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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Völker-, Länder- und Gruppennamen

Pruzzen, Preußen, Borussia

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Namensüberlieferung

Bruzi

Prissani

Pruzzi

Prutheni

Preußen

Borussia

Deutung des Namens

Geschichte der deutsche Preußen

 

1. Namensüberlieferung

Die Pruzzen, die ihr Land Prūsā nannten, waren ursprünglich ein baltisches Volk mit eigener Sprache, in die noch Luthers Katechismen übersetzt wurden, die aber zu Beginn der Neuzeit untergegangen ist.

  • Als erster, der dieses westbaltische Volk erwähnt, gilt der anonyme Geographus Bavarius (9"?), der in seinem Verzeichnis der osteuropäischen Völker schreibt: (38) "Bruzi plus est undique quam de Enisa ad Rhenum = Bruzi hat einen Radius, der größer ist als die Entfernung von der Enns zum Rhein"; das wäre nicht nur Ostpreußen, sondern das gesamte Baltikum. [1]

Die Baiern schrieben /p/ für /b/. Bruzi ist also wohl ein Versuch, die vermeintliche Dialektform Pruzi rückzuübersetzen.

  • Die Pruzzen scheinen dagegen unter Nr.  36 gemeint zu sein: Prissani civitates LXX "Die Prissani haben 70 Wohnstätten". Andere Stämme hatten bis zu 400. Die Prissani waren also nur ein kleiner Stamm etwa im Format der Sorben (Surbi), die nur 50 Wohnstätten hatten.

Prissani mit der lateinischen Ableitung -ani soll wohl den deutschen Umlaut wiedergeben: Priuze wurde [pry:se] gesprochen.

  • Auch Adam von Bremen (10") erwähnt in seiner "Hamburgischen  Kirchengeschichte" das westbaltischen Volk: Die Sembi vel Pruzzi auf der "Insel" Semland waren Nachbarn der Ruzzi et Polani  (4,18).

  • Die "Descriptiones terrarum" (12") unterscheiden dagegen Pruscia, Zambia und Curlandia,  'Preußen, Samland und Kurland'. Das Land Pruscia, in dem die Prutheni lebten, müsste der heute zu Polen gehörige Teil von Ostpreußen sein.

Der Name Pruzzen scheint also im Laufe der 300 Jahre auf den westlichen Teil des Baltikums eingeschränkt worden zu sein.

  • Im Mhd. steht Priuze , Priuz, Prûze, Brûze, später Prûsen , Praussen. [2], daraus nhd. Preußen.

Die Nebenform Prutheni (neben Rutheni 'Russen', später 'Ukrainer') vermutet wohl im deutschen /z/ ein lautverschobenes ursprüngliches /t/. Die beiden Namen auf -eni deuten die ursprünglichen Völkernamen als Ländernamen.
Tatsächlich steht <z> bei Adam für stimmloses <s> [3], Konsonantenverdopplung wie üblich nach kurzem Vokal, sodass wir als Grundform *Prŭs- annehmen müssen.

  • Der Name der Fußballvereine Borussia (Dortmund, Mönchengladbach) deutet den Namen Pruzzia fälschlich als slawisch Po-russia 'bei Russland'. (Auch das Rheinland war preußisch). Das slawische /p/ wird unbehaucht gesprochen und klingt wie deutsches /b/. Die slawische und baltische Vorsilbe po-, pa- wird aber nie abgekürzt.

2. Deutung des Namens

Das einzige vergleichbare osteuropäische Wort  ist estn. pruss 'Dachbalken' (russ. брус brus) Dieses kann wegen seines Anlauts pr- nicht estnisch sein. Es erinnert an cymr. prys 'Gebüsch', das folgende Verwandte im Idg. hat:

  • japhet. *ǩrës- 'Baum, Gehölz'

    • cymr. prenn 'Baum', air. crann 'Gehölz'
    • ahd. hurst, änhd. Horst 'Gebüsch'
    • russ. хворост chvórɑst 'Reisig, Strauch', slowen. hrást 'Eiche'

Im Baltischen ist /ǩ/ normal zu /k/ geworden; im Altpreußischen hat sich der Laut teilweise als <qu> erhalten.

Diesem Wort müsste ein baltisches *kres-, kers-, kirs- entsprechen und erinnert an den Namen der Kuren.

Die Lautung /ur < r̥s/ ist germanisch, vgl. ahd. hurst. Ist kurš die baltische Wiedergabe des gemanischen Worts?

Die Kuren waren ein baltischer Stamm Nach ihnen ist das Kurland (Kurzeme [4], Teil von Lettland), und die kurischen Nehrung (lit. Kuršių nerija) benannt.

Westslaw. /rš/ ist die palatale Form von /r/. Ein baltisches *Kurši- konnte also als Kur- missdeutet werden. Das palatale /r/ scheint aber keine baltische Spracheigentümlichkeit zu sein.

Pruss 'Balken' aus unbekannter idg. Sprache > Pruzzen würde also germ. hurs(t) > balt.  kurš > Kurland entsprechen. Die Preußen und Kuren wären also die 'Waldbewohner'.  [5]

Eine andere Deutung habe ich auf der Seite "Friesen" dargelegt.

3. Geschichte der deutsche Preußen

Im Hochmittelalter unterwarf der Deutsche Orden die Pruzzen und lockte deutsche Siedler ins Land. Im Laufe einiger Jahrhunderte gingen die Reste der Pruzzen in der deutschen Bevölkerung auf. Der Ordensstaat wurde 1530 in ein Herzogtum unter polnischer Oberhoheit umgewandelt und ging 1618 durch Erbschaft an das Kurfürstentum Brandenburg. 1701 krönte sich der Kurfürst von Brandenburg in Königsberg zum "König von Preußen". Die neue deutsche Großmacht erwarb oder eroberte weite Teile von Norddeutschland und stellte von 1871 bis 1918 die deutschen Kaiser. Nach dem 2. Weltkrieg wurde die ehemals führende Macht Deutschlands ganz zerschlagen. Ostpreußen ging an Polen und die Sowjetunion. Nach der Wende wurden die baltischen Staaten unabhängig; der Norden Ostpreußens mit der Hauptstadt Kaliningrad blieb russisch, jetzt aber vom Mutterland abgeschnitten. Der südliche Teil ist fest integriert in Polen und gehört neuerdings zur Europäischen Union.

 

Schrift: ARIAL UNICODE MS

Sonderzeichen

Abkürzungen

 

[1] Die Enns (Nebenfluss der Donau in Österreich) ist etwa 500 km vom Rhein bei Straßburg entfernt.  Das ist etwa die Luftlinie von Danzig bis Dünaburg in Lettland (Ecke Litauern - Weißrussland) und von Dünaburg bis nach Sankt Petersburg. Bruzi meint also nicht nur Ostpreußen, sondern das ganze Baltikum.

[2] Oberdeutsch /iu/ statt /u/ steht auch bei Hiunen, Riuzen 'Hunnen, Russen'. Im Mitteldeutschen wurde regelmäßig daraus /û/, das dem ursprünglichen Lautstand entspricht.

[3] Adam schreibt auch
-zlaus
in slawischen Namen für -slaw.

[4] lettische Übersetzung von Kurland, zu zeme 'Erde'

[5] Vgl. Holland < *Holtland und Holstein > *Holtsete (11er Jahrhundert: "Holcete dicti, a silvis, quas incolunt" 'Holzsassen, nach den Wäldern, die sie bewohnen).

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Übersicht

 

 

 

Datum: 2005

Aktuell: 16.02.2018