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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Der Unaussprechliche

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Nicht genug, dass er Rauch und Asche spuckt und den Flugverkehr lahmgelegt hat, er nötigt uns auch einiges an Zungenakrobatik ab, wenn wir seinen Namen aussprechen wollen: der isländische Inselberggletscher Eyjafjallajökull, gesprochen ungefähr wie "Äija-fjatla-jökütl". Eyja ist die 'Insel', verwandt mit deutsch Aue, das auch eine Rheininsel bezeichnet. Fjall bedeutet 'Berg', eigentlich 'Fels'. Die aus dem Flachland stammenden Nordgermanen mussten im skandinavischen Bergland die Begriffe neu definieren und die Auswanderer in Island haben die Bedeutungen vertauscht: bjarg wurde 'Fels' und fjall 'Berg'. In jökull 'Gletscher' schließlich steckt ein altes germanisches Wort für 'Eis', das wir mit den Ural-Völkern gemeinsam haben (ungarisch jég). Es ist auch im zweiten Teil von englisch ic-icle 'Eiszapfen' enthalten.

Der Eyjafjallajökull ist jetzt ein 'Feuerberg', isländisch eld-fjall [1] (mit einem abweichenden Wort für 'Feuer', für das ich kein allgemein bekanntes Vergleichswort anführend kann). Wir sprechen von einem Vulkan, ein Wort, das wir aus dem Lateinischen übernommen haben. Vulcanus war der römische Name des griechischen Schmiedegottes Hêphaistos.

Eisenschmiede und Bronzegießer sind die Nachfolger der steinzeitlichen Werkzeugmacher. Die brauchten kein Feuer, aber Bohrmaschinen, um die Stiele der Steinäxte befestigen zu können. Der mythische Schmied der Germanen hieß W(i)eland. Das ist ein Partizip und bedeutet 'drehend'. Das Grundwort wel- steckt auch in Welle 'Drehstab' und lateinisch volvere 'drehen. War auch Vulcanus ein 'Dreher'?

Die Feueresse dieses Gottes dachte man sich auf den Liparischen Inseln nördlich von Sizilien, lateinisch insulae Vulcani 'Inseln des Schmiedegottes'. Die südlichste heißt heute Vulcano. Der Feuerberg hat seinen Namen von der Insel, nicht direkt von dem Gott.

Es gibt auch bei uns Vulkane: Die in der Eifel sind noch nicht erloschen. Im Westerwald und im Hegau gibt es Lavaberge. Der Vogelsberg ist ein Schildvulkan, das größte Basaltmassiv in Deutschland. Auch am Rand des Odenwalds stehen Reste alter Vulkane: Stetteritz, Rossberg, Otzberg, Katzenbuckel. Sie sind schon lange nicht mehr tätig, daher haben wir kein deutsches Wort dafür und mussten das lateinische importieren.

Beim Vulkanisieren wandelt man Kautschuk in Gummi um oder repariert Gegenstände aus Gummi. Vergleichspunkt ist die Hitze, die für diesen Prozess nötig ist.

Nach den heutigen Regeln sagen wir "Wulkân". Früher hat man die Fremdwörter mit V wie F gesprochen ("Fulkân"). Das lässt sich bis ins Althochdeutsche zurückverfolgen: Weinheim schrieb man 756 Winenheim, 766 Finnenheim, 767 Uinnenheim (V-). Der unverstandene Name wurde mehrfach umgedeutet.

 

[1] Eldfjall 'Feuerberg' ist wohl ein Beispiel dafür, wie man in Island Fremdwörter durch einheimische Neubildungen ersetzt hat. Das Wort ist im Altnordischen nicht bezeugt, die skandinavischen Sprachen haben das moderne vulkan. Offenbar bestand in alter Zeit auch auf der Vulkaninsel kein Bedarf für dieses Wort. Man hat sich anscheinend mit Umschreibungen begnügt. Ähnlich war es auch im klassischen Griechischen und Lateinischen.

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Echo Online

 

Datum: 27.04.2010

Aktuell: 09.02.2019