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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Kindersprache

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Eine Leserin fragte, woher der Kinderausdruck ada gehen für 'spazieren gehen' kommt. Es hat mich gewundert, dass es dieses Wort noch gibt, das mir selbst aus meiner Kindheit vertraut ist. Ich krame in meinem Gedächtnis: Dadá 'nicht sichtbar' war das Gegenteil von da 'sichtbar', áda oder dáda im Zweiwortsatz soviel wie 'nicht da' ("Mama dada"), ada ada 'auf Wiedersehen' und ada gehn, dáda gehn 'spazieren gehen'.

Bevor ein Kind anfängt, erste Worte zu sprechen, bildet es einfache Silben, die leicht zu sprechen sind und sich so ähnlich anhören wie das, was die Erwachsenen sagen. Silben wie da lassen sich erweitern zu ada oder verdoppeln (reduplizieren) zu dada. Schließlich kann man das ganze Wort reduplizieren zu ada ada.

In diesem Stadium greifen die Erwachsenen ein und beginnen, diese Silben mit dem zu verknüpfen, was dem Kind wichtig ist.

Es sind aber nicht nur die Kinder, die diese Lallwörter geprägt haben. Die Erwachsenen helfen nach, indem sie wichtige Wörter der Erwachsenensprache den Möglichkeiten des Kindes anpassen: lautmalende Wörter gehören dazu wie ham 'essen', Wauwau 'Hund', Miau 'Katze', Bibi 'Vogel', Vereinfachungen von Erwachsenenwörtern wie pipi (von pissen), Popo (von lateinisch podex 'Gesäß') und Interjektionen wie aua (Schmerz), ei, eia, heia (Wohlbefinden). Aus diesen Wörtern lassen sich verschiedene Wortarten und Sätze bilden (dada gehn 'spazieren gehen', aua machen wehtun', ei machen 'streicheln', heia machen 'schlafen', Heia 'Bett', Hamham 'Essen').

Manche dieser Kinderwörter sind in die Erwachsenensprache übergegangen (Mama, Papa, Oma, Opa, auch Wörter, bei denen wir's gar nicht denken wie Bub, lallen, Memme ("Mamakind"). Altererbte reduplizierende Wörter wie beben, Biber, nennen (alt namnjan), zittern (neben tattern) sind ansonsten selten und haben ihre eigene Geschichte. In alten Sprachzuständen war die Reduplikation ein Mittel der Wort- und Formbildung (Bi-ber zu Bär, gotisch sai-slep 'schlief').

Besonders interessant ist das Wort Heia 'Bett', das auch in der Erwachsenensprache weit verbreitet ist. Es ist ziemlich jung, wie wir an der Endung -a erkennen können (ein altes Wort würde mit -e enden) und fehlt im Deutschen Wörterbuch bei Grimm. Es war also im 19. Jahrhundert noch nicht gebräuchlich. Es lässt sich kaum trennen von der Interjektion eia, heia, wie sie in Wiegenliedern vorkommt ("eia popeia"). Über 'in den Schlaf singen' und 'schlafen' kam Heia schließlich zur Bedeutung 'Bett'.

Jeder Sprechanfänger entwickelt seine eigene Babysprache. Da aber Geschwister von einander lernen und die Erwachsenen steuernd eingreifen, können manche Wörter wie ada, dada, Heia Generationen überdauern.

   

 

 

Leserbrief

Eine andere Leserin brachte ada mit ade, adieu in Zusammenhang.

 

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Datum: 23.08.2005

Aktuell: 09.02.2019