Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Ungeeignete Maßnahmen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

Bock zum Gärtner

Strich und Faden

Schlange am Busen

Bärendienst

Schlag ins Wasser

Schuss in Ofen

gegen den Strich

Bär aufbinden

 

 

Möchten Sie einem Dieb Ihre Wertsachen anvertrauen, einem Mörder Ihr Leben oder einem Lügner Ihre Ehre? Lassen Sie sich von einem Betrunkenen fahren oder von einer Schlafmütze bewachen? Ich rate Ihnen ab, denn damit würden Sie den Bock zum Gärtner machen. Der Sinn dieser Redensart ist klar: Ein Gärtner soll Bohnen stecken, Salat pflanzen und Blumen gießen. Ziege oder Bock taugen nicht für diese Arbeit, die würden Ihnen den Garten kahl fressen. Wer jemand mit einer Aufgabe betraut, für die er nicht geeignet ist, macht den Bock zum Gärtner und schadet sich selbst.

Sie versuchen es also gescheiter zu machen, ziehen vorher Erkundigungen ein und testen den Bewerber nach Strich und Faden. Wir sagen: Da wird jemand "nach Strich und Faden" verprügelt, betrogen, bestohlen, verwöhnt. Die Wendung ist nicht vor 1914 bezeugt und bezieht sich wohl auf die Visiereinrichtung der Marine. die außer dem "Fadenkreuz" noch eine Gradeinteilung mit Strichen hat. Gemeint ist also eine Norm oder ein Messgerät.

Trotz gründlicher Prüfung kann man sich in einem Menschen täuschen. Mancher hat schon eine Schlange am Busen genährt, einen Menschen, dem er vertraute und der dann Verrat geübt hat. Nicht immer kann man rechtzeitig erkennen, was das für ein Kuscheltier ist, das man so nahe an sich heran lässt.

Nun haben Sie endlich jemand gefunden, der den besten Willen hat, in Ihrem Sinne zu handeln. Trotzdem hat mancher treue Diener seinem Chef einen Bärendienst erwiesen. Eine Fabel erzählt: Ein Mann hatte einen zahmen Bären. Der wollte eine Mücke verscheuchen, die seinem Herrn den Schlaf störte. Er warf einen Stein und tötete den, dem er helfen wollte. Der gute Wille tut also oft das Falsche und richtet nichts Gutes an, sondern Schlechtes.

Tja, das alles war wohl nichts, ein Schlag ins Wasser und ein Schuss in den Ofen. Wenn man ins Wasser schlägt, spritzt es ein bisschen, hat aber weiter keine Folgen. Diese Redensart ist schon im Mittelalter bezeugt. Ähnlich erfolglos ist ein Schuss in den Himmel oder in die Luft. Aber ein Schuss in den Ofen?

Wer tatsächlich "in den Ofen schießt", ist der Bäcker. Der legt die rohen Brotlaibe auf den Brotschuber und befördert ("schießt") sie mit etwas Schwung in den Backofen. Wer das nicht weiß, dem mag ein "Schuss in den Ofen" unsinnig vorkommen. Durch dieses Missverständnis wurde aus gekonnter Bäckerroutine der Fehlschlag eines Stümpers.

   

 

 


Leserbrief:
Natürlich würde es mir auch "gegen den Strich gehen," wenn man mir " einen Bären aufbinden" wollte.

Meine Antwort:
Der „Strich“, von dem Sie schreiben, ist etwas Ähnliches wie beim Weber: die Richtung, in der die Haare liegen und wie sie gewachsen sind. Ich bürste und kämme mich am liebsten „mit dem Strich“, „gegen den Strich“ ist mir unangenehm. Habe schon mal versucht, meine widerspenstigen Haare in eine andere Richtung zu zwingen, das hat überhaupt nichts gebracht.

Jemand einen Bären aufbinden“ ist weiter entwickelt aus der Redensart „jemand etwas aufbinden“, ihm etwas vorschwindeln. Das Bild besagt wohl,
dass man einem eine Last auflegt und mit Stricken befestigt, damit sie nicht herunterrutscht. Von einem Betrunkenen sagt man, dass er einen Affen habe, d. h. er benimmt sich wie ein Affe, aber man stellt sich vor, dass er auf der Schulter oder auf dem Rücken sitzt. Ähnlich geht es einem Narren, der eine Lüge glaubt. Der läuft eine Zeitlang mit diesem Glauben herum und kann sich erst von ihm befreien, wenn er die Wahrheit erkennt. 

Wie der Bär an die Stelle des Affen kommt, ist eine komplizierte Geschichte. Ursprünglich hieß es wohl „anbinden“. Ein „Bärenanbinder“ war ein Aufschneider, der hat wohl behauptet, er wolle einen wilden Bären fangen und an die Leine legen. Es gibt eine ähnliche Geschichte von einem, der das Fell eines Bären verkaufen wollte, das er noch nicht besaß. Diese Redensart hat sich dann vermengt mit dem Bild vom Affen, den ein Betrunkener oder Narr mit herumschleppt. Da ein Bär ja schwerer ist als ein Äffchen, wäre es sinnvoll, ihn dem Betreffenden auf den Rücken zu binden.

 

nach oben

Übersicht

 

Echo Online

 

Datum: 28.10.2008

Aktuell: 09.02.2019