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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Druckerzeugnis

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Druckerzeugnis ist ein Paradebeispiel, wie man sinnvoll oder irreführend trennen kann: "Drucker-Zeugnisse" gibt es nicht. In der Schule gibt es Schulzeugnisse, keine Schülerzeugnisse, und der fertig ausgebildete Jünger Gutenbergs bekommt einen Gesellenbrief, kein Drucker-Zeugnis. "Druck-Erzeugnisse" sind Druckwerke, von der Visitenkarte bis hin zur Weimarer Lutherausgabe mit 120 Bänden.

Unter der "Schwarzen Kunst" verstand man im Mittelalter 'schwarze Magie, Schadenzauber'.[1] Später hat man diesen Ausdruck auf eine bestimmte Art von Kupferstich[2] und erst im 19. Jahrhundert[3] auf die Buchdruckerkunst übertragen. Entsprechend bezeichnet "Weiße Kunst" die Papierherstellung: Schwarz ist die Druckerschwärze und weiß das Papier.

Was Gutenberg erfunden hatte, war nicht das Drucken an sich, sondern der Druck mit beweglichen Bleitypen (Lettern, aus lateinisch littera 'Buchstabe'). Voran ging der Holzschnitt, mit dem man nicht nur Bilder, sondern auch Texte vervielfältigen konnte. Die Grundidee, die Wiedergabe von Schrift oder Bild mit Hilfe von Negativschablonen, war beim Siegel schon vor 5000 Jahren bekannt. Man hat also die alte Bezeichnung drucken weiter benutzt, die für das Siegel schon um 1215 gebräuchlich war.[4] Drucken und das umgelautete drücken waren ursprünglich nur Mundartvarianten. Die Schwarze Kunst machte eine Unterscheidung zwischen dem allgemeinen Drücken und dem Buchdruck erforderlich.

Deutlich ist die Beziehung zum Stempel bei lateinisch imprímere 'eindrücken', im allgemeinen Sinn, aber auch vom Siegeln gebraucht. Davon kommt Imprimâtur 'darf gedruckt werden', die katholische Druckerlaubnis, und Impressum 'Herkunftsangabe einer Veröffentlichung'.

Lateinisch prémere ist 'drücken', ein unregelmäßiges Verb, dessen Partizip Perfekt pressus 'gedrückt' lautet. Pressa nannte man die Weinkelter: Mit einem langen Hebel zerquetschte man die Weintrauben. Noch in römischer Zeit ersetzte man den Pressbalken durch eine Schraube. Diese Konstruktion ließ sich auch für den Buchdruck verwenden.

Schon lange haben Bleilettern, Setzkasten, Druckplatte und Druckerpresse ausgedient. Die Echo-Zeitungen werden mit dem Computer gesetzt und auf modernsten Rotationsmaschinen gedruckt. Wenn wir heute von Presse sprechen, meinen wir nicht die Maschine, sondern das Zeitungswesen.

Zeitungen und andere Medien gibt es auch im Internet. Im Unterschied zu diesen neuen elektronischen Publikationen nennen wir die herkömmlichen auf Papier Printmedien. Print ist das englische Wort für 'drucken', abgeleitet von altfranzösisch preindre 'drücken, unterdrücken, eindrücken, prägen'. Auch print hat einmal 'Siegelabdruck' bedeutet.

 

[1] Grimm 11, 2677

[4] Wolfram von Eschenbach, Willehalm

 

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Echo Online

 

Datum: 26.07.2011

Aktuell: 09.02.2019