Diskussion Rotwelsch

Befund

  • mhd. 12e" rot walsch Das alte Passional 221,22

    • Gemeint ist ein hinterlistiger Auftrag einer Königin, deren Worte die Jünger zwar verstehen, aber nicht die böse Absicht.

    • also nicht "betrügerisch unverständl. sprache, gaunersprache", wie Lexer (1872-78 / 2002) 2,510

      • möglich, dass der Verfasser das Wort kannte, aber nicht genau wusste, was es bedeutete.

  • fnhd. 1494 rottwelsch Narrenschiff 63,39

    • als Sprache der südwestdeutschen Bettler

    • Da Brant in den folgenden Versen Ausdrücke aus dieser Sprache zitiert, also eindeutig im heutigen Sinn.

  • Ndt. Liber vagatorum (1510) bei KlugeRw (1901) 771

    • rotboß bedler herberg

    • rottun bedeler

    • rotten bedelen

  • Train (1833) 99 f

    • Rotbos, f. Bettelherberge, Rotten, sammeln

  • BMZ (1854/1866) 2,1 773a

    • roten 'sammeln, schaaren'

      • Rotten bilden, Menschen versammeln

  • Polzer (1922) 73

    • röttern schwatzen, scharf einvernehmen; betrügen

  • WolfS (1959 / 93) 2787
    • rota 'Zigeunersprache, Sprache'

    • rota 'Zigeunersprache sprechen, (überhaupt) sprechen, reden, erzählen

      • zu veraltet dt. Rot m. 'Bettler'

Theorien

  • Lexer (1872-78 / 2002) 2,510

    • folgt BMZ (1854/1866) 3,468a in der Schreibung "rôt" und deutet auf die Farbe: "rothaarig"

  • Grimm (1893) 14,1324

    • rôt = rothaarig

    • rot 'Bettler'

    • Für die letzte erklärung spricht ihre einfacheit, für die erste das sehr frühe auftreten des wortes rôtwalsch

      • Irrtum, im Druck # steht rot walsch ohne Zirkumflex.

  • Kluge (1894) 306

    • im Rotwelsch ist Rot 'Bettler'

  • Kluge 2002

    • rotwelsch ... (14. Jh.)... Zu welsch in der Bedeutung "unverständliche Sprache" und gaunersprachlichem rot "Bettler". Schon im 13. Jh. als Substantiv bezeugt rotwalsch "betrügerische Rede", vermutlich ausgegangen vom Niederländischen, wo rot (zu rotten2) "verdorben, verkehrt, schmutzig" bedeuten kann. Bei der Übernahme in den Süden umgedeutet zu "Welsch der Bettler" (das auf dem gleichen Wort beruht).

Diskussion

  • Woher kommt Rotwelsch?

    • nicht von der Farbe wie Lexer und Grimm

    • von Rot 'Bettler' wie Kluge 1894

    • von ndl. rot 'verdorben' wie Kluge 2002

      • Demnach müsste das Passional auch die ursprüngliche Bedeutung haben. Das ist aber unwahrscheinlich,

        • weil die Königin eine hochstehende Person ist,

        • weil sie Klartext redet, aber arglistig. "Welsch" ist aber nicht Klartext, sondern Fremdsprache, unverständlich.

      • Wenn rot 'verdorben, verkehrt, schmutzig' wäre, dann müsste man "rot walsch" als schlechtes oder ordinäres Romanisch auffassen, das ist aber sicher nicht gemeint.

      • Ndl. rot kann heute auch eine primitive Sprache bezeichnen (WNT), aber noch nicht in den seltenen mnl. Belegen (MNW).

      "Rot walsch" ist also eher im übertragenen Sinn gebraucht und es bleibt als ursprüngliche Bedeutung nur 'Fremdsprache der Bettler'.

  • Woher kommt Rot 'Bettler'?

    • und damit verbunden:

      • rotten bedelen im Liber Vagatorum

      • Rotten, sammeln bei Train

      • röttern schwatzen, scharf einvernehmen; betrügen bei Polzer

      • zig. rota 'sprechen, Sprache' bei Wolf

    Möglichkeiten:

    • zu Rotte 'Gruppe'

      • schon mhd., BMZ 1,1 772a

      • wie bande von zusammenziehenden landstreichern, zigeunern, räubern u. ä. Grimm 14,1318

      • Rot wäre dann 'Rottenmitglied'

        • rotten 'betteln'
          'sammeln' Train im alten Sinn von 'versammeln'?

        • Rotwelsch 'Sprache der Rotte'

          • rota 'sprechen, Sprache' Wolf

            • iterativ röttern 'schwatzen, scharf einvernehmen; betrügen' Polzer

        oder Rotwelsch 'Sprache de Rotte'

        • Rot 'einer der Rotwelsch spricht, Bettler'

          • rotten 'betteln'

          • rota 'sprechen, Sprache'

            • iterativ röttern 'schwatzen, scharf einvernehmen; betrügen'

          • Dagegen: Gebettelt hat man doch wohl nicht auf Rotwelsch.

Erklärung

  • Rotwelsch 'Sprache der Rotte'

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 10.02.2019