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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Gut, dass wir keine Queen haben

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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In England hat der Staatsbesuch von Präsident Bush bei der Queen einigen Ärger gemacht. Bei uns hätte sich mindestens keine Queen über die Verunstaltung ihres Rasens aufgeregt. Nicht die Queen, aber jemand anderes.
Wir hätten auch keine Queen, sondern eine Großherzogin, Königin oder Kaiserin, wenn wir heute noch eine Monarchie hätten.
Das Problem: Wenn wir ausdrücken wollen, dass es sich nicht um einen Mann, sondern um eine Frau handelt, hängen wir die Silbe i-n an das betreffende Wort, also
Freundin, Lehrerin, Königin.
Die Engländer können das nicht. Englisch
friend, teacher gilt für Männer wie Frauen. Nur die Königin und ein paar andere machen eine Ausnahme: König = king, Königin = queen. Das sind zwei ganz verschiedene Wörter: King entspricht unserem deutschen König. Beide Wörter haben sich aus der gemeinsamen Grundlage cuning, cyning entwickelt. Das queen entsprechende Wort gab es vor 1000 Jahren auch bei uns: Althochdeutsch quena war die 'Ehefrau'.
Dieses Wort war eigentlich gar nicht nötig, weil man für 'Ehefrau' in beiden Sprachen ja auch
Weib, wife sagen konnte. Daher geriet bei uns quena, später kone zu Beginn der Neuzeit in Vergessenheit. Schade, denn König und Kone hätten ja noch besser zueinander gepasst als king und queen. Die Wörter, meine ich, nicht die Menschen.

"Königin" kann nicht nur das weibliche Staatsoberhaupt bezeichnen, sondern auch die Ehefrau eines Königs. Die "Königin" Luise von Preußen (1776-1810) war eine tatkräftige Frau. Die Krone aber trug ihr Mann Friedrich Wilhelm III. Luise war keine Königin, sondern nur mit einem König verheiratet.
Was ist aber mit dem Ehemann, wenn die Frau die Krone aufhat? Hier machen wir einen Unterschied: Der Mann der Königin Elisabeth II. nennt sich nicht "König", sondern bloß "Prinz". Eigentlich ist das ungerecht: Die Frau des Königs heißt "Königin", der Mann der Königin bloß "Prinz". Aber das ist zum Glück nicht unser Problem.

Wir kennen dieses Problem aber auch: Die Gattin eines Pfarrers spricht man herkömmlicherweise mit "Frau Pfarrer" an, den Mann einer Pfarrerin aber nicht mit "Herr Pfarrerin", sondern normal mit "Herr Soundso".
Der Titel "Frau Pfarrer" stammt noch aus einer Zeit, in der man Wert auf Titel legte und die Frau selbstverständlich am Rang ihres Mannes teilhatte. Was habe ich mich als Kind einmal in Förmlichkeiten überschlagen, als ich die "Frau Doktor" = Gattin des Arztes um ein Rezept bitten sollte.
Das ist zum Glück vorbei. Nicht nur die Frau Doktor und die Frau Pfarrer und den "Herrn Pfarrerin" sprechen wir heute mit "Frau / Herr Soundso" an, sondern auch den Pfarrer und den Arzt. Den Doktor aber immer noch mit seinem akademischen Grad: "Herr / Frau Doktor Soundso".

Im Sinne der Gleichberechtigung unterscheiden wir auch bei den Titeln zwischen Männern und Frauen: "Arzt, Lehrer, Direktor, Polizist … / Ärztin, Lehrerin, Direktorin, Polizistin". Aber manchmal wird's mühsam. "Die Lehrerinnen" sind eindeutig nur Frauen – "die Lehrer" hat früher beide Geschlechter bezeichnet. Heute schreiben wir "Lehrer und Lehrerinnen, Lehrer/innen, LehrerInnen". Es ist doch eigentlich klar, dass mit der Mehrzahl beide Geschlechter gemeint sind.
Manchmal beneide ich die Engländer um ihre geschlechtsneutralen Personenbezeichnungen.

   

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Übersicht

 

Sprachecke 16.08.2005

 

Datum: 03.12.2003

Aktuell: 09.02.2019