Diskussion Weizen

Befund | Theorien | Diskussion | Klärung | Erklärung

 

Befund

  • got. ƕaiteis 'Weizen' 439

  • anord. hveiti 'Weizen' 286

  • aengl. hwǣte 'Weizen, Getreide' 197

  • afries. hwêt 'Weizen' 49.161

  • and. hwêti 'Weizen' 39

  • ahd. (h)weizi 'Weizen' 364

  • nhd. Weizen 'eine Getreideart'

  • lit. kviečiaĩ 'Weizen' 414

  • lett. kvieši 'Weizen' 112

Theorien

  • Stieler (1691/ 1968) 2,2489

    • Weiz / & Weizen / der... est a candore dictum, tricitum enim candidum est & nitet

    • = ist nach der weißen Farbe benannt. Denn Weizen ist weiß und leuchtet.

  • Grimm (1965) 28,1323

    • das getreide wurde benannt nach dem weiszen mehl, das es liefert:

    • 'sembra venire da weis, bianco' = Weizen kommt von weiß Kramer teutsch. it. 2, 1312b.

    • ähnlich ist alb. barθ 'weizen' und 'weisz',

    • und bret. gwiniz 'weizen' gehört zu gwenn 'weisz', s. Hoops waldbäume u. kulturpflanzen 356.

    • entsprechungen von *hvaitja- fehlen ausserhalb des germ.,

    • lit. kvietȳs 'weizenkorn', pl. kviečiaĩ 'weizen', lett. kvìesis, pl. kvìeši ist aus dem germ. entlehnt, s. Mühlenbach-Endzelin 2, 356.

Diskussion

  • der reife Weizen ist gelblich, das Vollkornmehl zwar nicht ganz weiß, aber weißlich-bräunlich. Weiß ist das Feinmehl und das damit gebackene Brot (Weißmehl, Weißbrot) :: Schwarzbrot aus Roggenmehl.

  • ähnliche Wörter:

    • slawisch 1,426 / baltisch

      • russ. жито žíto 'Korn, Getreide'

      • apr. gaydis 'Weizen' 41 

      • gehören wohl zu жить žiť 'leben'

      nicht hierher.

    • keltisch

      • cymr. gwenith 'Weizen' 221

      • corn. gwaneth 'Weizen' 44

        • -a- kann reduzierter Vokal in unbetonter Silbe sein.

      • bret. gwinizh 'Weizen' 141

      • angeblich zu neik- 'Getreide schwingen' 761, 42, aber gwe- unerklärt

      • eher = gwen 'weiß' (f.) 221 + ith, yd 'Korn'

        • zur Wortstellung vgl. cymr. †gwenn-aul 'helle Sonne' < gwenn 'weiß' + haul 'Sonne' 221

    • baltisch

      mit ie < ai / ei / oi 1,68

      • lit. kviečiaĩ 'Weizen' 414, Adj. kvietìnas 277

      • lett. kvieši 'Weizen' 112

      • gehören zu japhet. *ċʊy- 'hell, leuchten, weiß' 628

        • lit. šviesùs 'hell, licht' 553

          • dazu (sz = š) NessLit 531f

            • Szwaityti, mit der Hand ausholen, etwas schwenken, schwingen. z. B. den Stock, den Degen, daher fechten

            • Szweitu, veraltet, dafür ... szweisti, reinigen putzen, scheuren, blank machen, polieren, schmücken

            • szwitėti, glänzen

        • lett. kvitêt (kwiteht) 'flimmern, glänzen' 130

          • Lett. kvitêt zeigt, dass die Weizenwörter baltisch sein können.

          • Bei Urverwandtschaft dürften sich aber nicht balt. t = germ. t entsprechen.

          • Also doch germ. > balt.

  • für < weiß:

    • der Augenschein der Wortüberlieferung

      • cymr.  gwenith 'Weizen' < gwen 'weiß' (f.) 221 + ith, yd 'Korn'

      • heth. kant- 'Weizen', čeč. кан kan 'Ähre' 131 (wenn zu lat. candidus 'weiß' 526)

      • čeč. кІа kˀa 'Weizen' 136 / кІайн kˀajn 'weiß' 137

      • ägypt. bdt ḥt 'weißer Emmer' 573

  • Bedenken:

    • Lautunterschied

      (diente wohl der Bedeutungsunterscheidung)

    • Vollkornmehle aus Weizen, Roggen und Dinkel unterscheiden sich in der Farbe nur unwesentlich: durch die darin enthalten Schalenteile (Kleie) ist das Mehl leicht bräunlich gefärbt. Weiß wird es, wenn es als Feinmehl keine Kleieanteile mehr enthält.

    • Weißbrot enthält nur Weizen-Feinmehl. Reines Roggenbrot ist schwer zu backen. Die dunkle Farbe der Pumpernickel kommt nicht vom Mehl, sondern entsteht durch chemische Prozesse während der Säuerung.

    • Germanen und einfache Römer aßen mehr Brei als Brot. Dafür eignet sich auch der Roggen in Gegenden, wo kein Weizen gedieh.

    • Weizen-Feinmehl war ein Luxus der städtischen Kultur und wurde den Germanen wohl erst durch die Römer bekannt.

    • Der älteste Beleg für das Wort Weizen steht in der gotischen Bibel (348/383). Die Goten kannten den Weizen sicher schon aus ihrer Heimat in der Ukraine. 'Weißmehl' kann, aber muss also nicht das Benennungsmotiv gewesen sein.

  • Zusammenhang mit

    • noach. *xẏnt- 'Kern, Korn'

    • Tamil *kaut-

      • kavētu 'wilder Weizen'

      • kōtumai 'Weizen'

    • hatt. kait, lyk. kððase, hurr. kate- 'Getreide'

    • griech. σῖτος sîtos 'Weizen, Getreide, Cerealien (:: Fleisch), Speise (:: Trank), Unterhaltsleistung' JaSei 1494

      • kann <

        • bhes- 'zerreiben' Pokorny 145 f
          "mit schon idg. sporadischem Wechsel des Anlauts bhs zu s"

          • > ψίω psíō 'zermalme, zerkaue' Hofmann 313

        • sṷei- 'zischen, pfeifen'

          • > σίζω sízō 'zische' Pokorny 1050

        • tṷei- 'erschüttern'

          • > σείω seíō 'schüttle, schwinge, erschüttere' Pokorny 1099

          • σῖτος sî-tos 'Weizen und σινίον si-n-íon 'Sieb' Hofmann 313 (Trennstriche TH)

            • < *ťeîtos 'Siebgut' < *ťi-tós 'gesiebt' / *ťiníon < *ťi-n- 'sieben'

          = kṷē-t- 'schütteln, beuteln'
          (durch ein Sieb schütteln, um Verunreinigungen auszuscheiden)

          • lit. Szwaityti (sz = š) 'mit der Hand ausholen, etwas schwenken, schwingen. z. B. den Stock, den Degen, daher fechten' NessLit 531f

            • kann auch aufs Säen bezogen werden

          • cáith 'Spreu, Spelzen, Abfall'

        • ṷ̭i̭eth-, ṷith- 'schütteln', eigentlich 'schwenken'

          • z. B. got. wiþon 'schütteln' Pokorny 1178

            • Mk 15 ,29 'den Kopf schütteln' Ulfilas 489

  • Lautung:

    • Weizen < *ƕaitjaż < *ǩoid- (z < tt < tj :: weiß < *ƕītaż  ohne Verschärfung)

      • während t > þ > d/t

      • Das Nebeneinander von germ. = fremdem t ist auf jeden Fall merkwürdig, unabhängig von der gewählten Erklärung und gilt auch für weiß.

    • abweichende Bildungsform auch in griech. πόλτος póltos 'Brei' :: vgerm. *śpelda 'Mehlfrucht'

Klärung

  • Parallelen

    • germ. *ƕaitjaż = balt. kviet-

    • mir. cáith 'Ausgesiebtes'

    • griech. sîtos 'Weizen' zu siníon 'Sieb', unabhängig von der Wurzel

    • hatt. kait usw., Tamil *kaut-

  • 'weiß'

    • Die Farbe anderer Getreidearten und ihres Mehls unterscheidet sich nur unwesentlich vom Weizen.

    • alte Hinweise auf 'weiß'

    • Es muss eine plausible Erklärung gefunden werden für das Benennungsmotiv 'weiß':

      • Die Farbe der Körner oder des Mehls kann nicht gemeint sein.

      • Analog zum "polierten, weißen Reis": Weizen polieren als Vorbereitung fürs Mahlen

      • Das würde auch den ägypt. weißen = polierten Emmer erklären.

        • 'Feinmehl' war im ägypt. Neuen Reich syllabisch ṯ-w-l-tj 960, also Fremdwort.

  • 'Siebgut'

    • Nacktweizen (ohne festsitzende Spelzen) wurde im Mitteleuropa schon im Mittelneolithikum (4'''-) angebaut (Reallexikon der germanischen Altertumskunde 33,436 ff). Die Spreu lässt sich bei ihm mit einfachen Methoden von den Körnern trennen. Danach werden sie gesiebt, um unerwünschte Teile auszusondern.

    • Das gilt aber für alle Getreidesorten, die für die menschliche Ernährung bestimmt sind. "Siebgut" wäre also eine Bedeutungsspezialisierung. Vgl. Korn 'Getreidesame > Getreide allgemein', besonders dt. 'Roggen', USeng. corn 'Mais', Scots corn 'Hafer'.

    • Das würde aber nur für griech. und mir. gelten, wo die Bedeutung 'sieben' zu erkennen  ist, aber nicht auch germ. und balt und erst recht nicht für die asiatischen Vokabeln.

    • Deutung also fragwürdig.

  • Wenn die nicht-idg. Wörter damit zusammenhängen, darf das Benennungsmotiv nicht im Idg. gesucht werden.

  • Gleichsetzung Weizen = weiß, mit den jeweiligen Ausdrucksmöglichkeiten der Einzelsprachen.

    • Benennungsmotiv:

      • Weiß muss nicht wie heute 'schneefarben' sein, einfach 'hell, leuchtend'

        • ja nach Beleuchtung hellgrau / braun  / goldgelb

        • literarisches Zeugnis: Joh 4,35 "Das Feld ist weiß zur Ernte"

        • vgl. Ruhrgebiet witte 'blond

      • Weißmehl (eher nicht)

      beides gilt auch für andere Getreidearten.

Erklärung

  • Gleichsetzung Weizen = weiß, mit den jeweiligen Ausdrucksmöglichkeiten der Einzelsprachen.

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 10.02.2019