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Befund

Theorien

  • Origo gentis Langobardorum (6")

    • Vor einer Schlacht gegen die Wandalen banden sich die Frauen der Winniler ihre langen Haare wie Bärte um und stellten sich mit den Männern in die Schlachtreihe. Der Gott Godan frage, was das für Langbärte seien und schenkte ihnen den Sieg. Die Winniler nennen sich seitdem Langobarden.

  • Der Christ Paulus Diaconus (7e")

    • kann diese heidnische Geschichte nicht glauben und erklärt den Namen rationalistisch:

    • Die Langobarden sind nach ihren langen Bärten benannt.

  • WoNamen (1905) 39

    • Leute mit langen Streitäxten'

  • Meyers Großes Konversationslexikon (1905-09)

    • Langobarden (»Langbärte«...), eine Völkerschaft suevischen Stammes, wohnte zu Anfang unsrer Zeitrechnung am linken Ufer der untern Elbe, wo der Bardengau mit Bardowiek ihren Namen bewahrt hat.

  • DudenGND (1993) 53

    • Bardowick (8. Jh....) ... war Vorort des alten Bardengaues (1006 Bardaga, 892 Barthunga, Bardanga), der nach den vor ihrer Abwanderung in den Süden hier ansässigen Langobarden hieß...

Diskussion

  • Der Origo erklärt die Umbenennung mit  der Hilfe Godans in einer Schlacht:

    • Sicher nicht nur ein Kriegslist, um die eigene Truppe größer erscheinen zu lassen

    • Sicher auch nicht nur Verstärkung durch die Frauen (dann wäre Maskerade nicht nötig gewesen).

    • Kultischer Hintergrund: Die Germanen begannen die Schlacht mit einer Art "Feldgottesdienst", indem sie Heldenlieder (barditus) sangen. Wenn das magische  Bedeutung hatte, war es wirkungsvoller, wenn die Frauen mitmachten. Auch dazu wäre die Maskerade nicht nötig gewesen.

    • Wollten die Frauen auf diese Weise ein Bekenntnis zu dem "Langbart" Goden ablegen?

      • Fragwürdig, da "Langbart" nur in Skandinavien bezeugt ist.

  • Paulus Diaconus: "Lange Bärte"

    • Gemeint ist  doch wohl zur Zeit der Namensgebung.

      • Widerspricht der Überlieferung, wonach die Frauen "Bärte trugen".

      • Oberflächliche Erklärung ohne Sachkenntnis.

  • WoNamen: "Lange Streitäxte"

    • So kaum wahrscheinlich.

    • Aber die zeitgleichen Cherusker und späteren Sachsen haben sich ebenfalls nach ihrer Waffe benannt.

      • Anord. langbarðr 'Langbart' kann auch 'Schwert' bedeuten (poetische Wort)

        • unsicher bezeugt, kann auf Fehlinterpretation eines Textes beruhen.

  • Meyers, DudenGND: Bardowick und Bardengau < Langobarden

    • trägt zur Erklärung des Langobardennamens nichts aus.

  • TH 08.03.2016 Alternative:

    • japhet. *bʰër- 'schlagen, stoßen, drücken, kämpfen'

      • anord. bar-daga 'Schlag, Leiden, Kampf', barátta 'Streit, Kampf' 40

      • keine Formen, aus den Bard- hätte werden können.

    • Barten (Stamm) – Wikipedia: ein Stamm der Pruzzen

      • Namensformen: Bartha, Barthe, Barthen, Bardia 16 

        th ist im Apreuß selten, drückt wohl [tʰ] aus.

        Dagegen and. 892 Barthunga 'Bardengau' mit [θ], setzt vgerm. [t] voraus.

      • Der Name ist aus dem Baltoslawischen nicht zu erklären.

Klärung

  • Da die Langobarden schon zur Zeitenwende erwähnt werden, muss eine Namenserklärungh die damaligen Verhältnisse berücksichtigen.

  • "Lang" ist nur sinnvoll, wenn "-bard-" diese Eigenschaft haben kann. Das trifft zu für 'Gesichtshaare' und für 'Waffen'.

    • 'Waffe'

      • Infrage kommt eigentlich nur die Streitaxt.

      • Nach Tacitus 6 war die Hauptwaffe der Germanen die Frame, ein Spieß mit kurzer Spitze. Das war für eine bäuerliche Gesellschaft ohne Massenproduktion wohl die einzige Möglichkeit, alle Krieger mit Waffen auszurüsten. Von daher ist es unwahrscheinlich, dass die Langobarden mit Streitäxten ausgerüstet waren.

    • "Lange Bärte"

      • Das muss etwas Besonderes gewesen sein, sonst hätte man, sonst hätte man diesen Namen nicht gewählt.

      • Nach Tacitus 31,1 durften sich die Chatten erst Haare und Bart schneiden, wenn sie einen Feind getötet hatten. "ignavis et imbellibus manet squalor = Bei den Feigen und Unkriegerischen bleibt die Ungepflegtheit." - Auch bei anderen Stämmen?

        • Waren die Winniler eine ausgewanderte Jungmannschaft ohne Kampferfahrung?

          • Dafür könnte sprechen, dass die Anführer Ybor und Agio von ihrer Mutter begleitet und beraten wurden.

          • Dafür spricht auch, dass nach Tacitus 40,1 die Langobarden nur eine kleine Gruppe waren.

          • Es ist auch eigenartig, dass die Frauen der Winniler, nicht die Männer um den Sieg beten.

        • Dann könnte man die verwunderte Frage Godans im Origo verstehen als "Was sind denn das für Milchgesichter, die die Schlacht gewinnen wollen?"

      • Dass sich die Frauen "Bärte" umhängten, hat nur Sinn, wenn auch die Männer Bärte trugen.

    • Abgesehen von der legendenhaften "Schlafzimmerszene" ist die Darstellung des Origo durchaus glaubwürdig: Die Winniler waren unerfahrene "Langbärte", die von ihren Frauen unterstützt wurden.

      • Die "Schlafzimmerszene" erinnert an die Dichter der Edda, z. B. "Wie Thor seinen Hammer verlor."

        • mit umgekehrtem Geschlechterwechsel: Thor wird als Frau verkleidet.

Erklärung

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Aktuell: 09.02.2019