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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Zählen und erzählen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Zählen können wir auch ohne Worte. Und doch scheint "Zahl" mit einem Wort zusammenzuhängen, das 'reden' bedeutet.

Bevor die Sumerer in Süd-Mesopotamien schreiben konnten, stellten sie "Lieferscheine" aus, indem sie für jedes Stück ein Steinchen in einen Topf legten, der versiegelt und mit der Ware ausgehändigt wurde. So konnte sich der Empfänger überzeugen, dass die gelieferte Menge stimmte. Ähnlich konnte man sich über den Preis einigen: Der Kunde legte ein Tauschobjekt nach dem anderen hin, bis der Händler zufrieden war.

Auch wir kennen noch solche analogen Zählmethoden: mit den Fingern oder mit Strichlisten. Sonst aber zählen wir digital mit Zahlwörtern und geschriebenen Ziffern. Wir brauchen also keine versiegelten Urnen mehr.

Was macht ein Reiseführer, der wissen will, ob wieder alle im Bus sind? Er kann die Namen der Teilnehmer einzeln aufrufen und auf der Liste abhaken. Meist aber begnügt er sich damit, für jede Person ein Zahlwort zu nennen. Das Zahlwort steht für ein beliebiges Element einer Menge, man muss also nicht die einzelnen Namen kennen. Zählen ist ein vereinfachter Denkvorgang.

Zählen scheint von Anfang an das Aufsagen von Wörtern bedeutet zu haben, also das Aufzählen allgemein. In Stammesgesellschaften ist es wichtig, seinen Stammbaum zu kennen, das ist der Ausweis für die Stammeszugehörigkeit. Man nennt dabei der Reihe nach die Namen der Vorfahren und kann zu jedem von ihnen auch eine Geschichte "erzählen". Die Namensliste ist nur eine Gedächtnisstütze und zugleich eine einfache Hilfe, die Vergangenheit als eine Kette von Namen und Geschehnissen zu begreifen, als Geschichte.

Dieses Nebeneinander von zählen und erzählen ist eine Eigentümlichkeit der germanischen Sprachen. Im Niederländischen ist es besonders deutlich: tal 'Zahl', taal 'Sprache' (englisch tale 'Erzählung'), tellen 'zählen', vertellen (englisch tell) 'erzählen'. Dazu gehört auch bezahlen, niederländisch betalen, eigentlich 'Münzen vorzählen'.

Damit ist auch fast schon die Frage beantwortet, woher Zahl kommt: Germanisch talan 'aufzählen' ist die ältere Schwester des mundartlichen dalen 'schwätzen'. Letzteres ist aus lallen 'unbeholfen sprechen' entstanden, ersteres aus der indogermanischen Vorstufe lala 'Zunge, Sprache, sprechen'. Zwei l in einem Wort galt als unschön, daher hat man das erste in d umgewandelt. Diesen Vorgang nennt man Dissimilation 'Aufhebung der Ähnlichkeit'. Dasselbe ist auch mit ungarisch dal 'Lied' geschehen. Die finnische Verwandte heißt laulu. Bei lateinisch laus/ laudis 'Lob' und deutsch Lied wurde das zweite l durch d ersetzt.

 

 

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Zahlwörter | Sprachecke 23.05.2006 | 30.05.2006 | 17.01.2012 | 24.01.2012 | 31.01.2012

 

Datum: 10.01.2012

Aktuell: 09.02.2019