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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Spieglein an der Wand

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Im Spiegel können wir uns selbst sehen und das beobachten, was hinter uns ist. Er dient als sprachliches Bild für mancherlei Vergleiche.

Heute ist der Spiegel aus Glas. Im Altertum war er aus poliertem Metall. Die Römer nannten ihn speculum 'Betrachter'. Unsre Vorfahren machten daraus spiagal, Spiegel. Grundwort ist lateinisch specere 'hinsehen', verwandt mit spähen. Die Weiterbildung speculari 'Ausschau halten' ergab unser spekulieren 'zu erlangen trachten, mutmaßen'. Spectus 'gesehen' steckt in Fremdwörtern wie Aspekt 'Gesichtspunkt' und suspekt 'verdächtig aussehend'. Dem Spiegel sieht man seinen Migrationshintergrund nicht mehr an. Er hat seit mindestens 1200 Jahren einen deutschen Pass.

In Frankreich nennt man den Spiegel miroir, in England mirror. Zugrunde liegt lateinisch mirari 'sich wundern'. Im Romanischen hat dieses Wort die Bedeutung 'betrachten' angenommen (altfranzösisch mirer, spanisch mirar). Das altfranzösische mireor hatte noch die Bedeutung 'was man betrachten kann: Spiegel, Modell, Beispiel'.

Der schöne Narziss konnte sich noch nicht im Spiegel bewundern. Aber er sah sich im Wasser und verliebte sich in sein Ebenbild. Der Wasserspiegel war die älteste Art sich zu betrachten. Heute hat Wasserspiegel eine andere Bedeutung: die spiegelnde Wasseroberfläche. Der Meerespiegel ist nur bei Windstille glatt. Wir meinen damit den Pegel des Ozeans, von dem aus wir berechnen, wie hoch ein Berg ist. Der unterirdische Grundwasserspiegel ist unsichtbar und kann gar nicht spiegeln. Auch hier ist der Wasserstand gemeint, dessen Tiefe man messen kann. Beim Zuckerspiegel geht es um den Zuckergehalt des Blutes.

Kaum zu erkennen ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes bei Klassenspiegel, Mietspiegel, Notenspiegel, Pressespiegel, das sind überschaubare Zusammenfassungen. Vergleichspunkt ist, dass da etwas sichtbar gemacht wird, was sonst nur mühsam zu erkennen ist. So sind auch die Namen der mittelalterlichen Rechtssammlungen Sachsenspiegel, Schwabenspiegel zu verstehen: Da hat man die mündlichen Überlieferungen übersichtlich in einem Buch zusammengestellt.

Wenn Licht auf einem festen Körper auftrifft, wird es zum Teil zurückgeworfen, meist nur gestreut, bei glatten Oberflächen aber im selben Winkel, wie es angekommen ist. Der Fachmann sagt reflektiert, ein Fremdwort aus lateinisch re-flectere 'zurückbiegen'.
Die Rechtschreibung der verwandten Wörter ist für uns etwas verwirrend, denn die Substantive dazu heißen Reflex 'Widerschein, schnelle Reaktion auf einen Reiz' und Reflexion 'Spiegelung, Überlegung', so auch beim einfachen flektieren 'beugen, deklinieren, konjugieren' und Flexion 'Beugung'.

 

 

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Echo Online

 

Datum: 13.12.2011

Aktuell: 09.02.2019