Diskussion Süden

Befund

  • germ. *sunð- 'Süd'

    • anord. Baetke 619 f

      • sunnan 'von Süden, südlich'

      • sunnarr 'südlicher, weiter südlich'

    • aengl. Hall 327

      • súð(er)ra, sýð(er)ra 'weiter südlich'

      • súðmest 'ganz im Süden'

      • súðor 'nach Süden, Süden'

      • sýð  'nach Süden, Süden'

      • súðan *von Süden, im Süden'

      • súðerne 'südlich'

    • afries. HoltAfr 107

      • sūth 'Süden'

      • sūther 'südwärts'

      • sūther(n) 'südlich' 

    • anl. 7" sunth, sūth 'Süd'

    • and. HoltAs 72

      • sūth 'Süden'

      • sūthan 'von Süden'

      • sūthar 'nach Süden'

      • sūthrōni 'südlich'

    • ahd. KöblerA 307

      • sund 'Süden'

      • sundan 'aus dem Süden, von Süden her'

      • sundar 'südlich'

      • sundirīn 'südlich'

      • mhd.

        • sunt 'Süden  Lexer 2,1319

        • 12m" sūdegarten 'südliche Garten'  Lexer 2,1186

        • nhd.

          • 15m" Notus i. Auster. Suden Alberus (Wind)

          • 16e" Sud / & Süd / u. Süden / der / meridies Stieler 2,2237

  • Grimm (1942) 20,918 ff

    • 4) seit dem 12./13. jh. dringen die sûd-formen in das mhd. schrifttum ein;

    • 6) die schreibung mit -u- herrscht noch im 16. jh. und ist auch noch im 17. und 18. jh. geläufig, neben der -ü-schreibung

Theorien

  • Adelung (1793-1801) 4,497

    • Dieses Sund ist mit Sonne unstreitig Eines Geschlechts, so wie unser heutiges Süd allem Ansehen nach zu sieden gehöret, diejenige Gegend zu bezeichnen, in welcher die heißen Länder liegen, und aus welcher die warmen Winde kommen.

  • Kluge (1894) 370

    • ... Ob sunþ aus sun- in got. sunnô 'Sonne' angeleitet ist und eig[ent]l[ich] 'Sonnenseite' meint, ist nichts sicher...

  • Grimm (1942) 20,918 ff

    • meist mit *sunnon- 'sonne' verbunden...

    • doch verdient auch H. Schröders ... zusammenstellung mit *suinþa- 'stark, rechts' ... beachtung, wenn nord, norden mit umbr. nertru 'sinistro' zu verbinden...

  • Kluge 2002

    • Süden ... (9. Jh., Form 12. Jh.), mhd. sunt, sūd; sunden, sūden, ahd. sund, sundan, as. sūd, adv. sūdan ...

    • Das Substantiv ist wie die zugehörigen Adverbien früh von den (seefahrenden) Niederländern entlehnt (in der ndd. Form sud seit dem 12. Jh., in der ndl. Form süd seit dem 15. Jh.).

    • Auszugehen ist von g. *sunþa- (usw.) in anord. súđr n., ae. (Adv.) súþ, afr. sūth, as. sūth Adv., dann ndd. weiter sūd, nndl. zuid. Das Substantiv "Süden" ist überall jünger als die Adverbien ("südwärts, von Süden").

    • Herkunft umstritten.

      • Da Osten als "Morgenröte", Westen wohl als "Abend, (Sonnenuntergang)" zu erklären ist, leuchtet eine Verbindung mit dem Wort für Sonne am ehesten ein (adverbial: zur Sonne - beim Höchststand - hin, von der Sonne her).

      • Wohl kaum als Gegensatz zu Nord (eigentlich "links/unten") zu *sup- "oben" (l. super, gr. hýper, hypér), da dieses in dieser Form im Germanischen sonst nicht bezeugt ist, und da die abstrakte Bezeichnung für Norden wohl eher davon rührt, daß "Mitternacht" nicht nach einem konkreten Sonnenstand benannt werden kann.

  • Pfeifer (1995 / 2005) 1394

    • ... das mit dem Komparativsuffix ie. [= idg.] -tero- ... zu einem Stamm germ *sun- 'Sonne' ... gebildet sein kann, so faß von einer Bedeutung 'der Sonnenseite zugewandt' auszugehen ist,

    • was auch (analog zu Nord...) als 'rechts', also die rechte Seite des sich gegen Osten (Sonnenaufgang) neigenden Beters, deutbar ist,

    • ohne daß zur Begründung dieser Bedeutung eine Verwandtschaft mit den unter geschwind ... genannten Formen um mhd. swinde, swint 'gewaltig, stark, heftig, schnell', also vielleicht auch 'rechts' angesetzt werden muß.

    • Zweifelhaft bleibt auch, ob eine dentale Bildung mit Anschluss an ... lat. super '(von / nach) oben' ... angenommen werden kann, was eine Deutung 'oben, die Gegend, wo die Sonne oben ist' erlauben würden.

Diskussion

  • Im Hebräischen ist

    • Osten vorn

    • Süden rechts

    • Norden links

    • Westen hinten

    Da auch im Oskischen und Umbrischen die Entsprechung für Norden 'links' bedeutet, nahm man an, dass dort dieselbe Anschauung zugrunde lag.

    • Mögliche Hinweise:

      • and. swīth(i) 'stark' auch 'recht(e Hand), falls zu Süden

      • Abend kann man mit etwas Phantasie auch als 'hinten' verstehen.

      beides nicht überzeugend.

    • Dass die Italiker die linke Hand als nerteros 'weiter unten' verstanden, kann auch andere Gründe haben als eine Gebetshaltung oder Orientierung nach dem Osten:

      • Sie blieb unten, wenn man die Rechte erhob.

      • Sie hat ein "niedriges" Ansehen.

  • Süd statt Sud

    • ndl. zuid [zəʏd] LT 500. Ui < ṻ < ū ist Diphthong.

    • Auch das Ndt. hat ü < u / iu (Sünn 'Sonne Sass 197, düden 'deuten' Sass 61) und natürlich auch Süd Sass 398)

    • Da auch das Aengl. z. T. Umlaut hat, ist anzunehmen, dass der aus einer Form mit i/in in der Endung stammt. In den anderen wgerm. Sprachen ließ sich der Umlaut nicht kennzeichnen.

  • Süd < sieden

    • Adelung kennt noch nicht die Regel, dass in Nwgerm. n vor þ schwindet.

  • Germ. *swenðaż 'stark' / *sunðaż 'bei Kräften'

    • Dass and. swīth(i) 'stark' auch 'recht(e Hand) bedeutet, ist nicht gesichert, könnte aber die Überlegungen Schröders bestätigen.

    • Eine Anknüpfung an das ital. Wort für 'links' ist problematisch, weil diese Bedeutung nicht germ. ist.

    • Allenfalls kämen für Sund, Süd eine Eigenschaft der Sonne oder (noch besser) des Windes in Frage.

    • Dagegen sprechen die unterschiedlichen Formen

      • aengl. sund 'heil' / súð- 'Süd'  Hall 326 f

      • afries. sund 'gesund' /  sūth 'Süden' HoltAfr  107

  • Eine Anknüpfung an griech. ὑπέρ hypér, lat. super 'über' ist unmöglich:

    • Sie bedenkt nicht die Grundform Sund, nicht Süd.

    • Die Grundform von *śupér ist *up-.

    • p und t sind nicht ohne weiteres austauschbar.

  • Von den erwogenen Möglichkeiten bleibt also nur die Anknüpfung an idg. *sʊ̟nʊā bzw. *säʊel, Gen *sʊenes 'Sonne', das aber keine Ableitungen auf t hat.

  • Alternativen:

    • Weiterbildung aus einem Partizip mit -nt,

    • mit t-Suffix wie bei Osten, Westen, Norden

      • zu germ. *sumar 'Sommer' > +sum-terós < *sunterós 'heißer'

      • nicht wie lat. summus < *sup-mos = aengl. ufema 'am höchsten'

    • zu griech. νότος nótos 'Südwind, Regenwind', νοτερός noterós 'nass' < *śnët- 'fließen, Feuchtigkeit' Pokorny 971 f

      • Dem könnte ein vgerm. schwundstufiges *śn̥terós > germ. *sunðra entsprechen.

        • Dass in Mitteleuropa der Regen heute aus dem Westen kommt, ist kein Gegenargument, denn das Grundwort wäre dann idg.

        • Auch bei lat. auster 'Südwind' stimmt die Himmelsrichtung nicht mehr.

    Wertung:

    • "Sonnenrichtung"

      • + Auch die anderen Richtungen sind auf die Sonne bezogen

      • + Grundwort mit u

      • - keine Form mit t, erklärbar aber durch die Anfügung -terós

    • "kräftig"

      • + Grundwort mit u

      • - kaum erkennbare Beziehung zur Himmelsrichtung

    • "Sommer"

      • + Grundwort mit u

      • + Beziehung zur Sonne erkennbar

      • - gekünstelte Anbindung an Sommer

    • "Südwind"

      • + griech. Bezug zum Süden

      • - Anlautendes s- nur erschlossen

      • - Der Windname fällt aus dem Rahmen

Erklärung

  • Süden 'in Sonnenrichtung'

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 10.02.2019