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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Desperados

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wenn man Ratten in die Enge treibt, greifen sie auch Menschen an, denen sie sonst aus dem Weg gehen. Das liegt nicht daran, dass diese Tiere besonders aggressiv und bösartig sind, sondern dass sie keine Möglichkeit haben zu fliehen. Sie sind in einer ausweglosen Situation, hoffnungslos, verzweifelt, zum Äußersten entschlossen, Desperados.

Desperados nannte man die Banditen im Wilden Westen, zum Teil wohl Mexikaner, die als Räuber ihr Geld, später eine Kugel oder den Galgen "verdienten". Es waren desperates (englisch), gescheiterte und verzweifelte Menschen. Dem englischen Wort hat man mit -ados ein romanisches Aussehen gegeben; richtig wäre des-esperados. Es ist eben nicht alles spanisch, was uns spanisch vorkommt. Grundlage ist lateinisch de-sperare 'keine Hoffnung haben, verzweifeln', das Gegenteil von sperare 'hoffen'. Das spanische Wort hat nicht die Vorsilbe de-, sondern des-, lateinisch dis-. Vor anlautendem sp- muss e- stehen.

Desperados sind wohl auch die im Gaza-Streifen eingesperrten Palästinenser, ursprünglich Flüchtlinge aus dem Heiligen Land, die keiner haben wollte und die daher schon seit einem halben Jahrhundert keine Zukunft haben. Braucht man sich da zu wundern, wenn sie aggressiv werden? Selbstmordattentate werden als islamisches Märtyrertum verklärt. In Wirklichkeit handelt es sich um Verzweiflungstaten von Menschen, die keinen Ausweg wissen.
Hoffnungslosigkeit kann sich auch ganz anders äußern: Man kann mutlos und depressiv werden. Beides beobachten wir bei jungen Menschen. Viele haben kaum eine Chance Arbeit zu finden. Die einen werden aggressiv und schlagen Rentner zusammen – die anderen werden depressiv und haben "
null Bock", keine Lust. Bock hat nichts mit dem Tier zu tun, sondern kommt aus der Zigeunersprache und bedeutet 'Hunger'.

Wir nennen diese Haltung nicht desperado, sondern verzweifelt im Sinn von 'hoffnungslos'. Zweifeln ist aber nicht das Gegenteil von hoffen, sondern von glauben. Der Zweifler ist dadurch verunsichert, dass es mehrere Möglichkeiten gibt. Zweifel ist eigentlich zweifältig 'doppelt'. Das Gegenteil ist Einfalt, einfältig, heute im Sinn von 'naiv'. Ursprünglich war das positiv gemeint: nicht doppelzüngig, nicht hinterlistig.
Ein verzweifelter Mensch hat aber nicht Alternativen im Blick, sondern sieht keinen Ausweg. Er hat umsonst gezweifelt und alle Möglichkeiten erwogen.

Verzweifeln gilt als hochdeutsche Entsprechung von hessisch verzwatzeln 'vergeblich unruhig sein'. Zwatzeln gehört zu Quatsch 'Unsinn' und plattdeutsch dwatsch 'töricht, albern' (ein Verhältnis wie plattdeutsch dwingen / zwingen und Zwetsche / Quetsche). Narren sind unruhig und können doch nichts ändern. Weise bleiben gelassen.

   

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Echo Online

 

Datum: 11.05.2010

Aktuell: 09.02.2019