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Heinrich Tischner Fehlheimer Straße 63 64625 Bensheim |
Die Abendmahlsworte |
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Wie sind die Worte zu verstehen? Versuch einer exegetischen Klärung
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1. TextüberlieferungDas Neue Testament überliefert uns vier Einsetzungsberichte von Matthäus, Markus, Lukas und Paulus. Johannes berichtet zwar von einem letzten Mahl, das Jesus am Abend vor seiner Verhaftung mit den Jüngern feierte, schweigt sich aber über die Einsetzung des Abendmahls aus und schreibt stattdessen von der Fußwaschung (Joh 13). Die vier Texte lassen sich in zwei Gruppen einteilen:
Lukas scheint darüber
hinaus auf den urchristlichen Brauch des Liebesmahls zurückzugreifen, bei
dem ein regelrechtes Sättigungsmahl mit einem Becher Wein und einem
Segensspruch eingeleitet wurde. Da auch Paulus in 1 Kor 10,16 die
Reihenfolge Kelch - Brot kennt, könnte sein, dass dieser Brauch in
der Heimatgemeinde des Paulus (Antiochia in Syrien) gepflegt wurde. |
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2. Der Original-Wortlauta) Beim Brotwort scheint eine Rekonstruktion einfach zu sein: Wenn man die Zutaten wegläßt, bleibt übereinstimmend der Satz Das ist mein Leib (aramäisch דן גופי den gûpʰî). b) Beim Kelchwort lassen sich dagegen zwei verschiedene Fassungen herausschälen:
Die umständliche Fassung 2 will nicht recht zu dem knappen Brotwort
passen, so dass die Fassung 1 einen vertrauenswürdigeren Eindruck macht.
Es bleibt freilich zu überlegen, ob dieses Wort nicht auch noch zu lang
ist, und ob Jesus nicht einfach gesagt haben könnte: Das ist mein Blut
(דן דמי den dammî). Was Jesus wirklich gesagt hat, wissen wir also nicht mehr. Wichtiger ist stattdessen eine andere Frage: 3. Wie sind die Worte zu verstehen?a) Es fällt auf, dass Jesus sagt Leib und Blut und nicht, wie es geläufig war, Fleisch und Blut. Jesus vergleicht also Brot und Wein nicht einfach mit den Materialien seines Körpers; es ist daher nicht anzunehmen, dass beide Worte in etwa dasselbe sagen. b) Paulus versteht unter dem Leib Christi nicht den Körper bzw. Leichnam Jesu, sondern die Gemeinde! 1 Kor 12,27: Ihr aber seid der Leib Christi. Paulus erläutert die Beziehung zum Abendmahl in 1 Kor 10,17: Wie die einzelnen Brotstücke von einem Brotlaib abgebrochen wurden und nur Teile des großen Brotes sind, so sind alle Christen Glieder am großen Leib Christi. Der Leib Christi ist also zu verstehen als gegliederter Organismus der Gemeinde, nicht als Ersatz für die fehlende leibhaftige Anwesenheit des Herrn. c) Andrerseits überliefert gerade Paulus Dies ist mein Leib für euch und erinnert an den Tod Jesu, der für uns gestorben ist. Der Text der Einsetzungsworte, die Paulus ja nicht erfunden, sondern vorgefunden hat, redet also nicht von der Gemeinde, sondern vom gekreuzigten Christus. Ich könnte mir vorstellen, dass beide Deutungen (auf die Gemeinde und den Tod für uns) erst später aufgekommen sind. d) Vielleicht hat Lukas die richtige Deutung aufbewahrt, wenn er den Wiederholungsbefehl (Das tut zu meinem Gedächtnis) nur an das Brotwort, nicht an das Kelchwort anknüpft. Dann hätte Jesus beim letzten Mahl auf seinen bevorstehenden Tod verwiesen, dabei an das Brechen des Brotes angeknüpft und den Jüngern befohlen, bei ihren künftigen gemeinsamen Mahlzeiten an ihn zu denken. e) Das Kelchwort dagegen geht einen Schritt weiter: Da ist vom Neuen Bund die Rede bzw. vom Bundesblut Christi, das in Kürze vergossen werden wird. Auch da muss man vermuten, dass dies eine spätere Deutung der Gemeinde ist. f)
Denn das Bundesblut hat von Haus aus gar nichts mit dem Sühnopfergedanken
(für uns vergossen) zu tun, sondern stammt aus Ex 24,8: Beim
Bundesschluss spritzt Mose die eine Hälfte des Blutes geschlachteter Stiere
auf den Altar, die andere Hälfte auf die Israeliten und zeigt damit, dass
der Bund für Gott und das Volk verbindlich ist. Er besteht inhaltlich in
dem "Buch des Bundes" (Thora): Israel verpflichtet sich, die Gebote zu
halten und Gott verpflichtet sich, für das Wohlergehen des Volkes zu
sorgen.
g) Dabei müssen wir freilich beachten, dass auch sonst der Kelch ein
Symbol des Leidens ist (Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken
muss? Mk 10,38; Vater, lass diesen Kelch an mir vorübergehen.
Mk 14,36) Zusammenfassung: Das ist mein Leib: Wenn ihr künftig miteinander Brot esst, dann denkt an mich und wie ich gestorben bin.
Das ist mein Bundesblut: Ich stifte einen neuen Bund, in den
ihr eintretet, wenn ihr gemeinsam aus dem Kelch trinkt. Was damals bei
Mose das Ochsenblut war, das ist jetzt der Kelch. Was damals bei Mose das
Bundesbuch war, das ist jetzt das Liebesgebot. |
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4. Das strittige Wörtchen istDie Spaltung der westlichen Kirche in katholisch, lutherisch und reformiert hat in der unterschiedlichen Auslegung der Deuteworte "Das ist..." ihren Ursprung.
5. Versuch einer exegetischen Klärunga) Im Semitischen gibt es kein eigenes Zeitwort mit der Bedeutung "sein", sondern man stellt Subjekt und Prädikatsnomen einfach nebeneinander: יהוה אלהינו JJ Älohénû kann heißen "Der HERR, unser Gott" oder "der HERR ist unser Gott." Notfalls kann man das Wörtchen הוא huʔ einschieben, das andeutet, dass es sich tatsächlich um ein Prädikatsnomen und nicht um eine Apposition handelt: יהוה הוא אלהינו JJ hûʔ Älohénû wäre eindeutig: "Der HERR = unser Gott". Das Wörtchen הוא huʔ ist also keine Verbalform wie unser ist, sondern lediglich ein hörbares Gleichheitszeichen. Überlegungen, ob man mit "ist" oder "bedeutet" übersetzen muss, gehen also zu weit. b) Nun hilft eine andere Beobachtung weiter: Im Neuen Testament tritt die Formulierung das ist... in zweierlei Verwendung auf, die im Griechischen deutlich voneinander unterschieden werden:
Das ist muss also im Sinne des Neuen Testaments so verstanden werden, dass Jesus die Abendmahlselemente zu seinem Leib und Blut erklärt, und damit haben sie genauso als Leib und Blut Christi zu gelten wie der Verklärte als Sohn Gottes oder der Gekreuzigte als König der Juden zu gelten hat. c) Wenn Jesus hätte sagen wollen: Das bedeutet mein Leib, hätte er sich anders ausdrücken müssen, etwa Dieses Brot ist wie mein Leib (לחמא דנא כמו גופי lachmâ denâ kʰemô gûpʰî), eine Formulierung, die man in vielen Gleichnissen findet. d)
Und wie ist es mit der katholischen Wandlungslehre? Diese Lehre ist
auf dem Boden der mittelalterlichen Philosophie entstanden, die zwischen
äußeren Eigenschaften und innerem Wesen unterscheidet. |
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Datum: 1984 / 2008 Aktuell: |
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