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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Winzlinge

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Der Zaunkönig, auch Zaunschlüpfer genannt, ist einer unsrer kleinsten Vögel. Warum heißt er dann "König"? Ein Märchen erzählt: Die Vögel wollten denjenigen zum König machen, der am höchsten fliegen würde. Der freche Winzling versteckte sich im Gefieder des Adlers, ließ sich empor tragen und entfaltete seine Flügel, als der Adler nicht mehr konnte, flog noch höher und wurde König, neidlos von allen anerkannt.
Frech ist er ja wirklich, denn er hat nicht nur den Adler um seinen Titel gebracht, sondern auch den allerkleinsten Vogel Europas: das Goldhähnchen. Das trägt nämlich tatsächlich eine "Krone", einen leuchtend gelben Streifen auf dem Scheitel. Selbst dran schuld, wenn es nicht als Herrscher anerkannt wurde! Denn es versteckt sich im finstern Tann, während der Zaunkönig sich in die Nähe der Menschen wagt. Er macht gute Öffentlichkeitsarbeit, deswegen halten wir ihn für den Chef. Schon im Althochdeutschen gab es den Vogelnamen kuningilîn 'Königlein'.
Dieses Vögelchen trägt viele Namen, unter anderem Schnee- oder Winterkönig. Das kommt daher, dass sich Seine Majestät aus dem Gebirge zurückzieht, wenn's kalt wird, und im Tiefland Winterurlaub macht. Winterkönig war auch Spottname Friedrichs V. von der Pfalz, der 1619/20 auch die böhmische Königskrone trug. Er war ein "Zugvogel" wie wenig später Gustav Adolf II. von Schweden, der in den Dreißigjährigen Krieg eingriff und als Schneekönig verspottet wurde.
Heute kennen wir diesen Ausdruck aus der Redensart "sich freuen wie ein Schneekönig": Der Zaunkönig hat eine sehr laute Stimme. Man hört ihn kilometerweit. Da wir den Vogelsang für einen Ausdruck von Lebensfreude halten, muss sich wohl das Königlein ganz besonders freuen, wenn es so laut singt.

Wenn der Zaunschlüpfer ein König ist, ist der Marienkäfer ein Heiliger. Denn er trägt noch andere fromme Namen: Gotteskäfer, Herrgottskäfer, Liebgottchen, niederländisch lieveheersbeestje 'Tierchen des lieben Herrn (Jesus)'. Beest ist das 'Tier', beest-je ist nicht 'Bestie', sondern 'Tierchen'. Dem Volksglauben galt dieses Insekt als Bote aus einer anderen Welt. Man hat auch die sieben Punkte einer Käferart auf die sieben Schmerzen der Mutter des Herrn gedeutet. Weniger fromme Menschen fühlten sich bei den Punkten eher an den Würfel erinnert und nannten das Insekt Glückskäfer.

Aber warum sagt man in Ostdeutschland Mutze‑, Mutschekübchen? Das erklärt der hessische Name Muhkälbchen: Der Käfer hat Fühler, die an die Hörner einer Kuh erinnern. Mutschen ist 'muh machen' und Kübchen ist 'Kühchen', zu Küwe, einer Nebenform von Kühe. Dieser Lautwandel beruht auf derselben Gesetzmäßigkeit wie bei hessisch Kerwe, Kerb 'Kirchweih'.

 

 

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Echo Online

 

Datum: 09.08.2011

Aktuell: 09.02.2019