Startseite | Religion | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Götternamen

Moloch

Email:

Überlieferung

Biblischer Sprachgebrauch

rabbinische Tradition

karthagisch molc

unerwünschten Nachwuchs töten

Unterweltsgottheit

durchs Feuer gehen

Form

Namenserklärung

heutiger Sprachgebrauch

 

Überlieferung

  • Biblischer Sprachgebrauch

    • Moloch ist kein Name, da der Ausdruck mit Artikel verwendet wird, z.B. Lev 8,21: »Du sollst auch nicht eins deiner Kinder geben, dass es dem Moloch (למלך la-moläk) geweiht werde.«

    • Nach Jer. 19,5 wurden Kinder dem Baal als Brandopfer dargebracht.
      Baal hat hier wohl schon die Bedeutung 'heidnischer Gott, Götze'.

    • Jer 32,35 »und haben die Höhen des Baal gebaut im Tal Hinnom, um ihre Söhne und Töchter für den Moloch (למלך la-moläk) durchs Feuer gehen zu lassen.«

    Die biblischen Belege sind entweder Verbote oder pauschale prophetische Kritik an der Vergangenheit. Der einzige konkrete Fall ist der von König Manasse, der seinen Sohn durchs Feuer gehen ließ (2. Kön 21,6, ohne die Erwähnung von Moloch).
    Die Verfasser dieser Texte kannten also wahrscheinlich die kritisierten Bräuche nicht mehr aus eigner Anschauung und hatten nur verschwommene Vorstellungen von nichtisraelitischen Kulten, an denen sie ja nicht teilnehmen durften und wollten. Die Belegstellen haben also nur geringen Informationswert.

  • Nach rabbinischer Tradition war Moloch ein Metallofen in Menschengestalt, der man die Kinder auf die glühenden Arme legte, wo sie verbrannten.
    Das erinnert an Dan 3: Nebukadnezar lässt ein riesiges Bild aufstellen, das jeder anbeten muss, wenn er nicht in den glühenden Ofen geworfen werden soll. Drei Juden weigern sich und überleben die Strafe. Das kann man so verstehen, dass Figur und Ofen dasselbe sind.

    Antike Autoren berichten, dass es auch in Karthago so eine Figur gab, die man mit dem Gott Kronos in Verbindung brachte, der seine eigenen Kinder fraß.
    Ein ähnlicher Brauch ist von den Galliern berichtet:
    »alii immani magnitudine simulacra habent, quorum contexta viminibus membra vivis hominibus complent; quibus succensis circumventi flamma exanimantur homines.« = Andere haben Bilder von ungeheurer Größe, deren aus Ruten zusammengeflochtene Glieder sie mit lebenden Menschen füllen. Diese werden von unten angezündet, sodass die zusammengepferchten Menschen in der Flamme umkommen.

    Caesar, Bellum Gallicum 6,16,4

  • Otto Eisfeldt fand 1921 in Karthago verbrannte Kinderknochen (meist von Säuglingen) und Inschriften. Dort steht das Wort 

    • molc = מלכ molk

    • molchomor = מלכ חמר  molk ḥomor
      hbr. חמר ḥmr 'glühen, brennen', arab. حمر ḥammara 'röten, rösten. Homor ist vokalisiert wie Moloch.

    Nach dem Zusammenhang ist weder ein König noch ein Gott gemeint. Eisfeldt folgerte, dass dieses Wort ein Opferterminus war und auch das biblische Moloch so zu verstehen ist.

    Vgl. etr. mlakʰ 'Darbringung, Opfergabe'

    Eisfeldts bezog diesen Ausdruck molc auf die Kinderknochen und dachte an eine Verbrennung lebender Kinder .

    • Punisch molc muss nicht dasselbe bedeutet haben wie hebräisch moläk. Es ist zwar wahrscheinlich dasselbe Wort, aber der biblische und punische Sprachgebrauch könnten sich auseinanderentwickelt haben.

    • Es ist nicht bewiesen, dass molc ein Opferterminus war. Molchomor "Röst-Molc" scheint aber die Überlieferung von der glühenden Figur zu bestätigen.

    • Wenn molc ein Opferterminus war, kann er auch eine andere Opferart bezeichnet haben.

    • Die antiken Quellen überliefern, dass die Karthager diese Opfer nicht regelmäßig, sondern in äußerster Not darbrachten. Die biblischen Belege erwecken aber den Eindruck, dass es sich um eine häufig durchgeführte Zeremonie handelte.

    • Es ist nicht erwiesen, dass die karthagischen Kinder, deren Knochen man gefunden hat, lebend verbrannt wurden. Es könnte sich auch um eine Leichenverbrennung im speziellen Fall gehandelt haben.

    • Die Berichte über Karthago und Gallien könnten auch Gräuelpropaganda gewesen sein.
      Caesars Anliegen im ganzen Buch ist, seine eigenmächtige Kriegsführung zu legitimieren. Das tut er mit politischen Argumenten: Er wurde dazu gezwungen. Sein völkerkundlicher Exkurs über die Gallier ist durchweg sachlich und hat nicht die Absicht, die Gallier als Unmenschen darzustellen, denen man das Handwerk legen muss.

    Wir modernen Menschen neigen dazu, solchen Berichten keinen Glauben zu schenken, da wir nie im Traum daran denken würden, unsere Kinder so grausam einem Wahn zu opfern. Wir übersehen dabei, wie viele Kindesmisshandlungen und -Tötungen es auch heute noch gibt und zu welchen noch grausameren Gräueltaten der moderne Mensch fähig ist.

  • Heute haben wir die Möglichkeit, nicht lebensfähige oder behinderte Kinder am Leben zu erhalten. In Rom und Griechenland hat man unerwünschten Nachwuchs ausgesetzt oder getötet. Diente das Molochopfer dazu, unerwünschten Nachwuchs zu töten?

  • Der Kinder fressende Kronos = Moloch trägt die Züge einer vernichtenden Unterweltsgottheit, die auch in anderen Religionen bezeugt ist. In Mesopotamien hatte die "Himmelskönigin" Ischtar grausame Züge. In Indien verehrt man die grausame und grausige Göttin Durga. Selbst Jahwe wird in alten Geschichten als grausamer Dämon dargestellt, der Jakob und Mose töten will und von Abraham verlangt dass er seinen einzigen Sohn opfern soll.

  • Von dieser durchaus glaubhaften Kinderverbrennung zu unterscheiden ist wohl der Ausdruck "die Söhne und Töchter durchs Feuer gehen lassen" (hbr. העביר באש haʕabîr baʔéš).  Das kann doch nicht bedeuten, dass man sie verbrannt hat, sondern sie gingen ins Feuer und kamen wieder heraus. Vielleicht war das ein Initiationsritus, bei dem man durch die Flammen laufen (Feuersprung) oder auf glühenden Kohlen gehen musste - ein symbolisches Opfer an die vernichtende Gottheit, die sich damit zufrieden geben musste.

    Auch von Abraham wird berichtet, dass er auf göttlichen Befehl seinen Erstgeborenen Isaak als Brandopfer darbringen wollte, hat es dann aber durch ein Tieropfer ausgelöst. Auch heute noch werden die erstgeborenen Söhne der Juden ausgelöst, allerdings durch einen Geldbetrag.

Form

  • Die hebräische Lautung מלך moläk ist gebildet wie קדש qodäš 'Heilgkeit', אזן ozän 'Ohr', אהל ohäl 'Zelt, בהן bohän 'Daumen', תפת topät 'Verbrennungsplatz', בשת bošät 'Schande'.[1]
    Die Form kann entstanden sein

    • aus einer Grundform *mulku, Bedeutung unbekannt
      vgl. hbr. ozän und arab. اذن ʔuðn 'Ohr

    • durch Überdehnung aus der Pausaform [2] *máläk 'König'
      Bei Namen wählt die Septuaginta immer die Pausaform
      vgl. למך Lämäk, Pausa: Lámäk, Sam. Lēmek, griech. Λαμεχ Lamekʰ, lat. Lamech
      Eine solche Lautentwicklung finden wir auch im Namen der Göttin *ʕAštart = griech
      Ἀστάρτη Astártē = hbr. עשתרת *ʕAštárät > überdehnt ʕAštōrät.

    • Die samaritanische Lautung מלך mēlek ist überdehnt aus mäläk 'König'.

    • Bei griech. Μολοχ Molokʰ, Μολωχ Molōkʰ steht das zweite /o/ für den  Murmellaut Šwa und setzt also *Mol°k voraus.

      • Vgl. עמרה amoráh, heute ʕAmoráh = griech. Γομορρα Gomorra

      • aram *נצריא Náṣerajjâ > griech. Ναζωραῖος Nazōraios (Beiname Jesu) = hbr. נצרי noṣe 'Christ'
        Hier steht im Griechischen ebenfalls <ω ō> für den Murmelvokal in unbetonter Silbe.

Namenserklärung

  • Hbr. מלך moläk, sam. mēlek, griech. *Mol°kʰ sind Pausaformen von mäläk 'König', wahrscheinlich identisch mit dem punischen molc.

  • Das Wort kann eigentlich nur 'König' bedeuten und war wohl Titel der Unterweltsgottheit ("Kronos").

Nachtrag 29.12.2015

heutiger Sprachgebrauch

  • Auch heute noch reden wir von Moloch im Sinne einer Macht die Menschenopfer fordert (z.B. Straßenverkehr, Krieg).

  • Moloch horridus, Dornteufel, ein furchtbar aussehendes, aber harmloses Tier in Australien

 

Schrift: ARIAL UNICODE MS

Sonderzeichen

Abkürzungen


 

[1] herkömmliche Deutung: מלך moläk und תפת topät 'heidnischer Verbrennungsplatz' sind vokalisiert wie בשת bošät 'Schande' als Zeichen des Abscheus. Dagegen spricht aber, dass קדש qodäš 'Heilgkeit' genauso vokalisiert ist und man das normale Wort בעל baʕal 'Herr' ja auch nicht vom Götzen Baal unterschieden hat.

[2] Eine Pausaform mit gedehntem Vokal steht am Ende des Satzes. Das Wort für 'König' kommt am Satzende nicht vor, daher ist keine Pausaform überliefert.

nach oben

Übersichtj

 

Sprachecke 22.04.2008

 

Datum: 2007

Aktuell: 09.02.2019