Diskussion Ilse

Befund

  • Musäus (1782-86), Volksmärchen der Deutschen: Der Schatzgräber S. 757

    • Da ging ein Knittelreim in der Stadt herum, der lautete also:

      Vollbrechts Ilse,
      Niemand will se,
      Die böse Hülse:
      Da kam der Koch,
      Peter Bloch,
      Und nahm sie doch.
      Das traute Paar war kaum vom Altar zurück, so führte schon die Zwietracht den Hochzeitreihen an. Der Stadt Weinmeister hatte sich in der Fröhlichkeit des Herzens, an seinem Ehrentage, vom Wein übermeistern lassen, welcher Zufall ihm auch wohl an einem gemeinen Werkeltage begegnete, und taumelte der Braut in die Arme. Darüber gab's schon einen harten Strauß, und der Ehekalender prophezeite den Brautleuten stürmische unfreundliche Witterung, schwere Donnerwetter mit Schloßen und Platzregen, wenig Sonnenschein und viel kalte Nächte.

  • Wander (1867-80) 3,1280 Nr. 58

    • Das unüberlegte, leichtfertige Wesen, welches Leute der untern Stände, besonders dienende, bei Anknüpfungen von Liebesverhältnissen und Abschliessung von Ehen kundgeben, verspottet folgender Reim: Jungfer Ilse (Elisabeth), niemand will se; da kam der Koch Peter Bloch und nahm sie doch. (Vgl. Nass. Annalen, X, 104.)

  • Ulrich Jan, Volksmärchen aus Pommern und Rügen (1892) 44. Das Märchen vom Himphamp S. 243

    • Nach sieben Jahren führte ihn sein Weg durch eine Stadt; in derselben wohnte ein Mann, der hiess Garkoch. Der musste in seiner Jugend wohl sehr auf das Geld versessen gewesen sein, denn er hatte das giftigste, garstigste Weib auf der ganzen Welt nur um
      ihres Reichtums willen zur Frau genommen, und die Kinder auf der Gasse hatten darauf ein Liedlein gemacht und sangen:
      »Volbrechts Ilse,
      Niemand will sie;
      Garkoch
      Nahm sie doch.
      «

  • 1905 ff Ilsebilse keiner will se (Verballhornungen von Namen)

    • Ilsebilse
      keiner will se
      kam der Koch
      kam se doch

      ähnlich auch:

      Else Belse
      niemand well se
      kam der Peter Bloch
      und nahm sie doch

  • moderne Ergänzungen (Ilse-Bilse: Zwiebeln oder Ofenloch? | Dialekte & Mundarten | wer-weiss-was):

    • ...weil sie so nach Zwiebeln roch

    • ... steckt sie in das Ofenloch

Analyse

  • Schon bei Musäus ist der Koch Peter Bloch erwähnt. Der Vers ist sonst auch aufgebläht ("die böse Hülse"), so dass er wohl damals schon eine längere Geschichte hinter sich hatte.

  • Kern ist also: "... Ilse, niemand willse, kam der Koch und nahm sie doch."

  • Dass der sie "doch" nahm Koch war und Bloch hieß, erfordert der Reim.

  • Ist auch "Ilse" vom Reim gefordert?

    • dafür: zwei vorgreifende Reime: willse > Ilse, doch > Koch.

      • Dann müsste Ilse ein Platzhalter sein für irgendeinen konkreten Namen.

        • Dann wäre Wanders "Jungfer Ilse" die ursprüngliche Fassung, das sprichwörtlich stolze Mädchen, das auch "Liese" heißt, die alle Freier abweist, weil sie auf einen König wartet und sich schließlich mit einem Schweinehirt zufrieden geben muss
          (Der Schweinehirt). Oder sich was auf ihre Schönheit einbildet: "Jungfer Lieschen heiß ich, dass ich schön bin, das weiß ich..."

  • "Vollbrechts Ilse" erweckt dagegen wie "der Koch Peter Bloch" den Eindruck, dass es um einen konkreten Fall geht.

    • Musäus erzählt ein "Märchen" von Ilse Vollbrecht, deren Lästermaul in der ganzen Stadt verrufen ist, und dem heruntergekommenen Koch Peter Bloch, der sie schließlich zur Frau nimmt und damit nicht glücklich wird. "Da ging der Knittelvers in der Stadt herum..."

      • Ist die Geschichte aus dem Reim heraus gesponnnen?

        • Es ist kaum anzunehmen, dass eine Volksweisheit konkrete Vor- und Nachnamen samt Beruf nennt, da könnte sich irgendjemand beleidigt fühlen, der nicht gemeint ist. Also hat Musäus die Namen in den Reim eingeführt,

      • oder er hat den Reim zur Geschichte erfunden.

        • Märchen werden gern mit Reimen geschmückt, die offensichtlich eigens dafür gedichtet wurden. Auch Musäus bringt ab und zu Verse.

  • Die jüngere Fassung mit "Ilsebilse" ist deutlich ein Spottvers mit einem nachwirkenden Reim auf Ilse, wie es Kinder heute noch lieben: "...lein, Stachelschwein", "Heiner, Zigeuner" oder mit sinnlosem Reimwort wie "ätschi-bätschi" (ätsch, Ausdruck der Schadensfreude).

  • Die modernen Ergänzungen reimen sich auf Koch > roch / Ofenloch.

    • Man kann sich vorstellen, dass ein Koch eine Frau attraktiv findet, die nach Zwiebeln riecht.

    • Das "Ofenloch" war eine Höhlung unterm Küchenherd, in der Brennholz gelagert wurde.

    • Es war den Kindern aber aus einem Spiel bekannt, bei dem man nicht lachen durfte. Wer es trotzdem tat, "kam ins Ofenloch", wohl in die Mitte des Kreises.

Erklärung

  • offensichtlich eine Erfindung von Musäus.

zurück

 

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Email:

Aktuell: 28.08.2021