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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Abenteuerliche Piraten

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Der Sagenheld nimmt Abschied von seinen Eltern, ergreift sein Schwert, schwingt sich auf sein Ross und zieht in die Welt hinaus, um Abenteuer zu bestehen. Die lassen nicht lange auf sich warten. Schon an der nächsten Wegkreuzung lauert ein Drache. Der unerschrockene Bursche sticht ihn ab. Dann bedroht ihn ein Riese. Der junge Mann trickst ihn aus und zieht weiter, wird aber gleich von einem Ritter aufgehalten, der ihn zum Zweikampf herausfordert. So oder ähnlich gehen die klassischen Abenteuergeschichten.

Was ist denn ein Abenteuer? Dieses Wort ist die eingedeutschte Form von mittelhochdeutsch âventiure 'Begebenheit, Erlebnis', gesprochen "aventüre" und lautgerechte Schreibung des gleichbedeutenden, genauso gesprochenen altfranzösischen aventure. Das weitere ist normale deutsche Lautentwicklung ohne Umdeutungen und Hintersinn: Im Hochdeutschen entspricht v einem b (niederdeutsch leven, hochdeutsch leben) und mittelhochdeutsches iu wurde zum heutigen eu (liute, heute Leute).

Abenteuer gibt's ja heute nicht mehr, denn was der Sagenheld tat, sich buchstäblich "durchs Leben schlagen", seltene Tiere ausrotten, über Leichen gehen und Wertsachen rauben, gilt heute als kriminell. Was der junge Mann suchte, war aber etwas anderes: die Herausforderung mit der Möglichkeit, seine Fähigkeiten auf ungebahnten Wegen zu erproben und sich zu bewähren. Dafür sagen wir heute Adventure ("Ädventscher"), ein Wort aus dem Englischen, das dem vulgärlateinischen Mutterwort adventura näher ist, wenigstens in der Schreibung.

Wer Abenteuer erleben will, braucht Mut, Wagnisse einzugehen und Gefahren zu bestehen. Gefährlich kann jede Reise werden, ob zu Fuß durch den Dschungel oder mit dem Fahrrad zum Bäcker. Normalerweise haben wir es aber nicht mit bedrohlichen Situationen zu tun, sondern mit erfolgsgefährdendem Risiko, das selbst eine abenteuerliche Geschichte hat: Persisch rôz ist der 'Tag. 'Mittelpersisch rôzîg war 'das tägliche Brot', daraus arabisch rizg. Bei den Griechen wurde daraus rizikó 'Glück, Schicksal', alles mit stimmhaftem s. Die Italiener übernahmen es als risico 'das Glück, das der Geschäftsmann braucht und oft nicht hat'.

Echte Abenteurer im ursprünglichen Sinn sind die Piraten, die heute noch am Horn von Afrika ihr Unwesen treiben. Pirat kommt von griechisch peirân 'unternehmen, versuchen, erproben, erfahren'. Verwandt sind lateinisch periculum (deutsch Gefahr) und wohl auch der Namen der Friesen, die sich als Piraten betätigten. Auch die Franken, einstmals römische Söldner, waren Abenteurer, die wegen ihrer Raubüberfälle zu Land gefürchtet waren. Franco bedeutete im Romanischen 'dreist' und erst später 'freimütig, frei'.

 

 

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Echo Online

Sprachecke 27.09.2011

 

Datum: 27.09.2011

Aktuell: 02.08.2019