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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die kaputte Kanne

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Der zerbrochene Krug" nannte Heinrich von Kleist sein Lustspiel; man könnte es auch einen Krimi nennen: Da war jemand im Zimmer der Eve, hat eine kostbare Antiquität zerdeppert und die Ehre des Mädchens in Verruf gebracht. Der Dorfrichter Adam soll den Schuldigen ausfindig machen. Also geht es wie im Krimi: Wer war der Täter? Wer hat die Kanne kaputt gemacht und Schlimmeres angerichtet?

Habe ich kaputt geschrieben? Das ist ein Wort der Umgangssprache. Kleist hat es 1806 in dieser Bedeutung noch nicht gekannt. Für ihn war nicht die "Kanne kaputt", sondern der "Krug zerbrochen". Kaputt bezog sich damals nur auf Menschen und bedeutete 'wirtschaftlich zugrunde gegangen'.

Das Wort kam bei uns im Dreißigjährigen Krieg auf. Nicht weil da die Soldaten alles zerstörten, sondern weil sie in den Kampfpausen Karten spielten. Da sagten die Franzosen: "Il est capot", er hat keinen Stich mehr und kann nicht mehr weiter spielen. Wenn man um hohe Einsätze pokerte, dann war der Verlierer nicht nur "capot", geschlagen, sondern auch "kaputt", ruiniert. Er hatte viel riskiert und viel verloren. In dieser Bedeutung trat dieses Wort seinen Siegeszug in Deutschland an.

Von 'ruiniert' war es nur ein kurzer Weg zu 'erledigt, erschöpft' und 'tot'. Wenn auf dem Bauernhof ein Tier gestorben ("verendet") ist, sagt man "es ist kaputt gegangen". Nach den Tieren ging es an die Sachen. Seit etwa 1900 gehen Gefäße kaputt und machen Kinder ihre Spielsachen kaputt. Auch Geräte gehen kaputt, ohne äußere Gewalteinwirkung, durch natürlichen Verschleiß. Kaputt bedeutet also nicht nur 'beschädigt, entzwei', sondern auch 'defekt, es funktioniert nicht mehr'. Die Alten mussten zweimal erleben, wie ihnen ihr Geld kaputtging (wertlos wurde) und bangen jetzt, dass es ein drittes Mal geschieht. Nach dem Krieg war alles kaputt, ganze Städte, die Heimat, viele Familien, die bisher geglaubten Werte.

"Kaputt" wurde damit zum Inbegriff des deutschen Selbstgefühls: die Grunderfahrung, dass man am Ende vieler Kriege, aufgezwungenen oder selbst verschuldeten, immer wieder vor dem Nichts stand. Es fing ja schon im Dreißigjährigen Krieg an.

Wen wundert es also, dass kaputt als eine der bekanntesten deutschen Vokabeln gilt und eine der ersten, die Ausländer bei uns lernen? Kann man es ein "urdeutsches Wort" nennen? Und doch können wir schon an seiner Betonung erkennen, dass es ein Fremdwort ist: Wir sagen "kapútt" und nicht "kápput".

Das französische capot(e) ist auch heute noch beim Kartenspiel gebräuchlich. Sonst bedeutet das Wort 'Verdeck, Mantel, Kopfbedeckung'. Beim Kartenspiel sind die Karten des Verlierers von denen der Mitspieler "verdeckt". Der Gewinner nimmt den ganzen Stapel an sich.


 

Leserbrief:

Vielleicht interessiert Sie die folgende Ergänzung dazu aus Johann Christian Heyses Allgemeinem Fremdwörterbuch zum Stichwort „caput“, zitiert aus dem Nachdruck der Ausgabe Hannover 1922: "caput mortuum, in der Scheidek[unst] Totenkopf, die nicht nutzbaren Rückstände u[nd] Abfälle bei chemischen Arbeiten; im allgemeinen Sinne: Englisch-Rot, Eisenrot; daher kapút, gem[einhin] für 'vernichtet, zerbrochen, entzwei; entkräftet, verloren' (vgl. das fr[z]. il est capot, d.i. er verliert alle Stiche im Kartenspiel)."

 

Meine Antwort:

Der Fachausdruck lautet auch im Französischen caput-mortuum (gesprochen [kapytmorty'om]). Caput ist der 'Kopf', mortuus 'tot'. Oft enthält der Bodensatz die wertvolle Substanz, also die "Hauptsache" und die verbleibende Flüssigkeit ist wertlos. In diesem Fall schien es umgekehrt zu sein. Es ist also nicht das mortuum "kaputt", sondern das caput tot.
Heyse berücksichtigt nicht, dass kaputt zur Zeit noch 1860 nicht "vernichtet, zerbrochen, entzwei; entkräftet, verloren" bedeutete, sondern ausschließlich von Menschen gesagt wurde: 'fertig, zugrunde gerichtet'.


 

Leserbrief:

Was ist denn mit dem Kapotthütchen und dem Kapo im KZ?

 

Meine Antwort:

1.    Kapo ist Abkürzung von französisch caporal 'Gefreiter', eigentlich ein italienisches Wort: caporale 'Anführer'. Darin steckt italienisch capo 'Haupt' (da capo 'von vorn' in der Musik) und lateinisch caput 'Haupt'.
Daneben gibt es das corps, hier 'Truppenverband', dem der corporal, deutsch Korporal 'Unteroffizier' angehört.
Aus dem militärischen Gebrauch wurde Kapo übertragen zu 'Vorarbeiter' in Österreich und 'Hilfsaufseher im KZ'.

2.    Uromas Kapotthütchen ist eine Cousine von kaputt. Französisch capot, capote kann auch 'Damenhut' bedeuten. Auch dieses Wort kommt aus dem Italienischen: capotto 'Kapuzenmantel'. Grundlage ist nicht lateinisch caput, sondern cappa, 'Kappe, Cape', ein Fremdwort aus dem Semitischen, verwandt mit der jüdischen Kippa, die man in der Synagoge auf dem Kopf trägt.

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Echo Online

 

Datum: 20.01.2009

Aktuell: 09.02.2019