Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die traurige Woche

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

Eins der merkwürdigsten Feste ist Ostern. Denn es pendelt zwischen dem 22. März und dem 25. April hin und her. Der letzte frühe Termin war 1818, der letzte späte 1943.[1] Mit Ostern verschieben sich alle kirchlichen Feiertage vom dritten Sonntag vor Fastnacht bis zum Sonntag nach Pfingsten (Trinitatis) und darüber hinaus alle Sonntagsnamen bis in den November. Das kommt daher, dass Ostern und Pfingsten dem jüdischen Festkalender entstammen (Passa und Wochenfest). Der ist nach dem Mond ausgerichtet: Ostern ist der Sonntag nach dem ersten Vollmond im Frühling. Jesus wurde an einem Freitag gekreuzigt und ist "am dritten Tag", das heißt zwei Tage später, am Sonntag, auferstanden. Daher liegen die christlichen Feiertage des "Osterzyklus", anders als bei den Juden, immer an einem bestimmten Wochentag.

Die Woche vor Ostern heißt die Karwoche, benannt nach dem Karfreitag, dem "traurigen Freitag" (zu althochdeutsch karôn 'trauern'). Die "traurige Woche" beginnt mit dem Palmsonntag, dem Gedenktag an den Einzug Jesu in Jerusalem und die Palmzweige, die von der jubelnden Menge geschwungen wurden.

"Am sechsten Tag" danach, fünf Tage später, wurde Jesus gekreuzigt. Allen anders lautenden Behauptungen zum Trotz geht das christliche Kreuzessymbol tatsächlich auf das römische Marterholz zurück. Der Römer Seneca (1-65) hat beschrieben, dass das Kreuz aus einem Pfahl (stips) und einem Querbalken (patibulum) bestand und dass der Übeltäter angenagelt wurde, wie in der Bibel beschrieben und auf den Bildern dargestellt. Die ganze Konstruktion hieß crûx, eigentlich 'Krummholz', verwandt mit Krücke:  Man hat für die Kreuze nicht die besten, geraden Baumstämme verwendet. Vom Akkusativ crucem ist unser Wort krûziKreuz abgeleitet.

Am Abend vorher hatte Jesus noch mit seinen Jüngern das Passa gefeiert. Das war nach damaliger Rechnung schon am Freitag, nach unsrer noch am Donnerstag. Dieser Tag hieß schon 1264 grüener donerstac, ganz deutlich nach der Farbe benannt. Warum, ist nicht bekannt.

Auch der Name Ostern bereitet den Sprachforschern Kopfzerbrechen. Es gibt ihn nur im Deutschen und Englischen (Easter). Er kam wohl durch die angelsächsische Mission nach Deutschland. Deutsch oster bedeutet 'östlich', das entsprechende baltische und slawische Wort 'Morgendämmerung' (lettisch àustra), 'Morgen' (altslawisch ustro). Die Morgenröte war zwar eine Göttin (lateinisch Aurora), aber Ostern ist nicht nach ihr benannt, sondern weil nach der Bibel ein paar Frauen in der Morgendämmerung zum Grab Jesu kamen und es leer fanden. Der frühe Morgen ist so typisch für dieses Fest wie der späte Abend für die "Heilige Nacht", in der Jesus geboren wurde.

 

[1] Erich Bornmann, Zeitrechnung und Kirchenjahr 62.69

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Spottkreuz, Rom. Die griech. Inschrift lautet "Alexamenos betet Gott an."

nach oben

Übersicht

 

Echo Online | Begriffe: Feiertage

Sprachecke 04.04.2004 | 11.04.2006 | Parallelartikel Sonntagszeitung

 

Datum: 19.04.2011

Aktuell: 09.02.2019