Diskussion superstitio

Befund

  • Georges (1913 / 2004) 2,2949

    • superstitio, onis, f. (superstes),

      • die ängstliche Scheu vor dem, was über den gewöhnlichen Volksglauben hinausgeht; dah.

        • I) die ängstliche, dah. auch abergläubische Scheu, die abergläubische Besorgnis, der Wahnglaube, Aberglaube, auch die religiöse Schwärmerei, der Fanatismus,

          • übtr. 'heilige Scheu vor der Tugend, vor Lehren

          • 2) meton.:

            • a) der ängstlich bindende Eidschwur

            • b) die heilige Scheu, die etw. einflößt, die Heiligkeit

        • II) die Heilighaltung, Verehrung der Gottheit, der Gottesdienst, der Kultus, die äußere Religion, u. insofern sie dem Volksglauben gegenübersteht = die Afterreligion

        • im Plur. = religiöse nichtrömische Gebräuche, abergläubische Gebräuche (Zeremonien) u. als Inbegriff derselben = die Gottesverehrung, bes. der mystische, abergläubische Kultus

  • Dief (1857) 567 (vereinfacht und nhd.)

    • mlat. superstitio

      • 'Unglaube, unnützer Glaube, Aberglaube, Überflüssigkeit des Glaubens und der Falschheit'

      • dazu ndt. Apostitzlerei 'Apostasis, Abfall vom rechten Glauben',

      • im Einzelnen: 'Segen (als Zauberspruch), Zaubernis (= Magie), Weissagung (= Mantik)'

Theorien

  • DoedLat (1841) 183

    • superstitio der Aberglaube - von ὑπερστατεῖν [hyperstateîn], superstitare beschützen. Der Grundbegriff von superstitio ist mithin objectiver Natur, die Beschützung durch einen Schutzgott oder Schutzheiligen wie in Tac. Ann III 60. Multi (in tutandis asylis) vetustis superstitiones fidebant. Daraus abgeleitet der subjective Begriff der Anerkennung dieses Schutzes und die Verehrung dieses Schutzgottes, und vorzugsweise eines eigenmächtig und selbst-gewählten in Ggs. [Gegensatz] der Familien- und Staatsgötter oder Culte.

      • JaSei (1862) 1698 ὑπερστατέω hyperstatéō 'darüber stehen u[nd] beschützen'

      • Georges (1913 / 2004) 2,2949 stuperstito... I) tr. beim Leben- wohlauf sein lassen, in seiner Dauer erhalten - II) vollauf sein [= reichlich vorhanden sein]

  • Vaniček (1874) 190

    • super-stĭ-tio... (Stehenbleiben über etwas Unerwartetes) Betroffensein, Aberglaube

      • mit der deutschen Bedeutung von über (Angabe des Themas), die lat. de, nicht super entspricht

  • Georges (1913 / 2004) 2,2949

    • superstitio < superstes

      • 1. der dabeisteht, der gegenwärtig ist, Zeuge

      • 2. übrigbleibend, am Leben bleibend, fortleben, überlebend

  • Pauly (1975/9) 5,434

    • S[uperstitio] und superstitiosus werden im Altlatein ... ohne verächtlichen Beiklang gebraucht. Die Ausdrücke gehen auf eine ekstatische Opfermantik. Mit der Einführung bewusstseinsentrückter Formen des Götterdienstes (1. H. 2. Jh. v. Chr.) ändert sich dies s[uperstitio] tritt in Gegensatz zu religio...

      • Gemeint ist wohl die Einführung von Mysterienkulten wie der Magna Mater, die eine persönliche Frömmigkeit ermöglichten im Unterschied zur pflichtgemäßen Ausübung der staatlichen und familiären Riten.

      • Dann könnte die alte, neutrale Bedeutung von superstitio 'persönliche Frömmigkeit' gewesen sein.

Diskussion

  • Georges erklärt nicht, was 'der dabeisteht, übrig bleibend' mit 'Aberglauben' zu tun hat und Vanicek kommt über eine pure Vermutung nicht hinaus.

  • Doederlein kann sich nicht nur auf superstes 'übrig' und superstitare 'übrig lassen, übrig haben' berufen, sondern auch auf griech. ὑπερστατεῖν hyperstateîn 'beschützen'.

  • Die Grundfrage ist, was super- in diesem Zusammenhang bedeutet:

    • Döderlein unterscheidet die vermutete objektive Grundbedeutung 'als Beschützer darüber stehen' und die belegte subjektive 'sich dem Beschützer unterstellen.

      • Lässt sich diese subjektive super- 'unter-' belegen?

    • Superstitare ist Kausativ von superesse 'übrig sein, noch / reichlich vorhanden sein; einer Arbeit gewachsen sein, überlegen sein; beistehen; hervorragen; über etwas gesetzt sein' Georges 2,2950 f

      • Dann kann man superstitio verstehen als 'das Darüberstellen' (höherer Mächte), also 'Unterwerfung' unter sie.

      • Das ließe sich gut vereinbaren mit Varros Definition von superstitio als 'Gottesfurcht' im Unterschied zur üblichen römischen religio 'Gottesverehrung'

Erklärung

  • Grundbedeutung von superstitio scheint 'private Frömmigkeit' (neben der rituellen religio) gewesen zu sein. Durch die Einführung exotischer Kulte, die ein persönliches Verhältnis zur Gottheit ermöglichten, geriet superstitio in Gegensatz zur traditionellen religio und wurde zum Schimpfwort für alles, was über die religio hinausging.

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Aktuell: 28.08.2021