Diskussion Wald

Befund

  • germ. *walðus

    • anord.

      • völlr m. 'Erdboden, Grund, unbebautes Feld'

        • norw. voll 'grasbewachsene Fläche'

        • schwed. vall 'Weide'

        • > estn. väli 'Feld', liv. *vell 'Feld, Hofplatz' (fehlt finn.)

      • vald n. 'Macht, Herrschaft, Machtbereich'

    • afries. wald 'Wald' m., waeld f. 'Gewalt'

      • wfries. wâld 'ausgedehntes Waldgebiet', Pl. wâlden 'bewaldete Landschaft'

    • aengl. weald m. 'Wald; Gewalt', n. 'Gewalt, Besitz'

      • mengl. wald, wæld, wold n.'Hügelland, Waldland; Gewalt, Besitz'

        • engl. (veraltet) wold, auch weald 'Wald, Heide, offene Gegend'

          • Bailey (1783) 924 + Wòld, champ, campus ein freyer, offener Strich Landes, der etwas höher, als das angränzende Land liegt.
            wold "The sense development from "forested upland" to "rolling open country" (c.1200) perhaps is from Scandinavian influence, or a testimony to the historical deforestation of Britain. Not current since mid-16c.; survives mainly in place names (cf. Cotswold)." Web

    • and. wald m. 'Wald'

      • mnd. m., n. wolt, walt 'Wald', f. wolt, walt 'Gewalt'

        • ndt. (Wrede) Wōld f., n. 'der ausgedehnte Wald, Gemeindewald', (Sass) Woold m.'Wald'

    • anl. wald m. 'Wald', f. 'Gewalt'

      • mnl. Web

        • wout 'Wald; Gewalt, Wunsch'

        • woud 'Wald' // foreest (Herrengut mit Wald, Feld, Wasser und Auen) :: bosch 'Büsche' ndl. 'Wald'
          schwer abzugrenzen gegen woud 'Gewalt, Gebiet, Landstrich'

          • ndl. woud 'Waldgebiet'

    • ahd.

      • uuald, uualth, uualt m. 'Wald (lat. silva, saltus, nemus; condensa 'Dickicht'), Einöde (lat. eremus), Wüste (wastinnu waldes < lat. eremus) Graff 1,802

      • walt (unsicher: piuualti [pi uualti?] sohit, jure quaerit) Graff 1,808

        • > mlat. waldus, gualdus, -a, -um, -tus (Niermeyer 1125)

          • > afrz. gault, gau, gal, gaud, gaul, gault, gualt, guald, waut, jout, joulx 'Wald, Dickicht, unbebautes Land' Web

          • > prov. gaut 'Wald'

        • mhd. walt m. 'Forst, Gebirge, Holz, Büschel belaubte Zweige'; f. 'Verfügungsgewalt Vollmacht'

          • fnhd. wald 'Wald'

            • nhd. Wald 'dicht mit Bäumen bewachsene Fläche, Gebirge; große waldartige Menge', landschaftlich auch 'Grenze; Laubwerk'

Theorien

  • Adelung 4,1353 (1793-1801)

    • "Der Stammbegriff läßt sich in diesem Worte nur errathen. Viele sind auf wild gefallen, weil ein Wald doch der wildeste Anblick in der Natur ist. Allein zu geschweigen, daß wild schon wieder ein übertragener Begriff ist, so scheinet in Wald vielmehr das dicke, enge Beysammenseyn der Theile der herrschende Begriff zu seyn, indem man dicke, buschige Haare, nahe an einander stehende Gewächse u.s.f. mehrmahls mit einem Walde zu vergleichen pflegt."

  • Graff 1,803 (1834) wildi: "wegen des Zusammenhangs mit wald, cg. silva, silvaticus und das franz. sauvage)

    • so auch ML7922, ferner ML 3432 *forasticus 'draußen befindlich, das sich mit lat. ferox 'wild' vermischt hat (afrz. ferasche 'wildes Tier')

  • Kluge 395 (1894)

    • "das germ. walþu-s, aus welchem afrz gaut 'Buschholz' entleht ist, weist auf vorgerm. waltus (waltwos?), zu dem gr. ἄλσος (für *ϜαλτϜος?) 'Hain' und skr. vaṭa (als *valta) 'Garten, Bezirk' - vaṭi (als *valti) 'Baumgarten' sich wohl fügen. Zusammenhang mit wild ist unsicher."

  • Grimm 27,1072 (1922)

    • I. formales.
      1) formen und verwandtschaft. das wort ist gemeingermanisch und nur im gotischen nicht belegt: ahd. wald, mhd. walt (gen. waldes), and. wald, mnd. wold, ndl. woud (als n.), afries. wald, saterländ. wald, nfries. wâd ..., ags. weald, mengl. wald, wæld, wold ..., engl. (veraltet) wold, auch weald 'wald, heide, offene gegend'; das anord. völlr bedeutet 'erdboden, grund, unbebautes feld', dazu norw. voll 'grasbewachsene fläche' ..., schwed. vall 'weide'. darnach musz das wort im got. *walþus gelautet haben. auf dem westgerm. wort beruht afranz. gualt, gal, gaut, prov. gaut, gau buschholz, wovon afranz. gaudine, prov. gaudina abgeleitet ist.
      etymologische anknüpfung zu gewinnen, ist schwierig.

      • das gewöhnlich herangezogene gr. ἄλσος 'hain' kann nicht verwandt sein, da es kein w im anlaut gehabt hat;

      • ebenso werden die von Kluge ... verglichenen skr. vaṭa garten, bezirk und vaṭi baumgarten besser ferngehalten.

      • Uhlenbeck beitr. 26, 311 stellt germ. *walþu- als aus *gwalþu- entstanden zu aksl. golĭ 'ast', slov. gol 'abgehauener junger baum', czech. hůl 'gehölz', obersorb. hol′a 'wald', was auch wenig wahrscheinlichkeit für sich hat.

      • ob man von dem begriff 'wald' als dem ursprünglichen ausgehen darf, ist überhaupt fraglich, da der des anord. völlr 'feld' nicht so leicht daraus abgeleitet werden kann (doch vgl. die bedeutung im engl.), während die umgekehrte entwicklung eher verständlich wäre (vgl. ags. leáh offene stelle, wiese, zu lat. lucus hain, eigentlich lichtung, aber mhd. lôch 'gebüsch', heide als 'waldbewachsene fläche' u. dgl.). wahrscheinlich wird als grundbegriff 'nicht der kultur unterworfenes land' anzusetzen sein, wovon westgerm. wald nur eine specialisirung darstellt (noch im mhd. macht sich bei wald der nebensinn des unkultivirten, unwirtlichen, wüsten stark bemerklich ....

      • von seiten der bedeutung empfiehlt sich daher die alte zusammenstellung des wortes mit wild, ahd. wildi, ... die annahme Kluge's ..., dasz wild ursprünglich nur von lebenden wesen gebraucht worden sei, scheint nicht genügend begründet, vgl. got. wilþeis alêvabagms u. dgl.). freilich ist auch die etymologische grundlage von wild dunkel, denn die von Schade a. a. o. versuchte ableitung beider wörter von der wurzel var 'hemmen, hindern' (oder auch 'schützen') ist sicher unrichtig.

      • nicht wahrscheinlich ist, dasz ... von der bedeutung 'laubwerk' ... auszugehen und an walen 'wälzen, drehen', anord. valr rund u. s. w. anzuknüpfen ist; allerdings macht germ. walþu- den eindruck einer abstractbildung (ursprünglich etwa 'rundung, wölbung'?).

      • andere ziehen, ebenfalls von der bedeutung 'laub' ausgehend, ir. folt haar, kymr. gwallt haar, gwellt gras, lit. valtis haferrispe, apreusz. wolti ähre heran.

  • Pokorny 1139 (1959/ 2002)

    • Root: u̯el-4, u̯elǝ-

      English meaning: hair, wool; grass, forest

      German meaning: in Worten für `Haar, Wolle', auch `Gras, Ähre, Wald'

      General comments: Beziehung zu *u̯el- `drehen' ('Kraushaar' u. dgl.) oder *u̯el- `reißen, rupfen' ist möglich

    • C. Dentalerweiterungen:

    • Gr. λάσιος (*λατιος, idg. *u̯l̥t-ii̯os) `dicht mit Wolle oder Haaren, auch Gestrüpp bewachsen'; air. folt `Haar', cymr. gwallt, acorn. gols, abret. guolt ds., davon abret. guiltiat, guiliat, guoliat, mbret. guilchat `Schur, Tonsur' und cymr. gwellaif, acorn. guillihim `Schere', vielleicht auch cymr. gwellt, corn. gwels `Gras', abret. gueltiocion `fenosa' (oder zu mir. geltboth `pābulum', gelid `grast' S. 365, mit gw nach gwallt?);

      ahd. as. wald `Wald', ags. weald ds., aisl. vǫllr `Wiese';

      • nach E. Lewy ... und Holthausen ... würde Wald als *(s)u̯altus zu lat. saltus `Engpaß, Bergwald', gehören, das dann von saltus `Sprung' zu trennen wäre ... , während Ernout-Meillet beide vereinigen

      • andere stellen Wald zu got. wilþeis `wild', aisl. villr `wild, verrückt', ags. wilde, as. ahd. wildi `wild, unbebaut' (*u̯eltii̯o-), nhd. Wild (*u̯eltos), wozu ferner cymr. gwyllt `wild, wahnsinnig, schnell' (*ueltī-), corn. guyls `wild, unbebaut', abret. gueld-enes `insula indomita' (mir. geilt `Wahnsinniger' ist wohl brit. Lw.);

    • lit. váltis `Haferrispe, Haferspelte' (auch `Garn'), apr. wolti `Ähre', ukr. volótь `Rispe', serb. usw. vlât `Ähre';

      mit Media (aspir.?) aksl. vladь, aruss. volodь `Haar'.

    Dazu: heth. ʊalli- 'enthaart'?

  • Kluge 2002

    • Die Ausgangsbedeutung ist "Büschel", speziell "Laubwerk, Zweige", daraus (wie bei Busch) Verallgemeinerung zu "Wald".  Außergermanisch vergleichen sich air. folt, (falt) "Haarschopf, Laubwerk", kymr. gwallt "Haarschopf, belaubte Zweigspitzen", lit. váltis f. "Haferrispe" aus ig. (eur.) *wolet-, zu dessen Schwundstufe gr. lásios "behaart, dichtbewachsen" gehört. Diese zu l. vellere "rupfen" und weiter wohl zu dem Wort für "Wolle". Adjektiv: waldig; Kollektiv: Waldung; PräfixAbleitungen: be-, entwalden.

Diskussion

  • Haare (Adelung, Pokorny), Laubwerk = Haare (Grimm, Kluge 2002)

    • sachliche Parallelen:

      • nicht hierher: Westf. die Hâr in Bergnamen (mwestf. hara, auch Harr geschrieben) Wb. d. Westf. Mda. 93

      • hbr. שעיר śáʕîr 'haarig', Gebirgsname Śeîr

  • Wölbung (Grimm)

  • gr. ἄλσος (Kluge 1894)

    • Waltwos müsste griech. halsos geben, daher von Grimm verworfen.

    • Hofmann: zu *al- 'wachsen'

  • skr. vaṭa 'Garten' Kluge

    • von Grimm verworfen

    • Pali? zu aind.वृति vr̥ti 'Gehege, Zaun' Web

  • aksl. golĭ 'ast' (Grimm) P403

    • Vasmer: голья [gol´já] "'Zweig, Ast'; Kursk, ukr. гiлля́ hiłá, dass., wruss. голлё hol´l´o  koll. 'Äste', sloven. gȏl 'abgeästeter junger Baumstamm', čech. hůl f. 'Reis, Gerte'. ǁ Gewöhnlich als Ablaut von галуза [galúza] aufgefaßt und zu armen. kołr 'Zweig, Ast' gestellt... Das sloven. und čech. Wort kann von голый [golyj kahl] nicht getrennt werden."

      • Arm. k < g, aber nicht < w (g < w). Diese Gruppe kommt also nicht in Frage.

  • lat. saltus < *(s)u̯altus  (Pokorny)

  • zu wild

    • das als *welði aber Zugehörigkeitsbildung ist. Wild würde also nicht Wald erklären, sondern umgekehrt.

      • *Ʊeltıós 'willkürlich' ist Zugehörigkeitsbildung zu *vël- 'wollen' mit der primären Ablautstufe e, also kann *ʊoltós eine Ableitung mit der Sekundärstufe o sein.

  • aind. वन् van' Baum, Holz', वन vána' Baum, Wald, Holz, Holzgefäß, Kufe, Wolke' वान vāna' ein dichter Wald'

    • gehört zu ahd. winne 'Weideplatz' P1147

Alternative

  • germ. *walðus (auch als Gebirgsname) bezeichnete eine Landschaftsform als ihre Vegetation.

    • lat. vallis 'Tal'

    • georg veli 'Wiese'

    • heth. ʊellu- 'Wiese', ʊelku- 'Gras, Kraut', lit. velėna 'Rasen'

    kommt kaum in Frage.

  • zu walten: Wald bedeutet eigentlich 'Gebiet' (zu walten). Germ. Entsprechung von Forst. Der Odenwald war ein Bannforst.

    • kelt. *ʊlatis > air. flaith f. 'Herrschaft, Fürst', cymr. gwlad 'Land, Region'

    • Die germ. Wörter für 'Bäume' und für 'Gewalt' lassen sich nicht immer auseinanderhalten. Die Unterscheidung in Geschlecht und Schreibung scheint künstlich zu sein.

    Dagegen:

    • das zweite wald bedeutet nur abstrakt 'Macht' und nur anord. auch 'Machtbereich'.

    • Es kann auch kein Lehnwort aus dem Kelt. sein,

      • da die Bedeutung 'Land' wohl eine brit. Neuerung ist.

      • da man für das königliche Revier das roman. Forst übernahm, dessen rechtliche Bedeutung offenbar in dt. Wald nicht enthalten war.

        • Umgekehrt könnte Forst 'außerhalb' die Bedeutung von dt. Wald 'Wildnis' übernommen haben.

Erklärung

  • *ʊel- 'wollen' > *ʊeltıós 'willkürlich > wild' > *ʊoltús 'Wildnis > Wald'

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 10.02.2019