigt, dass Gott die Vernichtung der Menschen keinen Spaß macht; er leidet unter den Folgen der Bosheit genauso wie Adam und Eva unter den Folgen ihres Tuns leiden mussten. Dass Gott es Leid tut, dass er die Menschen wieder vernichten muss, macht ihn sympathisch. Er ist kein herzloser Tyrann, der aus bloßem Nützlichkeitsdenken seine Schöpfung wieder zerstört, sondern er fasst den Vernichtungsbeschluss mit innerem Schmerz.

Aber in seinem Schmerz erkennt Gott, dass die Menschheit nicht hoffnungslos verloren ist: Einer ist noch da, der sein Wohlwollen genießt: Noah.

6,9-10 Das Geschlecht Noahs

     

Das Stichwort "Geschlecht" knüpft an das Geschlechtsregister in Kap. 5 an, das mit einer ähnlichen Formulierung eingeleitet wird. Noah wird beschrieben als ein "gerechter" Mann, dem man nichts vorzuwerfen hat, und als ein "fehlerloser" Mann. Das sind Ausdrücke, die nicht die Frömmigkeit Noah kennzeichnen, sondern seine Untadeligkeit, die wohltuend unter seinen Zeitgenossen ("zu seinen Zeiten") auffällt. Seine Frömmigkeit wird mit denselben Worten wie bei Henoch gekennzeichnet: "Er wandelte mit Gott." Noah und Henoch führen ein Leben in ständiger Gemeinschaft mit Gott (derselbe Ausdruck wird 1. Samuel 25,15 vom Zusammenleben von Menschen gebraucht).

6,11-22 Gott offenbart sich Noah

     

An Noah kann Gott seine Freude haben; umso unangenehmer fällt seine sündhafte Umwelt auf, die jetzt mit neuen Worten beschrieben wird: Vorherrschend ist das Stichwort verderben: Die Erde ist verderbt, alles Fleisch hat seinen Weg verderbt, deshalb will Gott die Erde und alle Lebewesen verderben [1]. Gott macht die Welt kaputt, weil sie schon kaputt ist. Schuld und Strafe entsprechen sich genaustens. Das heißt, genau genommen dürfen wir nicht von Strafe reden, denn Strafe ist eine willkürliche Maßnahme, wie sie z.B. Gott über Adam und Eva verhängt. Die Vernichtung der nichtigen Welt durch die Sintflut ist etwas anderes: Gott bestätigt eigentlich nur die bestehende Verderbnis der Welt und leitet damit den Untergang ein, der sich aus der Verderbnis automatisch von selbst ergeben muss. Die Sintflut ist eigentlich keine Strafe, die Gott verhängt, sondern die automatische Folge der Verderbnis. Gottes Urteil schaltet sich nur ein, damit alles mit rechten Dingen zugeht.

Der Ausdruck verderbt ist ja nur eine negative Kennzeichnung, Worin besteht aber die Schlechtigkeit der Welt? Das zeigen die Worte: "Die Erde ist voller Frevel." Was Luther mit "Frevel" übersetzt, bedeutet eigentlich 'Gewalttat; Unrecht, das man an anderen verübt'. Aus anderen Bibelstellen wird klar, dass mit diesem Ausdruck hauptsächlich das Blutvergießen gemeint ist (z.B. Richter 9.24), Durch diese Verbrechen wird eine unerträglich Blutschuld auf das Land geladen (vgl. das ähnliche Bild in Gen 4), die nach Sühne und Reinigung schreit.

6,14-16 Bau der Arche

     

Die Arche

Name

Noah soll gerettet werden und zu diesem Zweck eine "Arche" bauen.

Das hier gebrauchte hbr. Wort tébâ ist wie unser Arche ein Spezialausdruck, der nur für diesen schwimmfähigen Kasten verwendet wird – mit einer bezeichnenden Ausnahme: auch das "Binsenkörbchen des Mose" trägt diesen Namen. Wir werden darauf noch zurückkommen.

Das hbr. Wort תבה (tébâ) scheint ein Lehnwort aus dem Ägyptischen zu sein: äg. dbt 'Kasten, Sarg', dpt 'Barke', ḏb3t 'Sarkophag'. Interessant ist die Bedeutung 'Sarkophag' für unseren Zusammenhang: Noah und Mose sind durch den Wassertod bedroht, sie werden diesem Tod in einem schwimmenden Sarg ausgeliefert – und überleben.

Warum gebraucht das Hebräische für die Arche ein Lehnwort und nicht das hebräische Wort árôn 'Kasten, Bundeslade, Sarg'? Vielleicht aus demselben Grund, weshalb wird auch ein Lehnwort (lat. arca 'Kasten') dafür benutzen: Die Arche war eine einmalige, nicht wiederholbare Konstruktion, die deswegen einen einmaligen, altertümlich klingenden Namen trägt. Zugleich deutet der Gebrauch eines Wortes aus eine fremden Sprache an, dass Noah kein Israelit war und nicht hebräisch sprach. Ein Ägypter war er allerdings auch nicht; ausgerechnet die Ägypter haben keine Sintflutgeschichte überliefert, und zwar mit gutem Grund: Überschwemmungen bedeuten in Ägypten nicht den Tod, sondern das Leben.

Warum also ein ägyptisches Wort? War tébâ ursprünglich der Name des "Binsenkörbchens" gewesen? Das verwendete Material in einem holzarmen Land deutet auf einen gut ägyptischen Hintergrund der Mosegeschichte: Schilf wurde oft zum Schiffbau benutzt. Der Ausdruck tébâ stammt also von der Mosegeschichte und wurde wegen der Ähnlichkeit auf die Arche Noah übertragen. Damit trat allerdings auch ein umgekehrter Vorgang ein: Dass man Holzschiffe mit Teer kalfatert, ist notwendig und üblich. Schilfboote dagegen werden nicht kalfatert, sie schwimmen auch so. Wenn aber von der "Arche Mose" berichtet wird, sie sei ebenfalls mit Teer wasserdicht gemacht worden, so stammt dieser Zug aus der Noah-Überlieferung.

Konstruktion

Bibel

Damit wären wir bei der Konstruktion der Arche. Das verwendete Material ist gopär-Holz. Was das für ein Baum war, wissen wir nicht, weil der Ausdruck in der Bibel nur hier vorkommt. Offenbar handelt es sich um einen Nadelbaum, denn das Wort für 'Teer', hbr. kopär erinnert an diese Baumart: Grundstoff für die Teergewinnung ist das Harz der Bäume. [2]

Aus diesem Material soll Noah seinen Kasten bauen (er hat bei der Arbeitsanweisung offenbar eine Vorstellung davon, wie eine Arche aussehen muss), und zwar so, dass "Kammern" drinnen sind. Später erfahren wir auch, dass sie aus drei Stockwerken besteht, also eher ein mehrstöckigen Haus als ein Kasten. Diese Konstruktion soll Noah innen und außen mit Teer abdichten, wie es bei Holzschiffen üblich ist.

Die Maße beschreiben ein überaus großes Bauwerk: 140 m lang, 12 m breite und 12 m hoch (sechsmal so lang und doppelt so breit wie der salomonische Tempel!). Die meisten Arche-Bilder zeigen die Arche als plumpen Kahn mit einem hausartigen Aufbau. Dies entspricht in keiner Weise der Baubeschreibung, denn nach dem Verhältnis der Maße war sie eher ein schnittiges Schiff als ein plumper Kahn. Wahrscheinlich hat sie sich der Erzähler auch als eine Art Schiff vorgestellt.

Arche traditionell
Ausschnitt aus: Der Gemeindebrief 1

Arche nach der Bibel

Für einen Sarg wäre die Arche mit einem Längen- Breitenverhältnis von 6:1 doppelt so lang, wie sie sein müsste. Der Erzähler hat bei seinen Maßangaben anscheinend wirkliche Schiffe vor Augen gehabt, nur dass die Arche viel größer war.

Babel

Interessant sind in diesem Zusammenhang Maßangaben für die Arche aus außerbiblischer Überlieferung: Im babylonischen Epos trägt sie zwar den Namen elippu "Schiff", aber die Maße betragen für Länge, Breite und Höhe gleichmäßig 120 Ellen = ca. 60 m. Die babylonische Arche ist also würfelförmig und hat überhaupt keine Ähnlichkeit mit einem Schiff. Vielmehr soll die Gestalt wohl ein Abbild der Welt sein; deshalb trägt die Arche auch ein Dach (wie die Welt: der Himmel). [3] Die Zahl 120 und die würfelförmige Gestalt hat wohl eine symbolische Bedeutung: Die Arche hat die vollkommene Gestalt.

Größe

Der Sinn der babylonischen Zahlenangaben ist also zu verstehen.

Wie aber kommt der biblische Erzähler auf seine Zahlen? Entweder hat er einfach versucht, sich ein riesengroßes Schiff (entsprechend den Maßen eines modernen Riesenfrachters) vorzustellen – oder er hat Anhaltspunkte an überlieferten Maßen der angeblichen Überreste der Arche auf dem Ararat gehabt.

Schon der jüdische Schriftsteller Josephus (0er-Jahrhundert n. Chr.) berichtet nämlich, dass man auf einem Berg in Armenien die Reste der Arche zeigte, deren Harz man als Zaubermittel verwende, Er beruft sich dabei auf frühere Schriftsteller, u.a. den Chaldäer Berossus (um 300 v. Chr.). Und bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, auf dem Berg Ararat in Armenien seien Überreste der Arche zu sehen. Es kann also sein, dass den biblischen Angaben die tatsächlichen Maße dieses angeblichen Archenrestes zugrunde liegen.

Bestandteile

Zurück zur Baubeschreibung: Was mit dem "Fenster" in Luthers Übersetzung gemeint ist, wissen wir nicht genau, da der hebräische Ausdruck nur an dieser Stelle vorkommt. Die Deutung "Fenster" stammt aus der lateinischen Übersetzung. Ein ähnliches arabisches Wort bedeutet "Rücken" oder "Schiffsdeck". Vielleicht ist an ein Dach gedacht, das um 1 Elle übersteht. Ein überdachtes mehrstöckiges Bauwerk mit einzelnen Kammern entspricht nun allerdings nicht dem, was man damals an Schiffen kannte. Erst recht passt nicht die Tür dazu, die bei der geschlossenen Bauweise natürlich notwendig ist. Die Tür kann eigentlich nur am oberen Stockwerk angebracht gewesen sein, weil die unteren Stockwerke ja im Wasser lagen. Größe und Baubeschreibung passen zwar nicht zu antiken, jedoch ganz gut zu modernen Schiffen.

Was die Arche allerdings von Schiffen aller Zeiten unterscheidet: Ihr fehlt der Antrieb und das Steuer. Sie war also nicht zu navigieren, hatte auch kein Ziel zu erreichen, sondern diente lediglich dazu, die Sintflut zu überleben, ähnlich wie die Arche Mose. Darum sind beide auch mit Dach und Pech hermetisch abgedichtet (bei der Arche Noah ist ein Dach ja sinnvoll, bei der Arche Mose genauso unnötig wie der Teer). Die Arche ist verschlossen wie ein Sarg, eine Welt im Kleinen.

Die Sintflut

Gott hatte bisher nur angedeutet, dass er die Welt vernichten will. Dann gab er Noah die Anweisung zum Bau der Arche. Aber erst jetzt begründet er, warum die Arche notwendig ist: Er will eine Sintflut kommen lassen.

Obwohl dieser Ausdruck manchmal auch <Sündflut> geschrieben wird, hat er nichts mit der Sünde zu tun; das zugrunde liegende Wort, althochdeutsch sin bedeutet vielmehr 'immer und überall': also 'die umfassen de Flut'. Das hbr. Wort mabbûl bedeutet einfach 'Flut', wahrscheinlich ein Fremdwort aus dem Ostsemitischen (biblu, bubbulu).

Aus Psalm 29,10 geht hervor, dass mit mabbûl aber nicht eine Überschwemmung gemeint ist, sondern der Himmelsozean, über dem Gott seinen Thron hat. Wenn also Gott also "die Flut von Wassern auf die Erde kommen lassen" will, wie wörtlich zu übersetzen ist, dann lässt er nicht einfach regnen, sondern er lässt den gesamten Himmelsozean ab. Damit aber wird die mühsam erreichte Scheidung von "Wasser oberhalb und unterhalb der Himmelsfeste" bei der Schöpfung wieder rückgängig gemacht. Sintflut ist Aufhebung der Schöpfung, Rückkehr ins Chaos, wie es vor der Schöpfung herrschte.

Wie eng Schöpfung und Sintflut zusammengehören, zeigt Psalm 104,5-9: Gott hat die Erde auf ihrem Untergrund ("Säulen") festgemacht; sie war von der Urflut (tehôm) bedeckt, die aber von Gott weggejagt wurde (Erinnerung an heidnischen Mythus vom Kampf Gottes gegen die Urflut), und der er verboten hat, wieder die Erde zu bedecken. – Hier wird also die Möglichkeit einer Sintflut erwogen, aber verworfen. Vergleiche dazu den Schluss der Sintflutgeschichte.

Die Tiere

Gott schließt mit Noah einen Bund, d.h. er gewährt ihm eine Ausnahmeregelung, und er hat keineswegs vor, wirklich "alles Fleisch" zu verderben: Auch von der Schöpfung soll das Notwendigste, je ein Pärchen aller Tiere gerettet werden. Natürlich wird auch die Familie Noah in den Bund eingeschlossen. Zur Ladung der Arche gehören auch die notwendigen Lebensmittel.

Die Angabe "Von allen Tieren je ein Pärchen" steht in Widerspruch zur Auskunft 7,2, Noah soll von den reinen = zum Essen erlaubten Tiere je sieben, von den unreinen aber je ein Paar mitnehmen. Hier spielt also eine andere Überlieferung eine Rolle, die der Erzählung zugrunde liegt. Genauso fallen uns auch die unterschiedlichen Angaben über die Dauer der Flut auf. Man kann diese Verschiedenheiten auf unterschiedliche Angaben in den Quellenschriften zurückführen. Es kann aber unsere Aufgabe nicht sein, die Quellenschriften auszulegen, sondern wir müssen uns mit dem vorhandenen Text befassen.

Danach ist 7,2 so zu verstehen, dass diese Anweisung die vorherige (je ein Pärchen) dahingehend erweitert, dass Noah von den reinen Tieren mehr mitnehmen soll. Warum? Damit die reinen Tiere eine bessere Vermehrungschance haben? Sicher nicht, denn warum dann die ungerade Zahl 7? Etwa deshalb, damit Noah in der Arche ein paar Tiere schlachten und nach der Sintflut eins opfern kann?

Die für damalige Verhältnisse riesige Größe der Arche mit ihren drei Stockwerken hat also ihren Grund darin, dass Noah ja von jeder Tierart ein paar Tiere mitnehmen muss. Da braucht er entsprechend Platz. Und bei der langen Dauer der Flut muss er auch entsprechend viel Proviant mitnehmen. Ein Ausleger des 16er-Jahrhunderts hat ein ganzes Deck nur für Proviant und ein weiteres Deck für Abfälle reserviert: Noah war ein umweltbewusster Mensch und warf nichts weg, will er damit sagen.

In der babylonischen Fassung der Geschichte dagegen nimmt der Sintflutheld nur seine Haustiere mit, was ja auch verständlich ist. Wir können also folgende Entwicklung nachzeichnen:

  • Babylon: nur Haustiere

  • Jahwist: 7 reine und 2 unreine Tiere jeder Art

  • Priester: von jeder Art ein Pärchen.

Wenn wir uns diese Vorgeschichte vor Augen halten, ist es müßig zu fragen, wie Noah die vielen Tiere denn eingefangen haben kann, und wie es kam, dass er nichts vergessen hat: Das Einfangen und der Transport von Haustieren ist technisch kein Problem und dürfte vielleicht auch historischen Gegebenheiten entsprechen.

Nachdem man sich aber bewusst wurde, dass die Sintflut eine weltweite Katastrophe war, die die unschuldige Tierwelt mit ausrottete, musste man erklären, wieso es heute außer Menschen und Hautieren auch andere Tiere gibt. Der Transport aller Tierarten ist also eine theologische Konstruktion, eine Theorie, deren Ausführung wir uns nicht vorstellen können. Sollte man meinen. Trotzdem gibt es eine einleuchtende Antwort: Ein Ausleger denkt daran, dass die Tiere das drohende Unheil witterten und freiwillig zur Arche kamen.

Auf Bildern gehören zur Besatzung der Arche regelmäßig auch exotische Tiere wie Löwen, Elefanten und Giraffen. Der Erzähler hat aber sicher in erster Linie an die wilden Tiere seiner Heimat gedacht wie Löwen, Wildesel, Gazellen.

Und was war mit den Fischen und Pflanzen? Sie werden nicht erwähnt. Die Fische wurden durch die Flut sicherlich nicht bedroht. Wie aber war es mit den Pflanzen? Da der Erzähler der Meinung ist, dass die "Erde die Pflanzen hervorbringt" (u. zw. aus Samen), war es für ihn keine Frage, dass der Fortbestand der Pflanzen nach der Sintflut auch ohne Arche gewährleistet war.

7,1-5 Eine weitere Offenbarung

     

Die fast wörtliche Übereinstimmung von 6,22 und 7,5 zeigt, dass dieser Abschnitt die jahwistische Variante zum Vorigen enthält. Die wichtigsten Unterschiede sind:

  Jahwist   Priester
  je 7 reine und 2 unreine Tiere je 2 Tiere überhaupt
  Sintflut = Regen Sintflut = mabbûl
  Dauer: 40 Tage Dauer: 2 x 150 Tage?

Nach dem heutigen Zusammenhang müssen wir diesen Abschnitt verstehen als Befehl, in die Arche zu gehen. Gott ändert seine ursprüngliche Anweisung dahin ab, dass Noah von den reinen Tieren sieben mitnehmen soll. Nachdem er vorher allgemein eine Sintflut angekündigt hat, macht er jetzt genauere Angaben: Heute in einer Woche soll es 40 Tage und Nächte lang regnen. Das alles ergibt einen fortlaufenden, fast störungsfreien Zusammenhang, so dass die Ergebnisse der Quellenscheidung für die Auslegung belanglos sind.

7,6-9 Der Einstieg in die Arche

     

Die unvermutete Altersangabe gehört zum chronologischen Gerüst der Sintflutgeschichte: Die Sintflut beginnt im Jahr 1656 nach der Schöpfung; nach unserer Zeitrechnung im Jahr 2455 v. Chr. Noah gehört mit seinem hohen Alter (9,1: 950 Jahre) noch zu den Urvätern. Er lebte noch, als Abraham geboren wurde.

     

7,10-16 Beginn der Sintflut

Wie angekündigt, beginnt die Sintflut pünktlich eine Woche später. Mit dem 17. Tag des 2. Monats ist wahrscheinlich nicht der Lebensmonats sondern das "Kalenderdatum" gemeint. Unklar ist allerdings, ob der alte kanaanäische Kalender (Beginn im Herbst) oder der babylonische (Beginn im Frühling) gemeint ist.

Für den Herbsttermin spricht folgendes:

  • Im Herbst beginnt die Regenzeit.

  • Nach 8,13 war die Sintflut am 1. Tag des 1. Monate im 601. Jahr Noah zu Ende. Mit dem jüdischen Neujahrstag beginnt eine neue Ära.

  • Nach Jüdischer Auffassung wurde die Welt ebenfalls im Herbst geschaffen, Der erste Schöpfungstag war Sonntag, der 1. Tischri im Jahr 1657 vor Beginn der Sintflut.

Die Sintflut wird wie oben auf 2 Arten erklärt:

  • Jahwist: ein vierzigtägiger Regen

  • Priester: Mabbûl = Öffnung der Brunnen der großen Tiefe (tehôm) unter der Erde und der Fenster des Himmels; Der Urozean bricht über die Erde herein und stellt das Urchaos wieder her.

Zwischen der Angabe über den 40-tägigen Regen in V.12 und dem 150-tägigen Ansteigen der Flut in V 24 besteht ein nur schwer aufzulösender Widerspruch. Die Zahlen stammen aus den verschiedenen Quellen. Trotzdem muss sich der Endherausgeber etwas gedacht haben, als er beide Zahlen und Deutungen nebeneinander stehen ließ: Der 40-tägige Regen war nur ein Teil der Sintflut, das, was aus den "Fenstern des Himmels kam"; der Rest war Wasser aus den "Brunnen der Tiefe".

In den folgenden Versen wird mit Worten des Priesters nochmals der Einstieg in die Arche beschrieben. Das klingt wie ein Nachtrag und ist im jetzigen Zusammenhang wohl als genaue Bestandsaufnahme vor dem Zuschließen der Tür gemeint (dieses Motiv wird dem Jahwisten zugeschrieben). Durch die Kombination beider Quellen entsteht eine hübsche Schilderung von Gottes Fürsorge: Gott selbst schaut nach, ob alle drin sind, und schließt dann die Tür zu. Den Leuten in der Arche kann nichts passieren, und es kann keiner der Sünder, die ertrinken sollen, einsteigen. [4]

     

7,17-24 Der Höhepunkt der Flut

Die dreimalige Erwähnung, dass das Wasser anstieg, ist ein gutes erzählerisches Mittel zur Veranschaulichung. Die Arche wird emporgehoben und schwimmt auf dem Wasser, und das Wasser bedeckt schließlich auch die Berge, Warum gerade 15 Ellen oben drüber? Weil die Arche 15 Ellen Tiefgang hatte. Sie bleibt also vor dem Absinken der Flut nirgends hängen; umgekehrt muss sich die kleinste Veränderung des Wasserspiegels durch das Aufsetzen auf dem Ararat bemerkbar machen.

Erwünschte Folge der Flut ist, dass außer der Besatzung der Arche "alles Fleisch" unterging. Der dreimaligen Schilderung vom Ansteigen des Wassers entspricht die dreifache Aufzählung der ausgerottet Lebewesen. Die Überschwemmung auch des höchsten Berges ist notwendig, damit keiner die Chance hat, sich auf einem Berg zu retten. Allerdings müsste dann das Wasser mindestens 5170 m hoch gestanden haben (der Große Ararat ist 5165 m hoch).

     

8,1-5 Der Rückgang der Flut

Grund für das Ende der Flut ist nicht das natürliche Versiegen der Quellen, sondern dass Gott an Noah und seine Leute denkt. Sie will er retten; daher gebietet er der Flut Einhalt, sobald sie ihr Vernichtungswerk vollendet hat.

Äußere Ursachen für das Ende sind zweierlei:

  1. Ein Wind treibt die Flut wieder weg [5]

  2. die Quellen werden verstopft und "dem Regen wird gewehrt". [6]

Nach 150 Tagen nimmt dass Wasser endlich wieder ab; genau 5 Monate (=5+30 Tage) nach Beginn der Flut, im 7. Monat (Adar, Ende Februar) setzt die Arche auf dem "Gebirge Ararat" auf.

Ararat

ist in der Bibel kein Berg-, sondern ein Landname (z.B. 2. Kön 19.37; es ist das Land Armenien). Babylonische Quellen denken an einen Berg in Kurdistan, also südlich davon. Dabei werden immer wieder andere Bergnamen genannt. Heute denkt man an den höchsten Berg des armenischen Berglandes, an den Große Ararat, heute Türkei an der Grenze nach Armenien. Wie Erzählungen über die Sintflut ist auch das Motiv von der Landung auf dem höchsten bekannten Berg weltweit verbreitet. Der indische Noah landet auf dem Himalaja. Das Gebirge Ararat (armenisches Bergland) ist im Gesichtskreis der Bibel das Land mit den höchsten Bergen.

Wieso landet Noah überhaupt auf einem Berg? Das Motiv hat zwei Wurzeln:

  1. Bei einer Überschwemmung kann man sich retten, indem man auf einen Berg steigt

  2. oder sich in ein Schiff begibt.

Bei manchen Fluterzählungen rettet sich der Held einfach auf einen Berg. Die Landung mit dem Schiff auf dem Berg kombiniert beide Möglichkeiten.

Wenn in der Flut alle ertrinken sollen, müssen auch die höchsten Berge unter Wasser stehen. Dann liegt es nahe, dass die Arche eher auf einem Berg als im Tiefland landet. Von dieser Vorgeschichte des Motivs her scheint also die Frage einleuchtend geklärt. Naturwissenschaftliche Hilfstheorien sind überflüssig.

Wie kommt nun die Bibel gerade auf das armenische Bergland, bzw. wie kommen Spätere auf den Großen Ararat?

Das armenische Bergland ist im Gesichtskreis von Israel das höchste bekannte Bergland. Das ist für ein Volk, das keinen Handel treibt und von der Seefahrt nichts versteht, auch keine Eroberungszüge führt, erstaunlich. Denn Armenien liegt für Israel am Ende der Welt, 1300 km entfernt. Die sprichwörtlichen Hochgebirge Israels sind dagegen der viel näher gelegene Hermon und der Libanon.

Da die Väter Israels aus dem nördlichen Euphratgebiet, vielleicht sogar aus dem armenischen Bergland stammten, konnten sie sich auf alte Überlieferungen berufen.

Die Armenier selbst behaupten, der Landungsberg sei der höchste Berg ihres Landes, der Große Ararat, (pers. Kuh-i-Nuch 'Berg Noahs') gewesen. Die Wahl dieses Berges ist bei Ortskenntnis eigentlich nicht erstaunlich.

Das Aufsetzen der Arche zeigt, dass der Höhepunkt der Flut überschritten ist. Das Wasser fällt wieder, und der Erzähler vermerkt, dass am 1. Tag des 10. Monats (Tammus, Ende Juni) die Spitzen der Berge hervor sahen., Der Landungsberg scheint tatsächlich der höchste Berg überhaupt gewesen zu sein.

8,6-12 Aussendung der Vögel

     

Dass Seefahrer Vögel mit sich führten, um aus ihrem Flug die Richtung zum Land herauszufinden, war im Altertum anscheinend üblich. Hier soll wohl gesagt werden, dass Noah diesen Brauch erfunden hat.

"Nach 40 Tagen" bezog sich nach Rechnung des Jahwisten auf die Gesamtdauer der Sintflut. Also: Noah ließ nach Aufhören des Regens den ersten Vogel fliegen, dem dann zwei andere in einwöchigem Abstand folgten. Damit hätten wir den zeitlichen Rahmen des Jahwisten: 7 Tage vom Einstieg bis zum Beginn des Regens, 40 Tage Regen und 14 Tage bis zum völligen Ablaufen des Wassers.

Im jetzigen Zusammenhang bezieht sich "nach 40 Tagen" aber auf die Zeitangabe von V. 5: Der 40. Tag ist der 10. Tag des 11. Monats. An diesem Tag ließ Noah kurz hintereinander den Raben und die Taube fliegen. Am 17. Tag flog die 2. Taube los, am 24. Tag die dritte.

Abermals 7 Tage später, am 1. Tag des 1. Monats überzeugt sich Noah selbst, dass das Wasser abgelaufen ist. Damit passen sie Zeitangaben aus dem Vogel-Abschnitt gut in die Monatszählung der Priesterschrift. Auch hier ist zu erkennen, dass die jetzt vorliegende Gestalt der Geschichte ihren Sinn hat und die Quellenscheidung nichts erklärt.

Der Rabe wirkt in dem Vogelabschnitt neben den drei Tauben wie ein Fremdkörper. Man vermutet meist, es handle sich bei ihm um den Rest einer andersartigen Überlieferung. Aber vielleicht ist das Nebeneinander von Rabe und Taube Absicht: Rabe und Taube sind Vögel mit gegensätzlichen Eigenschaften:

  Rabe Taube
  schwarz weiß
  wild auch zahm
  unrein rein
  Fleischfresser Körnerfresser

Die Raben gelten in der Bibel als Beispiel der göttlichen Fürsorge: Obwohl sie nicht sammeln, ernährt sie der himmlische Vater doch (Lukas 12,24), und sie sind trotzdem in der Lage, den hungrigen Elia mit Brot und Fleisch zu versorgen (1, Kön 17.6). Der Rabe gilt wie die Taube in heidnischer Religion als Bote der Gottheit, könnte also auch hier eine Art Botenfunktion haben. Und schließlich denken wir daran, dass der Vogel ein uraltes Symbol für den Geist (die Taube für den heiligen Geist) ist.

Die Aussendung des robusten Raben erweist sich als Fehlschlag. Er kann sich 14 Tage oder länger über Wasser halten. Er ist außerdem ein menschenscheuer Vogel, dem offenbar das wochenlange Fliegen lieber ist als der Aufenthalt in der Arche.

Aus dem Flug des Raben kann Noah also auch keine Schlüsse ziehen. Oder hatte er das auch gar nicht vor? Wollte er dem freiheitsliebenden Vogel einfach bloß die Freiheit geben?

Erst bei der Taube erfahren wir, was Noah damit vorhatte: Er will erfahren, ob die Erde trocken ist. Da die Taube bald wieder zurückkehrt, ist das nicht der Fall. Die 2. Taube kommt auch zurück, aber mit einem frischen Ölblatt (also nicht einem Rest von vor der Sintflut, sondern einem frisch gewachsenen).

Erst die dritte Taube zeigt durch ihr Nichtzurückkommen, dass sie jetzt Platz zum Hinsetzen gefunden hat.

Die Vogelgeschichte setzt übrigens voraus, dass Noah wirklich mehr als zwei von den reinen Tieren mitgenommen hat.

Wir wundern uns, warum Noah erst die Vögel auf Kundschaft ausschickt und nicht gleich selbst nachsieht. Die Auskunft, dass die Vögel schon in der babylonischen Vorlage vorkommen, befriedigt nicht, denn der Erzähler hat seine Vorlage ja nicht einfach abgeschrieben.

Sondern er hat sich auch hier was dabei gedacht:

Da der Vogel ein Symbol für Seele und Geist ist, zeigt Noah durch das Ausschicken der Vögel, wie sehr er sich selbst danach sehnt, Land zu sehen und die Arche wieder zu verlassen. Vgl. Psalm 55,7 "O hätte ich Flügel wie Tauben, dass ich wegflöge und Ruhe fände". Die Tauben sind also ein Bild für die Sehnsucht Noah, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen.

8,13-19 Noah steigt aus

     

Pünktlich zum Neujahrsfest am 1. Tischri ist das Wasser wieder abgelaufen; die Erde ist trocken. Noah entfernt die "Deckel" von der Arche und stellt fest, dass kein Wasser mehr da ist. Das Wort "Deckel' kommt in der Baubesehreibung in Kap 6 nicht vor; es entspricht wohl dem dort geschilderten "Deck", stammt aber aus anderer Überlieferung (Jahwist). Wenn Noah so einfach die Decke wegtun kann, so war sie wohl nicht aus festem Holz, sondern bestand aus Planen. Nach der älteren Vorstellung war das Entfernen der Decke die einzige Möglichkeit, aus der Arche herauszusehen.

Merkwürdig ist die nun folgende Notiz, die Erde sei erst am 27. Tag des 2. Monats trocken gewesen. Das ist sicher so gemeint, dass am 1.1. die Erde nicht mehr von Wasser bedeckt war (das hbr. Wort wird vor allem vom Versiegen von Gewässern verwendet) und am 27.2. der Erdboden abgetrocknet, nicht mehr schlammig war (das hbr. Wort bedeutet u.a. auch "verdorren" von Pflanzen). Die Flut hat demnach vom 17.2. des 600. Jahres bis zum 27.3. des 601. Jahres gedauert, also 1 Jahr 11 Tage. Wieso dies? Wenn wir annehmen, dass die Monate echte Mondperioden waren, so ergaben 12 Monate nur 354 Tage. Zählt man 11 Tage dazu, so erhält man ein volles Sonnenjahr mit 365 Tagen. Die Sintflut hätte demnach ein volles Sonnenjahr gedauert. Die elf Tage gleichen also das Mondjahr mit dem Sonnenjahr aus.

Noah steigt nun nicht auf eigene Faust, sondern auf ausdrücklichen Befehl Gottes aus, wobei der Erzähler nicht vergisst, zu registrieren, dass alle Archenbewohner noch vorhanden sind.

8,20-9,11 Neuordnung der Welt nach der Flut

8,20 Noahs Opfer

     

Dass der Sintflutheld sofort nach dem Verlassen der Arche opfert, finden wir in vielen außerbiblischen Sintflutgeschichten. Auch von Noah wird das berichtet: Er baut einen Altar und opfert darauf von allen reinen Tieren und Vögeln. Wieder einmal wird deutlich, weshalb Noah von diesen Tieren mehr mitnehmen musste, als zum Weiterleben nötig war.

Hier wird auch deutlich der Unterschied zwischen dem Opfer von Kain und Abel und dem Opfer Noahs:

Kains und Abels Opfer waren Erstlingsopfer, eine Art Erntedankgabe. Diese Opfer werden jährlich wiederholt. Sie werden bezeichnet mit dem allgemeinen Ausdruck hbr. minḥâ (später Fachausdruck für das so genannte Speisopfer, siehe unten). Von einem Altar ist keine Rede.

Das Opfer Noahs dagegen wird auf einem eigens gebauten erhöhten Altar dargebracht; da Gott das Opfer "riecht", ist es verbrannt worden; das geht auch aus dem Spezialausdruck ʕolâ (wörtlich "die aufsteigende") hervor, der in der Bibel regelmäßig ausdrückt, dass ein Tier ganz auf einem Altar verbrannt wird (Luther übersetzt "Brandopfer"). Im Unterschied zu anderen Opferarten behält Noah nichts zurück, sondern stellt das Opfertier Gott ganz zur Verfügung.

Andere Opferarten waren:

  • Mahlopfer (zäbaḥ), von Luther "Schlachtopfer" genannt An bestimmten Feiertagen schlachtete die Sippe an heiliger Stätte ein Tier, goss das Blut weg, verbrannte Innereien und Fett und verzehrte das Fleisch gemeinsam. Durch das Opfermahl versuchte man wie heute beim Abendmahl Gemeinschaft mit Gott herzustellen.

  • Blutopfer (ḥaṭṭát, ášám) zur Sühne von Sünden. Dem Tier wird symbolisch die Schuld aufgeladen. Es wird getötet, das Blut wird auf den Altar gegossen; der Kadaver gilt als unrein und wird außerhalb des Heiligtums verbrannt.

  • Tempelopfer wie Speisopfer (3. Mose 2 als minḥâ bezeichnet) bestehend aus Gebäck und Mehl, Trankopfer (Wein und Öl, welche man ausgießt) und Weihrauch, der auf einem Räucherständer verbrannt wird.

Wir sehen an dem Vergleich: Noah will weder den Zorn Gottes mit einen Blutopfer beschwichtigen noch feiert er ein Schlachtfest, sondern er macht Gott ein Geschenk, dankt damit seinem Retter und huldigt seinem Herrn. Der Opferrauch [7] steigt zum Himmel auf (daher der Name des Opfers ʕolâ "aufsteigend"); in ihm ist das Opfertier in eine Substanz verwandelt, die dem Wesen Gottes angemessen ist, nämlich in Geist [8]. Gott nimmt den Rauch wahr, indem er ihn riecht [9], und lässt sich dabei evtl. auch mal in seinem Zorn [10] beschwichtigen. [11]

Das Opfer wird auf einen Altar (mizbéa) dargebracht. Nach 2. Mose 20,24-26 sollte er aus Erde oder unbehauenen Steinen errichtet werden, und zwar ohne Stufen, wie es bei heidnischen Altären üblich war. Wie das Wort mizbéa zeigt, hängt der Name des Altars eng mit dem Schlachtopfer (zäbaḥ) zusammen: Auf ihn wurde das Opferblut gegossen, und auf ihm wurden die für Gott bestimmten Opferstücke verbrannt. Nach Funden waren solche Altäre das, was wir uns drunter vorstellen: steinerne Tische (z.T. aus einen einzigen Felsblock), auf die man das Opfer legte.

Es gab aber auch größere Altäre, die keine Tische, sondern eher aufgeschüttete Rampen waren, z.T. kreisförmig, die man auf Stufen betreten konnte. Sie sind wahrscheinlich mit den Namen "Höhe" (bámâ) gemeint, der zur Bezeichnung heidnischer Heiligtümer verwendet wird. Solche Rampen (vgl. griech bêma 'Podest') waren wohl eher für Brandopfer geeignet, die auch in großen Massen dargebracht wurden.

Der typisch israelitische Altar aber ist der Steintisch (mizbéa) gewesen, auf den man auch Brandopfer dargebracht hat. Andere Wörter für Altar sind "Opferherd" (arîʔél, Hes. 43,15 vom Brandopferaltar im Tempel) und "Brandstätte" (topät, nur von der Opferstätte für Kinder im Hinnomtal bei Jerusalem).

8,21+22 Gottes Reaktion auf das Opfer

     

Die Art, wie Gott auf das Opfer reagiert, erweckt fast den Eindruck, als lasse er sich durch den "lieblichen Duft" des Opferrauches in seinem Zorn besänftigen. In der babylonischen Erzählung wird ein ähnlicher Ausdruck verwendet (der Held bringt aber Räucheropfer dar), und es wird berichtet, die Götter hätten sich "wie Fliegen" um das Opfer geschart. Offenbar waren sie ausgehungert, da ihnen ja während der Flut keiner mehr opfern konnte. Nachdem sich die Götter beim Mahl gestärkt haben, streiten sie sich darüber, ob es gut war, dass der Gott Ea den Sintfluthelden gewarnt hat und der Gott Enlil diese Katastrophe heraufbeschworen hat.

Wir merken hier deutlich den großen Unterschied zwischen biblischer und heidnischer Religiosität. Die mesopotamischen Götter brauchen den Menschen, weil er ihnen opfert, und sie brauchen die Opfer, um am Leben zu bleiben. Der Sintflut geht voraus ein Beschluss der Götterrates, die lästige Menschheit (sie macht zu viel Lärm) zu vernichten. Dieser Beschluss wird durch das eigenmächtige Verhalten Eas aber sabotiert, der seinen Schützling Utnapischtim warnt und ihm empfiehlt, eine Arche zu bauen. Später erweist sich, dass der Vernichtungsbeschluss den Götterrates eine große Dummheit war, denn nun hätten sie fast die Möglichkeit verspielt, jemals wieder an Opfer zu gelangen.

Der Konflikt innerhalb des Götterrates wird in der Bibel dargestellt als ein Konflikt, der sich in Gott selbst abspielt: Einerseits liebt er die Menschen – andrerseits ist ihre Bosheit wirklich unerträglich, Der Konflikt wird dadurch gelöst, dass er in Noah einen Gerechten findet, den er retten kann, Das Problem den Römerbriefes und der ganzen christlichen Theologie, wie denn Zorn und Liebe Gottes zu vereinbaren sind, ist in der biblischen Sintfluterzählung also schon vorgeprägt – allerdings mit einer ganz anderen Lösung: In der Sintflut sterben alle anderen und nur einer wird gerettet – auf Golgatha stirbt einer und alle anderen werden gerettet.

Interessanterweise fehlt an dieser Stelle die Bemerkung, dass es Gott bedauert, dass er die Sintflut kommen ließ. Es wird uns also klar, wie das "Bereuen" in 6,9 gemeint war: Gott tut es leid, dass er zu dieser harten Maßnahme greifen und seine Schöpfung vernichten muss. Warum sollte es ihm aber Leid tun, wenn er sich dazu durchringt, keine neue Sintflut mehr kommen zu lassen?

Merkwürdig ist die Begründung, warum Gott keine neue Flut mehr kommen lassen will: nicht weil er den Eindruck hat, dass er jetzt mit Noah besser dran ist als mit Adam, sondern aus genau demselben Grund, weshalb er die Sintflut kommen ließ: "Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf." (Vgl. 6,5). Das liest sich so, als ob Gott inzwischen angesichts der menschlichen Bosheit resigniert hat und nicht jedes Mal die ganze Schöpfung aufs Spiel setzen will. Das liest sich so, als ob Gott aus der Sintflut gelernt hätte und seine Strafaktion bereute. Es fällt auf. dass Noah sich die Garantieerklärung Gottes nicht verdient hat. Gott gibt seine Garantie für die Erde aus freiem Entschluss, nicht weil ihn Noahs Gerechtigkeit dazu bewogen hat. In der Begründung schwingt aber auch noch ein nachsichtiger Ton mit: "Was kann der Mensch dafür, das er böse ist?" Er soll also nicht unter der "Erbsünde" leiden müssen.

"Verfluchen": Hier wird ein anderen Wort gebraucht als in der Sündenfallgeschichte. Das dort gebrauchte árûr will ausdrücken: Gott verdammt die Schlange und den Acker dazu, auf dem Bauch zu kriechen bzw. Dornen und Disteln zu tragen, Das Gegenteil davon ist bárûk "gesegnet", mit allem Guten ausgestattet. Hier jedoch wird das Wort ḳ-l-l gebraucht, das bedeutet "schimpfen, schimpflich behandeln" (z.B. die Eltern 2. Mose 21,17), Das Gegenteil davon ist nicht "segnen", sondern "ehren" (k-b-d) = voll Hochachtung behandeln. Gott hat also nicht durch die Sintflut einen Fluch auf die Schöpfung gelegt, den er jetzt aufheben müsste, sondern er hat die Schöpfung schlecht behandelt. Der Fluch des Sündenfalls wird damit nicht aufgehoben.

"das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens" wörtlich "das Gebilde (jéṣär) den Herzens". Dieser Ausdruck jéṣär dient im nachbiblischen Judentums zur Bezeichnung den bösen und guten Triebs im Menschen, der ihn zur Sünde verleitet oder ihn auf den richtigen Weg weist.

"So lange die Erde steht..." Der Erzähler schließt also die Möglichkeit eines weiteren Weltuntergangs aus. Damit ergibt sich aber das Problem: Wie lässt sich diene Garantieerklärung Gottes vereinbaren, mit dem, was im Neuen Testament über Weltuntergang und Jüngsten Gericht steht? Ist das Problem damit gelöst, dass wir sagen: Hier ist nur an weitere urzeitliche Katastrophen gedacht; Gott will damit nur sagen: Bis auf weiteres soll die Schöpfungsordnung nicht wieder in so einschneidender Weise gestört werden? Die Übersetzung Luthers "solange die Erde steht" erweckt den Eindruck, als sei daran gedacht, dass die Erde einmal nicht mehr stehen könnte. Das geht aber aus dem Urtext nicht hervor. Wörtlich "Während aller Tage der Erde sollen Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht nicht feiern."

Es ist also gar nicht an die Möglichkeit eines Weltuntergangs gedacht, sondern daran, dass der natürliche Kreislauf der Jahreszeiten noch einmal unterbrochen werden könnte (das hbr. Wort für "feiern" ist das Verbum zu šabbat "Feiertag"), also nicht "endgültig aufhören, zu Ende gehen" (das wäre hbr. k-l-h), sondern "eine Pause machen und dann wieder anfangen" (š-b-t). Bei der Formulierung "alle Tage" ist an den ununterbrochenen Ablauf gedacht; ein Ende dieser Zeit wird nicht ins Auge gefasst. Das schließt natürlich nicht aus, dass die ununterbrochene Reihenfolge der Jahreszeiten doch einmal durch ein endgültiges Ende abgebrochen wird. Insofern hat Luther mit seiner Übersetzung doch Recht. Er denkt ein bisschen weiter als der Erzähler.

In diesem Zusammenhang gewinnen die immer wieder aufgeführten Kalenderdaten bei der Sintfluterzählung eine neue Bedeutung: Zwar wurde der natürliche Kreislauf der Jahreszeiten durch die Sintflut unterbrochen. Dadurch blieb aber die Zeit nicht stehen, sondern die Uhr lief weiter. Für heidnisches Verständnis hätte die Unterbrechung der Jahreszeiten tatsächlich ein Stillstand der Zeit bedeutet. Nach V 22 hat der Erzähler offenbar daran gedacht, dass es während der Sintflut nicht nur keine Jahreszeiten, sondern auch keine Tageszeiten mehr gab. Das Chaos wäre demnach vollkommen, denn die Zeitrechnung beginnt ja in der Schöpfung durch den Wechsel von Tag und Nacht seit dem ersten Schöpfungstag. Dennoch werden das Lebensalter Noahs und die Kalenderdaten weitergerechnet. Das mythische Datum der Sintflut irgendwann in der Urzeit war nach heidnischer Auffassung sicher ein Ereignis, bei dem die Zeit stehen blieb und das sich nicht datieren ließ. In der Bibel dagegen ist es ein historisches Ereignis, das 2455/4 v. Chr., spielte und exakt ein Sonnenjahr vom 01.01. des Jahres 1656 bis zum 28.02.1657 nach der Schöpfung gedauert hat.

Der Sinn der Geschichte

Die Sintflutgeschichte erzählt nicht nur urzeitliches oder historisches Geschehen, sondern hier werden Gedanken angedacht, die weit über eine einmalige Katastrophe in grauer Vorzeit hinausgreifen:

Katastrophe als Strafgericht

Dass man Katastrophen als göttliches Strafgericht ansieht, ist wahrscheinlich allgemein menschlich und wird auch in der Bibel immer wieder dargestellt. Hier in der Sintflutgeschichte ist das aber besonders deutlich, weil diese Katastrophe die ganze Menschheit betrifft. Die Sintflut ist damit zum Urbild sonstiger göttlicher Strafgerichte geworden.

ein mögliches Ende der Welt

Dass die derzeitige Weltordnung ein Ende haben kann, wird besonders in der priesterschriftlichen Darstellung ausdrücklich angesprochen: Die bei der Schöpfung hergestellte Ordnung bricht zusammen, die Himmelsfeste trennt nicht mehr die Wasser oben drüber von denen drunter, der Himmelsozean überflutet die Erde.

Die beiden indischen Fassungen setzen voraus, dass verschiedene Zeitalter einander ablösen, die jedes Mal durch eine Katastrophe beendet wird: Shiwa vernichtet die Welt, Brahma erschafft sie neu und Vishnu sorgt eine Zeitlang dafür, dass sie erhalten bleibt.

Das Ausleseprinzip

Nur in der Bibel wird gesagt: Die Sintflut war nicht einfach eine Strafe, sondern ein Versuch, das Ausleseprinzip Darwins auch auf den Menschen anzuwenden: Nachdem die bisherige Menschheit missraten war, vernichtet Gott alle bis auf den Besten, Noah, der Stammvater einer neuen Menschheit wird.

Aber dieser Versuch misslingt und am Ende stellt Gott fest: "Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an" – auch bei Noah. Das Böse ist durch Auslese der Besten nicht wegzuzüchten.

Nächstes Ansatz: Mit Abraham beginnt Gott eine neue "Zucht", und zwar jetzt nicht in der Hoffnung, dass sich die guten Eigenschaften weiter vererben, sondern in der Hoffnung, Gott könne die Menschheit durch Erziehung und Gesetze verbessern. Auch dieser Versuch misslingt, wie Jer 31,31-34 feststellt. Dritter Versuch: die geistliche Erneuerung ("Wiedergeburt") durch Christus.

Fortsetzung der Schöpfung

Insofern berichtet die Sintflutgeschichte nicht einfach von irgend einem Ereignis der Vorzeit, sondern sie ist eine notwendige Fortsetzung der Schöpfungsgeschichte.

  Zur Übersetzung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Die alte Sprache unterscheidet zwischen verderben / verderbt 'kaputt machen' und verderben / verdorben 'kaputt gehen'.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[2] vgl. lat pix 'Pech' – picea 'Fichte'

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[3] Eine ähnlich unmögliche Gestalt hat auch das neue Jerusalem in Offenbarung 22: 12.000 Stadien – 2.220 km lang, breit und hoch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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[4] Ein ähnliches Motiv vom Zuschließen der Tür in der Sodomgeschichte l. Mose 19.10

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[5] vergleiche dazu wieder den Geist / Wind Gottes in der Schöpfungsgeschichte und den Ostwind in der Geschichte vom Schilfmeer, 2. Mose 14

[6] Das Nebeneinander von "Regen" und "Fenster de Himmels" zeigt, dass beide Vorstellungen zusammengehören und nicht durch Quellenscheidung getrennt werden können.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[7] aḥ ha-niḥôa

[8] a

[9] r-w-ḥ

[10] appim, zu ap "Nase"

[11] Beachte das auffallende Nebeneinander von a'Geist, Wind', a "Opferrauch" und r-w-ḥ 'riechen' und appim 'Nasen > Zorn'

 

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Übersicht

 

Noah und Mose

Begriffe Sintflut | Sprachecke 01.02.2011

 

Datum: 1982 / 2015

Aktuell: 09.02.2019