Diskussion bīsa, bisōn

Befund | Theorien | Diskussion | Erklärung

Befund

  • ahd.

    • bīsa 'Nordwind, Sturmwind' 31

    • bisōn 'sich vergnügen, umherstürmen, tollen' 31

    • Graff (1834-42) 1,216

      • pisinter 'ausgelassen' (Ochse), bisindiu 'scheuend', pisondiu 'ausgelassen (Kuh)'

      • brisentia calba *ausgelassenes* Kalb'

      • mhd. bisen 'umherrennen; auf einen losgehen; umherschweifen, sich ausbreiten'

        • // loufen // birsen, besen und jagen

        • änhd. biesen 'aufgescheucht hin und he rennen'

        • Pfalz Biese(r) 'heftiger Regenschauer'

  • vgl. Brise, pirschen

Theorien

  • Kluge (1894) 40

  • Pokorny (1959/2002) 161f

    • bhōi- : bhǝi- : bhī- (bhii̯ǝ-) 'sich fürchten'

      • Eine Weiterbildung *bhii̯-es-, *bhīs- in ai. bhyásatē 'fürchtet sich', ... ai. bhīṣayatē 'schreckt', bhī́ṣaṇa-ḥ 'Schrecken erregend';

        • ahd. bīsa 'Nordostwind', bisōn 'toll umherrennen', bēr 'Eber' usw. führen auf ein germ.*bī̆s-, *bī̆z- 'aufgeregt einherstürmen'

  • Pfeifer (1995 / 2005)

    • Bise f. obd. schweiz. ‘Nordostwind, Wirbelwind, Unwetter’, ahd. bīsa (um 1000), mhd. bīse. Herkunft unbekannt. Aus afrk. *bīsa ist entlehnt afrz. frz. bise ‘Nordostwind, Winter’.

    • Brise f. ‘Seewind’, seit der 1. Hälfte des 18. Jhs. im Dt. bezeugt. Voraus gehen katalan. brisa ‘Schneewind’ (15. Jh.), dann (seit dem 16. Jh.) span. port. brisa, engl. breeze (älter brize), mfrz. brize, frz. brise, obital. (älter) brisa ‘Nordostwind’.

      • Die weitere Herkunft des in allen germ. und roman. Sprachen verbreiteten Substantivs (vgl. auch nl. bries, dän. brise, norw. schwed. bris) ist unklar; man nimmt an, daß es aus dem Iberoroman. im 16. Jh. ins Engl. entlehnt wird und von hier in die übrigen Sprachen vordringt, u. a. auch ins Dt. und (im 19. Jh.) ins Nl.

      • Aber auch fries. Herkunft (ostfries. brīse) mit Weiterverbreitung durch frz. Vermittlung wird erwogen

  • Kluge (2013)

    • Bise Sf "Nordostwind" per. Wortschatz schwz. (11. Jh.), mhd. bīse, ahd. bīsa, as. biosa Nicht etymologisierbar. Führen zurück auf vd. * bisō f. "Nordostwind, Wirbelwind" (für den Vokal ist Länge und Kürze bezeugt, Länge etwa in fnhd. Beiswind, die Lemmaform entspricht der heute in der Schweiz üblichen). Herkunft unklar. Ein Zusammenhang mit ahd. bisōn, mhd. bisen "zügellos sein, umherrennen (wie von Bremsen geplagtes Vieh)" ist denkbar, aber nicht ausreichend wahrscheinlich zu machen. Zu Brise mit Ausfall des r ? Oder lautmalend (für "pfeifen") ?

    • Brise Sf "leichter Wind" erw. fach. (18. Jh.) Nicht etymologisierbar. In die Seemannssprache entlehnt aus einem Wort, das in mehreren germanischen und romanischen Sprachen verbreitet, aber unklarer Herkunft ist: ne. breeze, nfrz. brise, span. brisa usw.

    • x

  • TH 24.06.2017

    • japhet. *ʙës- # 'hauchen, blasen, wehen'

      • griech. ψυχή psykʰḗ 'Lebensodem, ψῦχος psŷkʰos 'Kühle, Kälte, Frost, Winter'

    • = ḫëʊeẖ # 'wehen'

      • Pokorny (1959/2002) 83 u̯ē-s-:

        • ai. vāsa-ḥ ̣ 'Wohlgeruch'...

        • isl. vās 'aura refrigerans', væsa 'spirare', ndl. waas 'Reif, Duft',

        • lit. ... vėsà 'kühle Luft, Kühle'.

      • > *bīsi 'Nordwind' > ... > Bison, Wisent

Diskussion

  • Vom Verb sind nur die Partizipien *bisint, *bisont, *brisent überliefert, die auf *bisjan, *bisōn, *brisēn führen.

  • Immer ist vom Verhalten von Rindern die Rede, die lasciventes 'ausgelassen, mutwillig, ausschweifend' oder consternantes 'aufgescheucht' sind. Dazu passt gut änhd. biesen 'aufgescheucht hin und her rennen'.

  • Mhd. biesen 'auf einen losgehen' deutet nicht auf eine panische Flucht, bei der alle in eine Richtung rennen, sondern die Rinder rennen wahllos hin und her, u. zw. aggressiv, nicht "ängstlich", Jungtiere auch übermütig.

    • Von daher ist "bhōi- : bhǝi- : bhī- (bhii̯ǝ-) 'sich fürchten'" unwahrscheinlich, denn wer scheu und furchtsam ist, rennt panisch davon oder versteckt sich und geht nicht auf jemand los.

    • Wenn man von der Bedeutung 'Wind' ausgeht, könnte man an einen Sturm denken, der die Blätter in der Luft herum wirbelt wie aufgescheuchte Rinder.

  • *brisent neben *bisi/ont führt zu Bise / Brise und vielleicht auch birsen, pirschen.

  • Bisa > bisōnti kann nicht aus *bes- entstanden sein; wohl aber *bisinti < *bisjan.

    • Das Part. Präs. der schwachen ja-Verben lautet normal -enti, vereinzelt auch -inti. 266 

    • Die schwachen ja-Verben werden aus dem Präteritum der starken gebildet (ligan / lag > lagjan > leggen). Im Prät. gibt es aber kein e, das zu i hätte werden können.

    • Entweder ist also bisa Primärnomen

      • da der Nordwind nichts Statisches ist, unwahrcheinlich

    • oder ablautend von einem Verb mit i-Diphthong (bhōi- : bhǝi- : bhī-)

      • Die erschlossene Bedeutung 'sich fürchten' passt vielleicht zum Verhalten der Rinder, aber nicht zum Wind.

    • dann also < brisa

      • Passen würde Pokorny (1959/2002) 143 bheres 'schnell'

        • Lat. festīnō, -āre 'beeile mich, beschleunige', Denom. von *festiō(n)-, -īn- 'Eile', Erweit. zu *festi- (aus *fersti-) in cōnfestim 'sofort' (aus *com festī 'mit Eile');

          • oder wie brisa / bisa < *fresti-!

        • mir. bras 'schnell, stürmisch' (*bhresto-), cymr. brys ds. (*bhr̥sto-), mbret. bresic, brezec 'eilig';

          • *bhresto- hätte zwar cymr. brys geben können; Ir. wäre aber !brass zu erwarten. 20f

        • lit. bruz-g-ùs 'schnell', bruz-d-ùs 'beweglich', daneben burz-d-ùlis ds., burz-dė́ti 'hin und her laufen';

        • slav. *bъrzъ in aksl. brъzo Adv. 'schnell', skr. br̂z 'schnell', russ. borzój 'schnell, feurig', daneben *bъrzdъ in wruss. bórzdo Adv. 'schnell', skr. brzdìca f. 'Schnelle im Bach'

        im Balt.-Slaw. unregelmäßige Lautentwicklung. r̥ > ru, ur statt ri, ir durch germ. Vermittlung?

      • Das silbische r̥ wurde im Kelt. > ri 5, cymr. y, daher brys 'Tempo, Hast, Eile' 57 

        • Brisa 'Nordwind scheint also ein kelt. Wort zu sein.

          • Brisa : bisa = gall. PN f. Brisia 1,549 : ahd. PN m. Bisi 308.

      • Wurde dieses /br/ abweichend ausgesprochen, etwa [bʙ], sodass Fremde nur [b] hörten?

Erklärung

  • bisa < brisa < *bʰr̥sá

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 10.02.2019