Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Namen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

Menschen tragen Namen, soweit unsere Überlieferungen zurückreichen und wahrscheinlich solange es Sprache gibt. Die Namen wurden ursprünglich nicht beliebig gewählt, sondern drückten etwas aus, was typisch für diesen Menschen war oder was man ihm wünschte. Der Indianerhäuptling Sitting Bull ‚sitzender Bisonbulle’ verdankt seinen Namen einem bestimmten Erlebnis; vorher trug er nur einen vorläufigen Namen, bevor ihm der Bulle seine Identität verlieh. Der Name des israelitischen Nationalhelden Mose wird damit begründet, dass ihn die Königstochter aus dem Wasser gezogen hatte. Der altdeutsche Name Konrad wünscht seinem Träger, dass er ‚kühn an Rat’ sein und wagemutige Pläne schmieden soll.

Wie Sitting Bull wurden viele Menschen auch in unserem Kulturkreis nicht mit ihrem Geburtsnamen benannt, sondern durch einen Namen, den sie später erworben hatten, etwa Übernamen wie Schimmel, Weißkopf (weißblonde Haare), Schlackel (lang und dünn). Schon Caesar erwähnt einen Germanen namens Nasua ‚der mit der auffallenden Nase’ und Rüsselsheim hat wohl von einem ähnlich aussehenden Menschen seinen Namen bekommen.

Die heute gebräuchlichen Namen werden in Namenbüchern erklärt (zum Beispiel von Duden). Da wundern wir uns manchmal, dass die Übersetzung keinen Sinn ergibt oder dass ausgerechnet friedliche Damen blutrünstige Namen tragen: Ein Bruder Karls des Großen hieß Karlmann, wobei Karl, Kerl selbst ein Wort für ‚Mann’ ist. Hildegund kommt von hild 'Kampf' und gund 'Schlacht'. Hier wurde gar nicht mehr nach dem Sinn gefragt, sondern es wurden gebräuchliche Namensglieder weitervererbt. Der Großvater Karls hieß ebenfalls Karl, sein Vater und Urgroßvater Pippin. Vor nicht allzu langer Zeit nannte man Kinder auch nach ihren Paten. In einem südhessischen Dorf gab es im 17. und 18. Jahrhundert auffallend oft die Namenskombination Anton Ulrich. Namenspatron war ein Herzog von Braunschweig; von ihm hat ein Freiherr den Namen bekommen; der hat ihn durch Patenschaften und uneheliche Kinder in seinem Dorf weitervererbt.

Bei der Namensgebung hat man sich auch gern an Vorbildern orientiert. Im Hochmittelalter kam die Sitte auf, Kinder nach biblischen Personen oder Heiligen zu nennen (Judith, Maria, Nikolaus, Georg), sicher mit dem Wunsch, dass die Heiligen diese Menschen beschützen und die Namensträger ihren Vorbildern nacheifern sollten. Wesentlich älter ist der Brauch, sich nach weltlichen Vorbildern zu richten: Sagengestalten wie Siegfried und Brünhild, Herrscher wie Heinrich und Luise, heute Stars wie Kevin und Jennifer.

Heute legen wir Wert auf originelle Namen, die unsere Kinder von allen anderen unterscheiden. Vor 300 Jahren gab nur eine geringe Auswahl: Johann, Friedrich, Maria, Margareta und noch ein paar andere Namen. Heute steht uns eine Liste mit Tausenden von Namen zur Verfügung. Und trotzdem kommt es vor, dass in einer Klasse mehrere Kevins, Patricks, Jessicas oder Lauras sitzen. Auch die Mode spielt also bei der Namengebung eine wichtige Rolle.

   

nach oben

Übersicht

 

Sprachecke 04.11.2008

 

Datum: 27.04.2004

Aktuell: 09.02.2019