Diskussion Ochse

Befund | Theorien | Diskussion | Erklärung

Befund

  • aind. उक्षन् ukćán 'Stier'

  • awest. uxšan- 'Stier' 383

  • kelt.

    • air. oss 'Hirsch, Rinds-'

      • ir. os 'Hirsch, Rotwild' 257 

      • gael. os 'Hirsch, Elch' 252 

    • cymr. ych 'männliches Rind' 380 

    • corn. ojyon, Pl. oghen 'männliches Rind' 70 

    • bret. ejen, Pl. oc'hen 'männliches Rind' 102 

  • germ. *oħsa(n)

    • got. auhsa 'männliches Rind' 406

    • anord. oxi, uxi 'männliches Rind' 689

    • aengl. oxa 'männliches Rind'

    • afries. oxa 'männliches Rind' 81

    • and. ohso 'männliches Rind' 37

    • ahd. ohso 'männliches Rind' 251

      • nhd. Ochse 'männliches Rind; kastrierter Stier'

Theorien

  • Adelung (1793-1801) 375 Ochs

    • Anm. Im Isidor Oxsso, im Schwabensp. Ohs, im Nieders. Osse, bey dem Ulphilas Auhsn, im Angels. Oxa, im Dän. und Schwed. Oxe, im Engl. Ox, im Isländ. Uxe, im Wallis. Ych.

      • Wachter und Junius leiten es von dem Griech. αυξανειν, augere, wachsen, ehedem auchen, her,

      • Frisch vom Griech. οχεω, ich fahre, trage, im Schwed. oka, fahren, ...

      • Ihre aber von Ok, Joch.

      • Den beyden letzten Ableitungen kommt das zu Statten, daß im Isländ. Uxe ein jedes Last- und Zugthier, folglich auch ein Pferd, bedeutet.

      • S. auch Noß, welches sich nur durch das müßige n von diesem Worte unterscheidet.

      • Das e euphonicum, Ochse, ist hier unnöthig, weil das ch in diesem Worte im Hochdeutschen hart, wie ein k ausgesprochen wird, worauf auch das s hart lauten muß.

  • Grimm (1889) 13,1129

    • ochse, ochs, m. bos. goth. aúhsa, ahd. ohso (oxsso Isid. 39, 2 Weinhold), mhd. ohse, md. ochse, osse; nhd. ochse, ochs (mundartlich, cimbr. ochso Schm. 151a; schles. uchse Weinhold 66a); alts. ohso, mnd. osse, nd. osse, oss; mnl. os, nnl. os, osse; ags. und altfries. oxa; altn. oxi, uxi.

    • urverwandt mit sanskr. uxa (uksha), der stier, wahrscheinlich von der wurzel ux (uksh), bespringen, befruchten Fick2 23. 701 (anders in der 3. ausgabe 3, 33).

  • Kluge (1894) 274

  • Fick (1909 / 2005)

    • 24

    • 192

  • Pokorny (1959/2002) 1118

    • u̯egʷ- : ū̆gʷ-, ukʷs-

      • s-Erweit.: ai. ukṣáti 'befeuchtet, besprengt', av. uxšyeiti 'sprüht' (vom Wasser und Feuer);

      • dazu (mit demselben Verhältn. wie ai. vr̥šan- 'männlich', lat. verrēs: ai. varṣá-m 'Regen', s. u̯er- 'feuchten') idg. ukʷsen- 'Stier, Tiermännchen'

      • in: ai. ukṣā́ m., av. uxšan- 'Stier' (dazu? fem. *ukʷsōr 'die Besprengte' > lat. uxor 'Gattin'); cymr. ych 'Ochs' (= idg. *ukʷsō, urbrit. *uchū > -ī, mit Umlaut ych), Pl. mcymr. ychen, ncymr. ychain, bret. ouhen, oc'hen, corn. ohan 'Ochsen', mir. oss 'Hirsch'; PN Os-car 'hirschliebend', Demin. Oissín 'Ossian'; got. aúhsus (Gen. Pl. auhsne), aisl. oxi, ags. oxa, ahd. as. ohso 'Ochs'; toch. В okso 'Rind, Stier'.

  • Pfeifer (1995 / 2005)

    • Ochse m. ‘kastriertes männliches Rind’, landwirtschaftlich dagegen auch ‘Zuchtbulle’,

      • ahd. (8. Jh.), asächs. ohso, mhd. ohse, mnd. mnl. osse, nl. os, aengl. oxa, engl. ox, anord. oxi, uxi, schwed. oxe, got. aúhsus, aúhsa führt auf germ. *uhsan-, verwandt mit aind. ukćā́ ‘Stier’, ukćáti ‘besprengt, befeuchtet’, toch. B okso ‘Rind, Stier’, kymr. ych ‘Ochse’, mir. oss ‘Hirsch’.

      • Ansetzbar ist ie. *uku̯s-, eine s-Erweiterung der Wurzel ie. *u̯egu̯-, *ū̌gu̯- ‘feucht, netzen’, zu der auch griech. hygrós (ὑγρός) ‘naß, feucht, wäßrig, flüssig, weich, schlaff’, lat. ūvidus ‘feucht, naß’, mnl. wac, nl. wak ‘feucht’ gehören. Auszugehen wäre dann für Ochse von einer Grundbedeutung ‘Befeuchter, (Samen)spritzer’, also ‘(Zucht)bulle’.

      • Falls jedoch eine Bedeutung ‘(kastrierter) Zugochse’ bzw. ‘heranwachsendes Rind’ anzunehmen ist, kann Anschluß an die unter ↗wachsen (s. d.) angegebene Wurzel ie. *(a)u̯eg- ‘vermehren, zunehmen’ (mit s-Formans *uks-) erwogen werden; vgl. Zimmer in: Zs. f. vgl. Sprachforsch. 95 (1981) 84 ff. ochsen

      • Vb. ‘eifrig lernen, pauken’ (19. Jh.), eigentl. ‘wie ein als Zugtier verwendeter Ochse schwer arbeiten’, durch die Studentensprache verbreitet (vgl. büffeln).

  • Kluge (2013)

    • Möglicherweise aus einer (unbekannten) nicht-indogermanischen Sprache entlehnt.

  • DEt (2014)

    • Ochse, österr. und ugs. auch: Ochs »verschnittenes männliches Rind«:

      • Das gemeingerm. Wort mhd. ohse, ahd. ohso, got. aúhsa, engl. ox, schwed. ox beruht mit verwandten Wörtern in anderen idg. Sprachen – vgl. z. B. aind. ukṣā̓ »Stier« –

      • auf einer Bildung zu der idg. Wurzel *ū̆gh- »feucht; feuchten, ‹be›spritzen«. Diese Bildung bedeutet demnach eigentlich »Befeuchter, ‹Samen›spritzer« und bezeichnete also den ‹Zucht›stier. Zu der zugrunde liegenden Wurzel gehören z. B. aind. ukṣáti »befeuchtet, bespritzt« und lat. uvidus »feucht, nass«, umere »feucht sein«, umor »Feuchtigkeit« (vgl. ↑ Humor). –

      • Abl.: ochsen ugs. für »eifrig lernen« (19. Jh., aus der Studentensprache; eigentlich »schwer arbeiten wie ein als Zugtier verwendeter Ochse«; vgl. büffeln (↑ Büffel ). –

      • Zus.: Ochsenziemer »schwere Peitsche, Züchtigungswerkzeug« (18. Jh.; der zweite Bestandteil ist entweder aus »Sehnader« »Glied ‹des Ochsen›« umgebildet oder ist identisch mit »Ziemer« »Rückenbraten ‹von Wild›; Glied ‹von Ochsen u. a.›«, mhd. zim‹b›ere; diese Peitsche wurde früher aus dem getrockneten Zeugungsglied eines Stiers hergestellt).

Diskussion

  • Deutungsversuche:

    • Adelung

      • αὐξάνειν auxánein, augere, auchen 'wachsen' // Pfeifer 'heranwachsendes Rind'

        • Da alle Lebewesen wachsen, ist das kein einleuchtendes Benennungsmotiv.

        • eher 'Vermehrer'

      • ὀχέω okʰéō 'trage, reite, fahre', schwed. oka

      • ok 'Joch'

        • nordisch < *jok-

      • isl. uxe 'Last- und Zugtier'

        • Verallgemeinerung

      • Noß 'Vieh'

        • organisches n- (anord. naut 'Rind', vgl. Nutzen)

      • e euphonicum unnötig

        • n-Stamm wie in Hase

    • Grimm *uksh 'bespringen, befruchten'

      • durch Ficks Korrektur gegenstandslos

    • Kluge (1894)

    • Fick vekv- 'feucht' = Pokorny u̯egʷ- : ū̆gʷ-, ukʷs-: mit demselben Verhältn. wie ai. vr̥šan- 'männlich' ... ai. varṣá-m 'Regen', s. u̯er- 'feuchten' = Pfeifer 'Samenspritzer, Zuchtbulle' = DEt

      • Irrtum: ai. ukṣáti 'befeuchtet, besprengt', av. uxšyeiti 'sprüht' meint äußerlich nass machen

    • Kluge (2013) < nicht idg. Sprache

      • Verlegenheitsauskunft?

      • aber TH 1985

        • mong. hükär, ung. ökör, türk. öküz 'Ochse'

        • bask. aker 'Bock', Berber akar 'Widder'

  • Infrage kommen ernsthaft:

    • Adelung

      • 'wachsen' // Pfeifer *(a)u̯eg- ‘vermehren, zunehmen’ 84f

        • and. ōkan 'vermehrt, schwanger' ('zugenommen, dick geworden'?) 85

        • ⒡ Schwundstufe *uks-: aind. उक्ष् ukć 'wachsen', tochar. A oks- 'wachsen', A okšu '(erwachsen >) alt'

        • ⒢ Benennungsmotiv unklar: heranwachsend - gewachsen = groß, stark? - Vermehrer - Dickmacher?

      • ὀχέω okʰéō 'trage, reite, fahre', schwed. ¿oka

        • besser und deutlicher zu bewegen, Wagen, griech. Ϝὄχος [w]ókʰos 'Wagen' 1210

        • also 'Zugtier'

          • vgl. hbr. עגל ʕegäl 'Jungrind', עגלה ʕªgálâ 'Wagen' 1,741, (allerdings wohl unterschiedlicher Herkunft) // Ochse / Achse (durchgehend a-Lautung)?

        • Schwundstufe u- nur im Ar. und evtl. Alb. 118

        • keine Formen mit -s-

    • Kluge (1894) lat. vacca 'Kuh'

      • Japhet. *ʊeć- wurde z. T. als -ts- realisiert, aber nicht als -ks-

    • Fick vekv- 'feucht' = Pokorny u̯egʷ- : ū̆gʷ-, ukʷs- = Pfeifer 'Samenspritzer, Zuchtbulle' = DEt

      • ⒡ Schwundstufe *uǩs-

      • ai. ukṣáti 'befeuchtet, besprengt', av. uxšyeiti 'sprüht' meint äußerlich nass machen

  • Klärung: Es kommen nur die Wurzeln mit der Schwundstufe *uks- infrage:

    • formal: -on: individualisierendes Suffix 3,91, Nomen agentis 3,93

    • 'wachsen'

      • *Wachsender / Vermehrer*

        • Mit Rücksicht auf aind. उक्ष् ukć 'wachsen', tochar. A oks- 'wachsen', A okšu '(erwachsen >) alt' kommt nur 'wachsen' in Betracht. Aber kann man aus dem intr. 'wachsen' ein Nomen agentis bilden?

        • also wie griech. aux-án-ein 'wachsen machen'?

        gibt beides keinen Sinn

    • 'befeuchten'

      • bleibt formal die einzige Möglichkeit.

      • semantisch unbefriedigend

    • Also wie Kluge (2013) < nicht idg. Sprache = Databases *ṗVḳV 'Vieh'?

      • Lautung nicht überzeugend

    • TH 02.11.2017

      • Ochse als 'Brüller' < *ʊɢsán < *ʊaɢ- 'schreien'

        • zu got. auhjon 'lärmen', auhjodus 'Lärm, Getümmel, Aufruhr'? 406

          • zu lett. aūka 'Sturmwind', serb. ȕka 'Geschrei' 9 

        • vgl. Kuh < adam. *goʊ- 'brüllen, Brüller, Rind' < adam. *ɢaʊ- 'laut sein'

      • Dann passt Kluge (1894) lat. vacca 'Kuh' auch dazu.

      • Das erklärt auch die ir. Bedeutung 'Hirsch', der ja ebenfalls brüllt (vidg. Bedeutung).

Erklärung

  • 'Brüller'

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Aktuell: 28.08.2021