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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Das Gottesbild
im Alten und Neuen Testament

Ferienbibelseminar des Ev. Dekanats Reinheim 09.‑17.04.1983

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1. Ansätze im Neuen Testament

2. Die frühchristliche Lehre von Gott und Christus

3. Die offizielle Lehre von der Dreieinigkeit

4. Die beiden Naturen Christi

 

III. Ausblick: Die heilige Dreieinigkeit

Die altkirchliche Lehre von Gott, Christus und der Dreieinigkeit

Es würde den Rahmen dieser Darstellung sprengen, die komplizierte Geschichte darzustellen, wie die altkirchliche Lehre von der Dreieinigkeit Gottes entstanden ist, zumal die Schärfe, mit der die Auseinandersetzungen geführt wurden, und die Spitzfindigkeiten, die dabei vorgebracht wurden, uns heute kaum noch verständlich sind. Manche Lehrentscheidungen wurden mit Einsatz massiver Gewalt erfochten. Bischöfe verliehen ihrer Meinung dadurch Nachdruck, dass sie bewaffnete Mönche mitbrachten. Oft genug haben politische und nicht theologische Argumente den Ausschlag gegeben. Die altkirchliche Lehre von der Dreieinigkeit Gottes ist ein Kompromiss; wir müssen heute sogar sagen: der beste Kompromiss, der überhaupt denkbar ist. Sie ist das einigende Band der orthodoxen, katholischen und evangelischen Kirchen.

1. Ansätze im Neuen Testament

a) Die Taufformel

Die Taufe auf den Namen Christi Jesu [275] war verbunden mit der Verleihung des Heiligen Geistes. [276] Diese Taufe unterscheidet sich durch den Namen Jesu von der Johannestaufe (Apg 19,3).

Als wichtiger Unterschied zwischen beiden Taufen galt aber auch, dass Johannes nur mit Wasser getauft hat, die Christen aber mit dem Heiligen Geist taufen. [277]

So wird also schon früh die Taufe "auf den Namen Jesu" mit der Taufe "mit dem Heiligen Geist" zu einer Formel verbunden worden sein, die uns aber nicht erhalten ist. Stattdessen haben wir eine dreiteilige Formel:

Taufet sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. [278]

Im Griechischen wird ein feiner Unterschied gemacht zwischen der Taufe "im Namen Jesu" und "in den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes". "Im Namen Jesu" bedeutet 'in seinem Auftrag'; dagegen wird bei der Taufe "in den Namen Gottes" ausgedrückt, dass der Täufling durch die Taufe Gott übereignet wird.

Einen ähnlichen Unterschied machen wir heute noch im alltäglichen Sprachgebrauch: Ich habe ein Sparbuch, das lautet "auf meinen Namen"; wenn jemand "in meinem Namen" davon Geld abheben will, braucht er eine schriftliche Vollmacht.

b) Paulus

Auch Paulus gebraucht Formeln, in denen Gott, Christus und der Heilige Geist nebeneinander genannt werden:

Die Gnade unsres Herrn Jesus Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. [279]

Paulus zeigt aber auch an anderen Stellen, dass er nicht nur diese Formeln kennt, sondern Gott, Christus und den Geist als vergleichbare Größen nebeneinander stellen kann:

Es sind mancherlei Gaben; aber es ist ein Geist; Und es sind mancherlei Ämter; aber es ist ein Herr. Und es sind mancherlei Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen. [280]

An sich ist diese Zusammenstellung einleuchtend, da Christus für Paulus der Sohn Gottes ist und der Geist ebenfalls von Gott kommt.

c) Jesus

Jesus selbst ist weit davon entfernt, an so etwas wie eine Dreieinigkeitslehre zu denken. Er befindet sich mit seinem Bekenntnis zur Einheit Gottes sogar auf gut jüdischem Boden, wenn er sagt:

Das erste Gebot ist dies: Höre, Israel, der Herr, dein Gott, ist ein einiger Gott; und du sollst Gott, deinen Herrn lieben… [281]

Jesus zitiert hier das jüdische Glaubensbekenntnis Dtn 6,4+5, das mehrmals täglich beim Gebet aufgesagt wird.

Die alttestamentliche Stelle heißt wörtlich:

Adonaj Elohenu Adonaj ächad

Ein hebräischer Satz ohne Verbum, den man übersetzen kann:

  • "Jahwe, unser Gott = der eine Jahwe" (einzigartig und einheitlich [282])

  • "Jahwe = unser Gott, (und zwar) Jahwe (als) einziger" (Henotheismus)

  • "Jahwe = unser Gott, Jahwe = einer" (Monotheismus) [283]

Dass Jesus an die Einzigartigkeit und Gottes geglaubt hat, sehen wir auch in einer Antwort an den reichen Jüngling:

Niemand ist gut denn der einige Gott. [284]

Jesus hat also, wenn man so will, nicht die Dreieinigkeit, sondern die Alleinigkeit Gottes gelehrt.

d) Johannes

Dagegen vertritt Jesus im Johannesevangelium die Zweieinigkeitslehre, wenn er sagt:

Ich und der Vater sind eins. [285]

Der Sohn war schon von Anbeginn der Welt als Schöpfungswort Gottes beim Vater. [286] Er wurde "Fleisch" und kam als Mensch auf die Erde und wird wieder zu seinem Vater gehen. Den Vater und den Sohn kann man kaum unterscheiden. Wer Christus sieht, der sieht den Vater [287] und ohne den Sohn kann niemand zum Vater kommen. [288] Was der Sohn redet, tut er nicht aus eigenem Antrieb, sondern er redet im Auftrag des Vaters. Der Sohn ist also nur eine irdische Erscheinungsform des Vaters, wie es im Alten Testament etwa der Engel des Herrn ist.

Hier ist vielleicht angebracht, von einer Emanation, einem 'Ausfluss' Gottes zu reden: so wie der Lichtstrahl und die Lichtquelle oder das Grundwasser und die Quelle zusammengehören, so auch der Vater und der Sohn. Im Sohn ist der Vater auf die Welt gekommen.

Wir hatten schon oben festgestellt, dass für Johannes Jesus der erste und der Geist der zweite Tröster oder Beistand ist. Es besteht also zwischen Jesus und dem Geist ebenfalls ein enges Verhältnis, so dass wir sagen können, dass die Dreieinigkeitslehre im Johannesevangelium doch schon ansatzweise vorhanden ist, wenn nur auch die Zweieinigkeitslehre ausführlich dargestellt wird.

e) Ganz andere Vorstellungen

i. Das Wort

Wir hatten uns schon wiederholt mit Johannes 1 beschäftigt, wo Jesus als "Wort (griech. lógos) bezeichnet wird. Wie aus dem Zusammenhang deutlich wird, meint Johannes das Schöpferwort Gottes, das "Werkzeug", durch welches Gott die Welt geschaffen hat, übereinstimmend etwa mit

Der Himmel ist durch das Wort des Herrn gemacht… [289]

Die griechische Übersetzung schreibt für 'Wort" ebenfalls lógos, meint aber hier eindeutig im biblischen Sinn einen Ausspruch Gottes, der die Schöpfung bewirkt.

Die Griechen freilich verstanden unter lógos etwas Anderes. Das sehen wir etwa an dem Wort des Aristoteles:

Der Mensch hat von allen Wesen allein lógos,

nämlich Sprache und Vernunft. In der griechischen Philosophie wurde lógos zur "Weltvernunft", also einer Art Gott, und die Weisen des *hellenistischen Judentums haben diesen Begriff übernommen und sich darüber Gedanken gemacht.

Von alledem ist im Johannesevangelium nicht die Rede; aber allein der Gebrauch des Wortes lógos führte dazu, dass man später Jh 1 im Sinne der griechischen Weltvernunft verstand.

Auch in Offb 19,13 wird Christus Wort (lógos) Gottes genannt, und zwar bei seiner Wiederkehr zum Gericht.

Für die Dreieinigkeitslehre bedeutet dieser Ausdruck: Wenn Christus das "Wort Gottes'' ist, dann ist klar, dass er keine selbständige Existenz haben kann, sondern ganz eng an Gott und seinen Willen gebunden ist, also eine Personifikation von eines Teils von Gott.

Es muss noch gesagt werden, dass Jh 1 anscheinend ein altes Lied über Christus aufgreift. Es sind also nicht seine eigenen Gedanken, die Jh da bringt. Die eigentliche Lehre des Johannesevangeliums haben wir oben kennengelernt.

ii. Engel

Jesus und das ganze Neue Testament setzen den Glauben an Engel als üblich voraus, machen sich aber weiter keine Gedanken darüber. Es gibt keine neutestamentliche Lehre von den Engeln; alles, was darüber gesagt wird, ist mehr zufälliger Natur.

Hebr 1 beschäftigt sich mit dem Engelglauben und kommt zu dem Ergebnis, dass Christus den Engeln übergeordnet ist. Der unbekannte Verfasser dieses Buchs hat dabei eine Lehre der damaligen Zeit vor Augen, wonach mächtige Engelwesen im Himmel einen bedeutenden Einfluss besitzen, so dass man sich überlegt hat, ob Christus etwa auch so ein Engelwesen sein könnte. Der Verfasser lehnt diese Auffassung ab und sagt: Christus ist mehr als nur ein Engel, sondern der Mittler der Schöpfung – das Sühnopfer für unsre Sünden – Stellvertreter zur Rechten des Thrones Gottes Abglanz der Herrlichkeit Gottes – eine Art Stempelabdruck Gottes. Dies entspricht also ungefähr der Meinung von Johannes. Man hat denn auch die Sache mit den Engeln nicht weiter verfolgt; sie geriet später schnell in Vergessenheit.

iii. Weisheit

In der Weisheit Salomos Kp. 7 tritt die Weisheit personifiziert auf, [290] und es heißt in von ihr:

Sie ist ein Glanz des ewigen Lichtes." [291]

Es gab daher auch Überlegungen, die Christus mit dieser personifizierten Weisheit Gottes in Zusammenhang brachten. Sie wurden aber nicht in das Neue Testament aufgenommen. Hebr 1,3 nimmt zwar den Ausdruck "Glanz seiner Herrlichkeit" auf, lehnt aber stillschweigend die Identifizierung Christi mit der Weisheit Gottes ab.

Die Weisheit ist übrigens im ganzen Neuen Testament immer sachlich als 'Klugheit, Erkenntnis, Verstand', nicht als eine Art Engel beschrieben!

iv. Ebenbild des Wesens Gottes

Hebr 1,3 greift einen Ausdruck der griechischen Philosophie auf, der für die spätere Diskussion von ausschlaggebender Bedeutung geworden ist: Christus ist der "Abdruck der Wesend Gottes", wobei mit Abruck der Abdruck eines Siegels gemeint ist.

Schwieriger ist der Begriff, den Luther mit "Wesen" übersetzt: griech. hypóstasis, lat. substantia. Das Wort bedeutet im technischen Sprachgebrauch 'Bodensatz einer Flüssigkeit, Niederschlag des Wasserdampfs', im philosophischen Sprachgebrauch einerseits die Verwirklichung des Seins in der Materie, andrerseits die Wirklichkeit im Unterschied zum Schein. Hypóstasis = substantia 'Wirklichkeit' muss unterschieden werden von ousía = essentia 'Wesen, das hinter der sichtbaren Wirklichkeit steht' und fällt doch wieder in seiner Bedeutung 'die eigentliche Wirklichkeit, das wahre Wesen' mit der Bedeutung von ousía zusammen. Grob gesprochen ist also ousía etwa dasselbe wie Gott oder der Himmel, hypóstasis dagegen die Schöpfung oder die Welt, ousía die Idee und hypostasis die Verwirklichung.

In Hebr 1,3 hat nun hypostasis dieselbe Bedeutung wie ousía, nämlich 'die wahre Wirklichkeit, die hinter den Dingen verborgen ist'; Christus wird verstanden als Ausdruck, Verwirklichung, oder wie Luther übersetzt "Ebenbild" dieser Wirklichkeit.

Das Bild vom Licht und vom Glanz sagt dasselbe, nur deutlicher und verständlicher.

2. Die frühchristliche Lehre von Gott und Christus

Im frühen Christentum, das heißt also zur Zeit der Entstehung des Neuen Testaments und danach bis etwa 200, gab es folgende Vorstellungen über das Verhältnis zwischen Gott und Jesus:

a) Der Adoptivsohn Gottes

Die Vorstellung, dass Jesus von Gott zum Sohn angenommen wurde, haben wir schon kennengelernt; sie scheint die älteste Auffassung überhaupt zu sein. In nachbiblischer Zeit gab es eine Richtung, die behauptete, im Himmel habe es nur Gott und den Geist gegeben; Jesus dagegen sei ein geistbegabter Mensch gewesen.

Diese Lehre konnte sich gegen die anderen zwar nicht so richtig behaupten, wurde aber erst 799 auf der *Synode von Aachen unter persönlichem Einsatz Karls des Großen für falsch erklärt.

Die altkirchlichen Synoden und *Konzilien haben die heute gültigen kirchlichen Lehren durch Mehrheitsbeschlüsse festgelegt und zugleich anders lautende Lehren als falsch abgelehnt. Man gebraucht dafür den Ausdruck verdammen, denn es wurden nicht nur die falschen Lehren, sondern auch ihre Vertreter abgelehnt. Die Irrlehrer wurden aus der Kirche und damit aus dem ewigen Heil ausgeschlossen.

b) Der Lógos

Ausgehend von Joh 1 behaupteten andere, Christus sei ein untergeordnetes Himmelswesen, das in Jesus menschliche Gestalt angenommen habe; der Geist wiederum sei dem Sohn untergeordnet.

Stichwort für diese Lehre ist immer wieder das Wort Lógos, hier im Sinn von '*personifizierte Weltvernunft' gewesen. Diese Vorstellung hat lange Zeit eine weitaus größere Bedeutung gehabt als die Vorstellung vom Sohn Gottes.

Dass am Ende doch der Gottessohn über den Lógos gesiegt hat, ist wohl vor allem ein Verdienst des alten römischen Taufbekenntnisses, das unserem sogenannten apostolischen Bekenntnis zugrunde liegt:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, und an Christus Jesus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, und an den Heiligen Geist, die heilige Kirche, die Auferstehung des Fleisches.

Großer Vorteil dieses Bekenntnisses war 1. die Geltung, die die Gemeinde der Reichshauptstadt in der Christenheit besaß, 2. dass das Bekenntnis an Formulierungen der Bibel und nicht der griechischen Philosophie anknüpfte.

c) Vater = Sohn = Geist

Die Vertreter dieser Richtung konnten sich auf das Johannesevangelium berufen. Sie lehrten, Vater, Sohn und Heiliger Geist seien eigentlich nur drei verschiedene Namen desselben Gottes. In Jesus sei allerdings nicht der Sohn, sondern der Vater selbst Mensch geworden. Das wird freilich im Johannesevangelium noch nicht behauptet.

Durchgesetzt hat sich von allen Ansichten am Ende die letzte, aber auf sehr verschlungenen Wegen, die wir hier im Einzelnen nicht weiter verfolgen können.

3. Die offizielle Lehre von der Dreieinigkeit

Das deutsche Wort Dreieinigkeit drückt in wunderbarer Weise den wahren Sinn der Lehre aus; ursprünglich war nur von der Dreifaltigkeit die Rede (lat. Trinitas 'Dreifachkeit', griech. Trías 'Dreiheit').

Das Ergebnis der jahrhundertlangen Streitigkeiten wurde auf den beiden *Konzilien zu Nicaea 325 und Konstantinopel 383 festgelegt und bestand in der Kompromissformel:

wesensgleich mit dem Vater.

Gott und Christus haben also ein gemeinsames Wesen (ousía, daher homoúsios 'wesensgleich'); damit wird die alte Theorie 1 (Adoptivsohn) und 2 (untergeordneter Lógos) abgelehnt und der Theorie 3 (Vater = Sohn = Heiliger Geist) den Vorrang gegeben. Der Begriff Lógos ist von nun an fallengelassen worden.

Die offizielle kirchliche Lehre wird in dem lateinischen Bekenntnis Quicunque (nach dem Anfangswort "Wer auch immer") zusammengefasst. Es gehört neben dem *apostolischen Glaubensbekenntnis und dem Bekenntnis von Nicaea und Konstantinopel zu den Grundlagen des evangelischen Glaubens. Dort heißt es im Auszug:

Wer selig werden will, muss vor allem den allgemeinen Glauben festhalten… Dies aber ist der allgemeine Glaube, dass wir einen Gott in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit verehren und weder die Personen vermehren, noch das Wesen [292] zertrennen. Eine andere Person ist nämlich die des Vaters, eine andere die des Sohnes und eine andere die des Heiligen Geistes. Dennoch sind Vater, Sohn und Heiliger Geist eine Gottheit von gleicher Herrlichkeit und gleicher Majestät…

So ist der Vater Gott, der Sohn Gott und der Heilige Geist Gott, und trotzdem sind es nicht drei Götter, sondern ein Gott…

Der Vater ist von niemand gemacht oder geschaffen oder gezeugt. Der Sohn ist weder gemacht noch geschaffen, sondern vom Vater allein gezeugt. Der Heilige Geist ist vom Vater und dem Sohn weder erschaffen noch gezeugt, sondern geht aus ihnen hervor.

Auf eine Kurzformel gebracht lautet die Lehre von der Dreieinigkeit:

Dabei ist zu bemerken, dass es den Begriff Person bisher noch nicht gegeben hat. Er wurde eigens für die Dreieinigkeitslehre entwickelt. Lat. persona bezeichnet eigentlich die Rolle, die jemand spielt, griech hypóstasis 'Wirklichkeit', später 'Erscheinungsform'. Das lange verwendete griechische Wort prósōpon 'Gesicht, individuelle Erscheinung' war zu guter Letzt doch noch fallen gelassen worden. Die Person im Sinn der Dreieinigkeitslehre ist aber weder 'soziale Rolle' noch 'Erscheinungsform', sondern bezeichnet das Individuum, das dahinter steht, also das Individuum Gott der Schöpfer, das Individuum Jesus Christus und das Individuum Heiliger Geist.

Die Verbissenheit, mit denen die Diskussionen geführt wurden, zeigt, dass das Geheimnis Gottes nicht mit philosophischen Methoden erfasst werden kann. Denn darüber, dass Gott, Christus und Geist zusammengehören, und dass der Geist und Christus ebenfalls göttliche Verehrung genießen, darüber war man sich von Anfang an einig. Die Schwierigkeit war nur, diese Zusammengehörigkeit geistig zu erfassen. Man hat darum in spitzfindigster Weise um Begriffe gefeilscht in einer Art, die wir heute kaum noch verstehen können.

Das Anliegen der Dreieinigkeitslehre ist klar: Gott, Christus und der Heilige Geist gehören zusammen und genießen alle drei göttliche Verehrung. Die Schwierigkeit, die sich dabei ergibt, leuchtet auch ein: Sind das nun drei Götter, und wie ist es mit dem Gebot, nur einen Gott zu verehren? Die Lösung des Problems lief darauf hinaus, dass man sagte: Es sind nicht drei Götter, sondern ist nur ein Gott, der uns aber in verschiedenen Erscheinungsformen (Gesichtern, Rollen) entgegentritt. Man muss also zwischen der Gottheit an sich und ihren Offenbarungsformen unterscheiden. Die Gottheit selbst ist uns verborgen; was wir von ihr wissen, ist dass sie die Welt erschaffen hat (Vater), in Jesus Christus Mensch geworden ist (Sohn) und als Heiliger Geist in unseren Herzen wohnt.

Wir können uns das an ein paar Naturerscheinungen deutlich machen: Blitz (Lichterscheinung) und Donner (Schall) sind auch nur zwei Erscheinungsformen desselben Naturphänomens, nämlich einer elektrischen Entladung. Das Licht erscheint uns je nach Betrachtungsweise als Korpuskel oder als Welle. Flüssiges Wasser, Eis und Wasserdampf sind nur drei Erscheinungsformen ein und desselben chemischen Stoffs H2O usw.

Das zweite Problem ist wesentlich schwieriger: Man kann das Geheimnis Gottes nicht philosophisch ergründen. Gott lässt sich nicht mit unserem Verstand erfassen, und wenn wir damit anfangen, dann löst sich Gott auf in Philosophie oder Wissenschaft. Da die Väter der Dreieinigkeitslehre trotzdem versuchten, das Geheimnis zu ergründen, sind sie allerlei philosophischen Mätzchen aufgesessen:

• Wir sind geneigt, in unsrem Denken Dreiergruppen zu bilden. Dieses Denkgesetz erforderte also, dass man es nicht bei dem Paar Vater und Sohn beließ. Was hier eigentlich fehlte, war die Mutter. So bot sich der Geist als dritter Partner an.

• Götterdreiheiten finden wir in vielen heidnischen Religionen und waren auch den ersten Christen geläufig. Das Gesetz der Dreiheit war auch wirksam bei der Bildung von der Legende von der drei Königen: Die Bibel berichtet von einer unbestimmten Anzahl von Weisen; die Legende machte drei Könige daraus. – Was hier geschieht, ist also der Versuch, die Geschichte klarer zu gestalten: "Mehrere" oder "viele" ist ungenau; "drei" ist eine präzise Antwort. Die Gruppe ist vollzählig. Es fehlt keiner.

• Die fehlende Gottesmutter hat man wenig später in der Muttergottes gefunden. Ihre Beliebtheit ist sicher auch damit zu erklären, dass zu Vater und Sohn auch die Mutter gehört.

• Man begnügte sich nun aber nicht mit der Dreizahl, sondern die Gesetze unseres Denken forderten weiter, dass die drei göttlichen Partner ebenbürtig sein sollten. Nun aber sind Vater und Sohn von Natur aus nicht ebenbürtig, sondern der Vater ist dem Sohn überlegen.

• Und der Geist ist erst recht nicht dem Vater und dem Sohn gleichwertig. Wir erinnern uns, dass in der Bibel der Geist vor allem eine göttliche Kraft ist, keine Person. Man musste also die Kraft personifizieren, um eine dritte göttliche Person zu bekommen.

Und schließlich ergibt sich durch die Lehre von der Dreieinigkeit noch ein drittes Problem, das eigentlich den Kern der Gottesfrage berührt: Es wird hier von Gott in doppeltem Sinn geredet: 1. das Wesen, das Vater, Sohn und Geist gemeinsam haben, die "Göttlichkeit" – 2. Wenn wir normalerweise von 'Gott' reden, denken wir vor allen Dingen an Gott den Vater. Er ist eigentlich der Inbegriff des biblischen Gottes überhaupt; was über ihn zu sagen ist, ist weit mehr als nur die Feststellung, dass er der Schöpfer sei.

Nun scheinen also das Wesen der Göttlichkeit und die Person des Vaters eins zu sein. Wir haben das Problem schon einmal im Zusammenhang mit der Religion der Semiten kennengelernt: Dort war El einerseits ein einzelner Gott, zufällig auch der Göttervater, gleichzeitig aber auch das allgemeine Wort für 'Gott' oder 'allgemeine Göttlichkeit'.

Wir können also jetzt nebeneinander stellen:

Ist das dasselbe Denkmodell? Oder habe ich das christliche Denkmodell auf das *Heidentum übertragen? Was ist der Unterschied zwischen der christlichen Dreieinigkeit und einem heidnischen *Pantheon? Doch nicht nur die genau festgelegte Dreizahl der göttlichen Wesen?

Ich kann den Vorwurf, den der Islam, dem Christentum macht, gut verstehen: Für Außenstehende kann es tatsächlich so aussehen, als hätte das Christentum den *Monotheismus aufgegeben und glaubte an drei Götter. Die Väter dieser Lehre können sich drehen und wenden, wie sie wollen und das Gegenteil behaupten; der Eindruck ist nicht wegzuwischen.

Fragen wir uns nun zum Schluss: Was ist der Unterschied zwischen Gott dem Vater und der "göttlichen Substanz"?

1. Die Göttlichkeit ist der Oberbegriff, Gott der Vater oder der Sohn sind Exemplare dieser Gattung. Das käme aber wiederum in verdächtige Nähe zur Vielgötterei, denn im heidnischen Glauben war's genauso. Diese Deutung dürfte also dem Sinn der Dreieinigkeits-Lehre widersprechen.

2. Hier werden zwei verschiedene Begriffe verwendet, die nur oberflächlich miteinander zu tun haben:

Göttlichkeit = Eigenschaft eines Wesens, das man anbetet und für heilig hält. Daran erinnert die Definition Luthers zum 1. Gebot im Großen Katechismus:

Woran du nu (sag ich) dein Herz hängest und verlässest, das ist eigentlich dein Gott.

In diesem Sinn kann alles zum "Gott" werden, etwa das Geld (Mammon), das Schicksal, ein größenwahnsinniger Diktator, der Inhalt einer Weltanschauung usw.

'Gott der Vater' ist eine Person, der diese Eigenschaft der Göttlichkeit von Rechts wegen ausschließlich zukommt.

Grammatisch gesehen ist also 'Gott der Vater' immer Subjekt – die 'Göttlichkeit' immer Prädikat. Das ist aber nicht Gattung und Exemplar, sondern Gegenstand und Eigenschaft, Substanz und Attribut.

4. Die beiden Naturen Christi

Die Dreieinigkeitslehre konnte das Geheimnis der Person Christi nicht befriedigend erklären. So tauchte mit der Lösung des einen Problems gleich ein neues auf: Wenn Christus eine Person der göttlichen Dreieinigkeit ist – was ist dann mit der Menschheit Jesu? Das Problem geht bis ins Neue Testament zurück, wie wir bei der Frage nach der Gottessohnschaft gesehen haben.

Es gibt theoretisch drei Möglichkeiten, wie man sich das Verhältnis zwischen Gottheit und Menschheit bei Jesus denken kann:

1. Jesus war ein Mensch, der durch seine Auferstehung göttlichen Rang bekommen hat (Göttlichkeit als Prädikat). Diese Meinung wurde von denen vertreten, die glaubten Jesus sei von Gott an Sohnes Statt angenommen worden.

2. Jesus war ein Himmelswesen (also Gott der Substanz nach), das für eine Zeitlang in Menschengestalt auf der Erde gelebt hat. Diese Meinung könnte man aus dem urchristlichen Lied heraushören:

Er nahm Knechtsgestalt an, ward gleich wie ein Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden." [293]

Auch aus dem Johannesevangelium scheint man diese Ansicht herausgelesen zu haben, weshalb sich der 1. Johannesbrief zu betonen:

Ein jeglicher Geist, der da bekennt, dass Jesus Christus ist in das Fleisch gekommen, der ist von Gott. [294]

Wer das Gegenteil behauptet, ist nicht von Gott.

Später hat man sogar behauptet, Christus sei gar nicht richtig Mensch geworden, sondern habe nur einen "Scheinleib" angenommen. Er habe auch gar nicht richtig gelitten, sondern habe diesen Scheinleib kurz vor der Kreuzigung verlassen und sei wieder zu seinem Vater zurückgekehrt. Am Kreuz habe nicht Christus, sondern nur eine Attrappe gehangen.

3. Beide Auffassungen, Jesus sei nur Mensch oder nur Gott gewesen, waren schnell ausdiskutiert. Die Kirche war immer der Meinung, Jesus sei Gott und Mensch zugleich gewesen.

Aber über das Verhältnis beider Naturen war man sich nicht im Klaren.

Die Lösung brachte im Jahr 451 das *Konzil von Chalcedon, dessen wichtigsten Formulierungen hier im Auszug widergegeben werden:

In Übereinstimmung mit Jahwe Vätern … lehren wir … dass (Christus) sei vollkommen in der Gottheit und vollkommen in der Menschheit, wahrer Gott und wahrer Mensch, aus vernünftiger Seele und Körper, wesensgleich mit dem Vater nach der Gottheit und wesensgleich mit uns nach der Menschheit, in allem uns gleich doch ohne Sünde…, und er, Christus, Sohn, Herr, Eingeborener, wird erkannt in zwei Naturen unvermischt und unverändert, ungetrennt und ungeschieden…"

Diese Zweinaturenlehre ist ebenfalls gemeinsames Glaubensgut der orthodoxen, katholischen und evangelischen Kirchen. Es gibt allerdings in Vorderasien heute noch Restgruppen, die eine entgegengesetzte Lehre von der einen Natur Christi vertreten.

Wie sollen wir uns die beiden Naturen Christi vorstellen?

Jedenfalls nicht so, dass das Menschliche sein Körper und das Göttliche sein Geist gewesen wäre. Der Ausdruck des Bekenntnisses "aus vernünftiger Seele und Körper" zeigt, dass Jesus nach Leib, Seele und Geist Mensch gewesen ist. Er konnte Schmerz und Freude empfinden wie wir, er konnte denken wie wir usw. Er war in allem ein Mensch mit der einzigen Ausnahme, dass er sündlos war.

Was bleibt dann noch für die göttliche Natur?

Versuchen wir uns das an einem Beispiel deutlich zu machen: In der Operette "Zar und Zimmermann" arbeitet der Zar unerkannt auf einer Werft. Er ist also seiner einen Natur nach Zar; er hat ja dem Thron nicht entsagt und kann jederzeit zurückkehren. Er könnte auch von seinem Arbeitsplatz aus seine kaiserliche Macht ins Spiel bringen. – Und gleichzeitig ist er seiner anderen Natur nach Werftarbeiter, nicht nur zum Schein oder als Tarnung, denn er übt ja dieses Handwerk tatsächlich aus. Ob Zar oder nicht – wer auf der Werft arbeitet, ist ein Werftarbeiter.

Dass man also gleichzeitig verschiedene Rollen spielen kann, ist uns aus unserem Alltagsleben geläufig. Wir müssen uns aber darüber klar werden, dass es dabei veränderliche Rollen gibt, die wir gerade einmal spielen, weil es notwendig ist, und Rollen, die den Kern unserer Persönlichkeit ausmachen. Wenn ich am Steuer sitze, bin ich für einige Zeit Autofahrer, bleibe aber trotzdem Pfarrer und Familienvater. Wenn ich auf der Kanzel stehe und predige, bin ich zwar Pfarrer und Familienvater, aber nicht mehr Autofahrer. Hier spiele ich nicht eine beiläufige Rolle, sondern meine eigentliche Rolle.

Wir lernen so auch die Unterscheidung von Wesen, ousía, substantia und Person, hypóstasis, persona, verstehen: Ich bin im obigen Beispiel meiner ousía nach Pfarrer, meiner hypóstasis nach zum Beispiel Autofahrer. Jesus war seiner ousía nach Gott, seiner hypóstasis nach dagegen Mensch.

Worin besteht nun die göttliche Natur? Nicht darin, dass Jesus nach Meinung des Altertums unsterblich oder unverletzlich gewesen wäre, nicht darin, dass er seine Macht gebrauchte (höchstens zum Wundertun und Helfen) – auf all das hatte er ja verzichtet, so wie der Zar in der Operette Thron, Krone und Königsornat zu Hause gelassen hatte und sich mit dem einfachen Arbeitskittel begnügte.

Seine Göttlichkeit, die auch als Mensch erhalten blieb, war seine Persönlichkeit, seine Herkunft von oben und sein Anspruch auf den Thron zur Rechten Gottes. Er brachte Sie auch als Mensch ins Spiel durch sein überlegenes Wissen, seine Wunder, seine Liebe und Geduld. Das konnte er auch in seiner perfekten Rolle als Mensch nicht verleugnen – und darin war er eben wiederum kein Mensch wie wir.

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275] Apg 8,16

[276] vergleiche auch Apg 10,48, wo Cornelius auf den Namen Jesu Christi getauft wird
 

[277] Apg 11,16

 

 

 

 

[278] Mt 28,19



















 

[279] 2. Kor 13,13






 

[280] 1 Kor 12,4-6












 

[281] Mk 12,29+30








 

[282] Gott ist mit niemand anderem zu vergleichen und eine in sich widerspruchsfrei.

[283] so der griechische Mk-Text

 

 

 

[284] Mk 19,18

 

 

 

 

 

 

 

[285] Jh 10,30

 

 

[286] Jh 1

 

[287] Jh 14,9

[288] Jh 14,6

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[289] Ps 33,5

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[290] ähnlich wie bereits in Spr 8+9

 

[291] Weish 7,26

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[292] substantia

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[293] Phil 2,6-11

 

 

 

 

[294] 1 Jh 4,2

 

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Übersicht

 

 

 

Datum: 1983 / 2007

Aktuell: 09.02.2019