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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Was ist Gerechtigkeit?

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Ist es denn gerecht?, fragen wir heute, wenn die Güter der Erde ungleichmäßig verteilt sind und eine Minderheit fast alles besitzt und die Mehrheit sich das Wenige teilen muss, was man ihnen übrig gelassen hat.

Gerechtigkeit hat viele Gesichter. Als gerecht sehen wir es an, wenn ein Kuchen in genau gleich große Stücke geschnitten wird und jeder gleichviel bekommt. Nun hat aber jemand schon vorher genascht. Es wäre ungerecht, ihm trotzdem noch ein Stück zu geben, wenn der Kuchen knapp ist. Es kann aber auch gerecht sein, wenn ein abgemagerter Hungerleider mehr bekommt und ein korpulenter Vielfraß weniger. Es ist schwierig, alle diese Ansprüche an Gerechtigkeit zugleich zu erfüllen.

Maßgeblich für unser Rechtsverständnis war das römische Recht. Die Römer unterschieden zwischen göttlichem (fas) und menschlichem Recht (ius). Das göttliche Recht äußert sich mehr im allgemeinen Rechtsempfinden ("es gehört sich so"), während das menschliche Recht in Gesetzen niedergelegt und Gegenstand des Gerichtswesens ist. Beim menschlichen Recht unterschied man zwischen ius 'allgemeine Pflichten und Rechte' und aequitas 'Gleichheit vor dem Gesetz, Unparteilichkeit'. Als Unrecht (iniuria) galt, wenn jemand seine Ansprüche nicht mit gesetzmäßigen Mitteln durchsetzte, sondern eigenmächtig handelte, sich in den Mitteln vergriff oder Schaden anrichtete. Übertriebene Forderungen oder zu große Härte empfand man als 'ungleich' (iniquus).

Ganz anders die Bibel, die ja ebenfalls unser Denken nachhaltig geprägt hat. Auch da unterscheidet man zwischen gesetztem Recht und Rechtsempfinden. Wichtiger aber ist der Ausdruck zedaqâ, der zwar mit 'Gerechtigkeit' übersetzt wird, aber eigentlich 'korrekt' bedeutet. Man konnte versuchen, sich korrekt zu verhalten. Ob das der Fall war, entschied das Gericht oder Gott. Sich selbst für "gerecht" halten galt nicht.

Unser deutsches recht, gerecht bedeutete ursprünglich 'gerade gemacht, in der Reihe, in Ordnung', auch im technischen Sinn. Wir finden heute noch recht und richtig als zusammengehörig. Dazu kommt der Ausdruck billig in seiner ursprünglichen Bedeutung 'angemessen, rechtmäßig, zumutbar'.

Das germanische Rechtsempfinden wird am besten durch Ehre charakterisiert, deren Gegenteil der Neid war – nicht im Sinne von 'Missgunst', sondern von 'feindseligem Handeln'. Ehre war weniger der gute Ruf als der Rechtsanspruch. Durch ein Verbrechen wurde dieser Anspruch geschädigt.

Die Güter unsrer Welt sind ungleich verteilt. Wir empfinden das als ungerecht. Die Römer und Germanen haben sich nichts dabei gedacht. Doch die Bibel sieht es als eine Beleidigung des Schöpfers an, der alle Menschen geschaffen hat, nicht nur die Reichen.

   

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Echo Online

Etymologie: Gerechtigkeit

 

Datum: 24.12.2007

Aktuell: 09.02.2019