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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Feierabend

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Die Abendglocke läutet. Die Leute auf dem Acker falten die Hände und sprechen gemeinsam ein Gebet, dann räumen sie ihr Gerät zusammen, besteigen den Ackerwagen und fahren nach Hause. "'s ist Feierabend, das Tagwerk ist vollbracht."

Längst geht's nicht mehr so beschaulich zu wie in der guten alten Zeit. Die Abendglocke hört man kaum noch, allenfalls die Fabriksirene, und statt eines gemütlich dahin zockelnden Fuhrwerks erwartet uns ein nervenzehrender Nachhauseweg. 's ist Berufsverkehr.

Das Wort Feierabend, stellte eine Leserin fest, lässt sich kaum in andere Sprachen übersetzen. Die meisten umschreiben mit 'Arbeitsende'. Der Arbeiter lässt den Hammer fallen, setzt sich ins Auto und stellt sich dem Stau. Der klassische Feierabend war schließlich auch eine soziale Errungenschaft: Er garantierte feste Arbeitszeiten.

Feierabend ist aber nicht nur das Ende der Tagesarbeit, sondern der Rest des Tages, an dem man Zeit hat für andere Beschäftigungen. Die Holländer sagen dazu schlicht rust 'Ruhe, Rast'. Unsre Abendglocken-Landleute erwartete zu Hause das Nachtessen, eine gemütliche Runde am Küchentisch, vielleicht noch ein Schwätzchen am Gartenzaun mit den Nachbarn oder ein Stündchen auf der Bank vorm Haus im Abendsonnenschein. Man ruhte sich aus und pflegte die Geselligkeit.

Die Franzosen erwartet nicht nur le soir, der Abend, an dem es dunkel wird, sondern la soirée, die Abendgestaltung, vielleicht eine Einladung, ein Theaterbesuch, ein Spaziergang.

Unser Bild vom urgemütlichen deutschen Feierabend ist stark von der Romantik geprägt. Deren Bilder, Lieder und Texte sind fest in unserm Bewusstsein verankert. Wahrscheinlich war aber die gute alte Zeit schon um 1820 vorbei. Die Industrialisierung hielt Einzug und die Fabriksirene verdrängte die Abendglocke. Die Romantik mit ihrer Verklärung der Vergangenheit sowie das darauf folgende betuliche Biedermeier waren eine typisch deutsche Angelegenheit. Die deutsche Abendglocken-Romantik lässt sich also verstehen als Gegenpol zur tristen Fabriksirenen-Realität.

Entstanden ist der Begriff Feierabend schon im Mittelalter. Damals war vîrâbent der Vorabend vor einem kirchlichen Feiertag. Man brachte schon am Nachmittag die Arbeit zum Abschluss, schmückte das Haus, kleidete sich festlich und besuchte den Abendgottesdienst. Der Gedanke des "Feierns", der festlichen Begehung schwingt immer noch mit, wenn wir an den Feierabend denken.

Auch die Arbeitsruhe gehört dazu, nicht nur dass man den Hammer fallen lässt. Die Befreiung von der Arbeitspflicht ist heute das wichtigste Kennzeichen dessen, was einen Feiertag ausmacht: Da haben wir freie Zeit für familiäre, religiöse und gesellschaftliche Zusammenkünfte.

   

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Echo Online

 

Datum: 06.11.2007

Aktuell: 16.02.2018