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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Machthaber

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Es geschieht bei fast jeder Revolution: Die bisherige, schlechte Ordnung weicht der Anarchie und dem Chaos. Ist das besser? So erleben wir es in unsern Tagen in Nordafrika. Die Unordnung schreit geradezu nach einer starken Hand. Dem verhassten König, Zar, Kaiser, Schah folgte stets wieder ein starker Mann: Napoleon, Stalin, Hitler, egal, wie sie sich nannten, Diktatoren waren sie auf jeden Fall.

Der Ausdruck Diktator wurde in der römischen Republik geprägt: In besonderen Fällen konnte für begrenzte Zeit ein dictator ernannt werden. Er übernahm an Stelle der beiden Konsuln die Staatsgeschäfte oder bekam einen Sonderauftrag. Das kam zwischen 501 und 202 alle paar Jahre vor. Der Diktator erfüllte seine Aufgabe und trat wieder ab. Erst Sulla und nach ihm Caesar (82-44) machten daraus ein lebenslanges Amt und legten damit den Grundstein für das Kaisertum. Die heutige Bedeutung 'Staatschef, der ohne die verfassungsmäßigen Organe selbstherrlich regiert' hat darin ihren Ursprung.
Was diktieren und Diktat ist, weiß jeder Schüler: Der Lehrer sagt vor, was die Schüler schreiben sollen. Das zugrundeliegende lateinische dictare hat zwei Bedeutungsnuancen: 'immer wieder sagen', wie beim Schuldiktat, und 'mit Bestimmtheit sagen, befehlen' wie beim politischen Diktator. Das Grundwort ist dicere 'sagen'. Das t stammt aus dem Partizip dictum 'gesagt', daher dictare 'etwas Gesagtes, Vorformuliertes aussprechen', egal ob in Schule oder Staat.

Moderne Diktatoren sind ihrem Wesen nach Tyrannen und Despoten, aus griechisch týrannos und despótês 'unumschränkter Herrscher'. Beide Wörter sind wie Diktator durch die geschichtliche Entwicklung in Verruf geraten: Es fing an mit harmlosen Ämtern wie 'Stadtoberhaupt' oder 'Hausherr' (Despot zu demes- 'Haus' und potis 'mächtig'). Man kann sein Amt zum Wohl der Allgemeinheit ausüben oder zu seinem eigenen. Letzteres kam zu oft vor, so dass die Athener von Tyrannen und Despoten genug hatten und die Demokratie einführten.

Týrannos war in der Vorzeit das Oberhaupt einer befestigten Stadt, zu vorindogermanisch túros 'Stadt'. Wie albanisch thur 'flechten, stricken, einhegen' zeigt, war die Befestigung ursprünglich keine Mauer, sondern nur ein geflochtener Zaun. Ein Sonderfall einer Festung ist der Turm, ein Fremdwort, das wir übers Altfranzösische und Lateinische (turris) aus dem Griechischen haben. Dort war týrsis ein 'mit Mauern umgebenes Bauwerk: Stadt, Burg, Haus, Turm'.

O ihr Amtsinhaber, was ist aus euch geworden! Muss man denn immer zur Gewalt greifen, wenn man eure Gewalt nicht mehr ertragen kann? Und wird man Gewaltherrscher auf diese Weise dauerhaft los?

 

 

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Etymologie "Kaiser" | Begriffe Machthaber

Sprachecke 19.05.2005 | 08.08.2006 | 24.07.2012

 

Datum: 08.02.2011

Aktuell: 09.02.2019