Diskussion Tachinierer

Befund | Theorien | Diskussion | Erklärung

Befund

  • bair.-öst. Tachinierer 'Faulenzer', tachinieren 'faulenzen'

Theorien

  • Bayerisches Fernsehen  24.04.2010

    • 'Tachinierer' ist in Oberbayern ein Faulenzer. Das Verb dazu lautet 'tachinieren' für 'faulenzen'. Das Wort hat seinen Ursprung wohl in Österreich, vielleicht im Ersten Weltkrieg. Damals bedeutete 'tachinieren' in der Soldatensprache 'sich unerlaubt vom Dienst an der Front entfernen' oder 'sich dem Dienst zu entziehen'. Und dahinter steckt letztlich das tschechische Wort 'tachni', das 'fort mit dir', 'scher dich fort' bedeutet.

  • www.wissen.de 02.10.2015

    • tachinieren österr.: faulenzen ♦ Herkunft nicht bekannt, man versuchte eine Deutung aus rotw. tarchenen, derchen „betteln“, Tarchener „Bettler“, zu jidd. derech „Weg, Landstraße“ (nach Wehle)

  • Liste von Austriazismen – Wikipedia 02.10.2015

    • tachinieren mda. → während der Arbeit faulenzen, sich einer Arbeit entziehen [ÖWB 1] (griech. τάχος tàchos‚ Geschwindigkeit)

  • Etymologie, Österreich 02.10.2015

    • Neigt der Österreicher zum "Tachanieren"? Über die Bedeutung eines Wortes der österreichischen Militärsprache.

    • Neue Freie Presse 18.9.1915

      • Kaum war ich eingerückt, hat der Zugsführer einen von uns beim Exerzieren mit den Worten apostrophiert: „Strammer, strammer! Auf Ihna hab ich’s überhaupt scharf, Sö Tachanierer!“

      • Die Bedeutung, die in der Soldatensprache dem Ausdruck "tachanieren" offenbar beigemessen wird, ließ mich nach der Etymologie dieses Wortes forschen: Es stammt aus der Gaunersprache, von "Tarchener", was soviel wie "Tagedieb" bedeutet. Diese Version hat entschieden viel für sich, denn bei den in Ausbildung befindlichen, also noch nicht im Felde stehenden Truppen bedeutet "tachanieren" wirklich soviel wie dem Herrgott den Tag stehlen, müßig herumstehen und nichts tun. Kurz, ein "Tachanierer" ist einer, der sich unter allen möglichen Vorwänden und Ausreden vom Dienste zu drücken sucht, wobei er natürlich zur wirksamen Unterstützung dieser Absicht in erster Linie sich krank zu stellen bemüht ist. Jedenfalls ist der "Tachanierer" durchaus kein Feigling, der sich etwa vor der Schlacht fürchtet, sondern ein gutmütiger Marodeur, der am strengen und schweren militärischen Dienst ebensowenig Gefallen findet, wie er wahrscheinlich auch im Zivilleben gegen jede geregelte Arbeit einen gewissen Widerwillen empfindet.

    • Anmerkung: Heute ist die Schreibweise "tachinieren" üblich geworden.

  • wienerisch 02.10.2015

    • tachinieren sich vor Arbeit drücken; faulenzen französisch: taquiner=ein Hobby haben

Diskussion

  • Grundsätzliches:

    • ch [x], also nicht frz. [ʃ]

  • Bayerisches Fernsehen

    • tschech.

      • tachni fehlt PONS | dict.cc | glosbe

      • Hanna Gruß 04.10.2015 brieflich: táhni 'verzieh dich'

    • Der Faulenzer soll sich nicht  verziehen, sondern im Sinn von 1915 bleiben und arbeiten.

    • Aufforderung an einen müßigen Gaffer?

    • Tachinieren lässt sich als 'sich drücken' verstehen, kann dann aber nicht von táhni kommen, denn einen Drückeberger muss man doch nicht auffordern, sich zu verziehen.

    • Táhni mit hörbarem h, nicht [x]

    kommt nicht in Frage

  • www.wissen.de

    • rotw. tarchenen 'betteln'

      • Betteln ist nicht 'faulenzen'. Der Bettler tut ja was! Man beschimpft sie aber trotzdem als Faulenzer.

      • Rotw. derchen, (auch) tarchenen 'betteln', derchner, tarchener 'Bettler' < derech 'Weg' 78. Was soll dazu eine Ableitung *tarchenieren?

      • tarch-, nicht tach-

        • r vor ch kann stumm sein oder als [ʀ] damit verschmelzen.

      • Jidd. Verben haben oft doppeltes -en (ganvenen 'stehlen', tarchenen 'betteln' im Infinitiv, das erste -en- ist Stammerweiterung. Sie wurden ins Deutsche mit einfachen -en übernommen, nicht mit -ieren (acheln 'essen', malochen 'arbeiten').

  • Liste von Austriazismen

    • ngriech. τάχος ['taxos] 'Geschwindigkeit' ist nur ein Notbehelf, weil das zu erwartende Wort für 'schnell' ταχύ [ta'çi] lautet.

    • Es ist auch schwer zu verstehen, wie beim öst. Militär ein griech. Wort aufkommen konnte.

    kommt nicht in Frage

  • Etymologie, Österreich

    • Quelle 1915: tachanieren

    • Gaunersprache Tarchner 'Tagedieb'

    • "Dem Herrgott den Tag stehlen" ist zwar nur Bedeutungserklärung, kann aber Hinweis auf die Etymologie sein.

      • Die Wiener Aussprache

        • 220 Tag: Dǫg, Dǫch

        • 217 Tachinierer: Dacheníara

        scheint diese Deutung auszuschließen.

        • Aber: unbetontes a wird nicht verdunkelt; Wienerisch – Wikipedia

        • Der unbetonte zweite Vokal ist [ə] und konnte beim scheinbaren Fremdwort auf -ieren unterschiedlichen Grundvokalen zugeordnet werden.

  • wienerisch

    • frz. taquiner 'necken, zu ärgern suchen' SacVil 868

      • Bedeutung unklar

  • Alternativen:

    • Wiener Mundartwörterbuch 217 Dach 'Teig'

      • so zäh wie Teig, bewegt sich nur langsam

    • jidd. 202 

      • תחנה təḥinne 'Gebetbuch für Frauen'

        • Titel eines jiddischen Gebetsbuchs für Frauen, die nicht genügen Hebr. konnten (Wikipedia Ivrit)

        • kommt nicht in Frage

      • תחנון tªḥannûn 'Teil des Morgengebets' (Wikipedia Ivrit)

      Beten statt arbeiten kann als Faulheit angesehen werden.

      Das Nebeneinander beider Lautungen könnte tachan- /-in- erklären.

    • jidd.

      • wjidd. טרח tarche 'Mühe' 2,1444 

      • mhbr. טרח ṭareªḥ 'arbeitsam', טרחן ṭarḥán W175, nhbr. טרחני ṭarḥánî 'lästig' 205

      hat von der Lautung die idealen Voraussetzungen

      TaⓇchanieren kann man als 'lästig sein' verstehen (oder ironisch 'fleißig sein').

  • Form:

    • Die Infinitiv-Anfügung -ieren bezeichnet

      • original frz. Verben (parler > parlieren)

      • Verben lat. / roman. Herkunft (probare > proben / probieren)

      • neue denominale Verben (Sinn > sinnieren, Camp > campen / campieren)

      Nicht in Frage kommen also:

      • rotw. tarchenen 'betteln'

      • frz. taquiner "ein Hobby haben"

  • Bedeutungen der nicht ausgeschiedenen Kandidaten:

    • dt. Tag (> Tagedieb), dt. Teig (> zäh)

      • Einfügung -in- / -an- unerklärt

    • תחנון tªḥannûn 'Teil des Morgengebets'

      • tachanieren müsste bedeuten 'das vorgeschriebene Gebet sprechen'

        •  von jüdischen Rekruten, die wegen des Gebets Pause machten?

    • nhbr. טרחני ṭarḥánî 'lästig'

      • schwieriger Bedeutungsübergang

Erklärung

  • < hbr. תחנון tªḥannûn 'Teil des Morgengebets'

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Heinrich Tischner

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64625 Bensheim

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Aktuell: 10.02.2019