Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Karl und die Langen Kerls

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

"O graû", sagte Sokrates zu Xanthippe, "ich esse diese ekelhafte Blutsuppe nicht!" Das bedeutete nicht "o Graus", sondern "he, Alte". Γραῦς graûs war die alte Frau und γέρων gérōn der alte Mann. An ihn erinnern uns heute die Gerontologie, die Wissenschaft vom Altern, und die Geriatrie, die Altersheilkunde.

"O Graus", sprach Karl, "die Langen Kerls kommen" und suchte das Weite. Er wollte das preußische Tafelsilber stehlen und wäre beinahe von der Leibgarde des Soldatenkönigs erwischt worden.

"O Graus", sprach die Grete zu ihrem Kerl, "mein Alter kommt, schnell in den Kleiderschrank!"

Griechisch γέρων gérōn, der 'Greis' und deutsch Kerl 'Mann' sind zwei ähnliche Wörter. Man könnte sie für verwandt halten, denn indogermanisches G entspricht oft deutschem K wie bei lateinisch gelidus und deutsch kalt.

Aber die "Langen Kerls" waren bestimmt keine Tattergreise, sondern jung und kräftig, und der "Kerl" der Grete ebenso, ganz im Unterschied zu ihrem Vater, dem "Alten". Das Wort muss einen anderen Ursprung haben.

Was ist überhaupt ein Kerl? Die Bedeutung ist ziemlich verschwommen: eine männliche Person allgemein, ein Mann mit bestimmten Eigenschaften (eher jung als alt), ein "Lover". Althochdeutsch karl und mittelhochdeutsch kerl war besonders der Ehemann. Altnordisch karl, altenglisch ceorl bezeichnete auch einen Stand, den freien, nichtadligen Bauern. Das nordische Wort konnte auch 'Greis' bedeuten. Was ist denn die Grundbedeutung?

'Alt' ist der "Kerl" eigentlich nur auf Island, eine Sonderentwicklung, wie man ja auch bei uns "mein Alter" sagt im Sinne von 'Ehemann' oder 'Vater'. Sonst bezeichnet das Wort in Skandinavien und England einen sozialen Rang und in Deutschland den Ehemann oder heute den Geliebten.

Das alles hat nichts mit der griechischen graûs und ihrem Gatten zu tun, eher handelt es sich um ein Lehnwort aus keltisch câr- 'lieben', câros 'lieb', câriatos 'Geliebter, Freund, Verwandter', câriants 'Liebender, Freund'. Mit der Einfügung -al entstand im Germanischen das neue Wort káral(j)as, 'der Liebe, Liebling, Geliebte, Angehörige, Mitbürger'.

Der älteste Beleg für dieses Wort ist der Name Karl für den 686 geborenen Sohn des fränkischen Hausmeiers Pippin. Karls Sohn hieß wieder Pippin, dessen Sohn war Karl der Große. Pippin war die Koseform eines Vornamens mit Bi-. Auch Karl war ursprünglich ein Kosename: 'Liebling', war aber längst zum ererbten "amtlichen" Vornamen geworden.

Wie der Name Caesars zum Herrschertitel Kaiser und Zar wurde, so ging der Name Karls des Großen in der Bedeutung 'König' in die Sprachen unsrer östlichen Nachbarn über: tschechisch král, polnisch król, russisch король karól', litauisch karālius, lettisch karalis, ungarisch király.

   

nach oben

Übersicht

 

Echo Online

 

Datum: 21.08.2007

Aktuell: 09.02.2019