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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Baum und Bäumin

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Ein Kind hat mich gefragt, warum man "der Baum" sagt, wo doch die meisten Baumnamen weiblich sind.

Die Menschen im Altertum glaubten, in den Bäumen wohne ein weiblicher Geist, eine Dryade. Das erklärt aber nicht, warum die Baumnamen weiblich sind. Wir müssen weiter fragen: Warum glaubten sie das? Weil die Früchte sozusagen die "Eier" sind, aus denen die "Jungen schlüpfen". Auch wenn es biologisch nicht ganz richtig ist: Die Bäume sind die "Mütter" ihres Nachwuchses, daher weiblich und von einer Dryade bewohnt.

Mit Baum war ursprünglich nicht das lebendige, Frucht tragende Gewächs, sondern das tote Holz (Stamm, Stock) gemeint. Daher ist dieses Wort männlich.

Ein Blick ins lateinische Wörterbuch ist ganz aufschlussreich: Da haben die meisten Baumnamen die männliche Endung -us, werden aber mit Adjektiven mit der weiblichen Endung -a verbunden: Mâlus ist der Mastbaum (verwandt mit Mast) und der Apfelbaum (zu mâlum 'Apfel'). Mâlus altus ist 'der hohe Mast', mâlus alta 'der hohe Apfelbaum'. Auch hier haben wir den Gegensatz zwischen dem männlichen Holzstück und dem weiblichen Baum.

Natürlich sind auch die mit Baum zusammengesetzten Wörter männlich wie Apfelbaum, Tannenbaum. Zu den Ausnahmen gehören ebenfalls die Baumnamen auf -der wie Flieder, Holunder, Wacholder. Diese Silbe kann nicht das germanische Wort sein, das in englisch tree 'Baum' erhalten ist, denn das war sächlich. Vielmehr handelt es sich um eine Endung.

Nicht weiblich sind auch lateinisch acer (sächlich) und die deutsche Entsprechung Ahorn (männlich). Das lateinische Wort hat den reinen Stamm des ursprünglichen haker. Eine Weiterbildung mit s, ohne anlautendes ha-, ergab kérasos 'Kirsche', k(u)rstós 'Horst: Gebüsch, Adlernest' [1] und ein paar Baumnamen in anderen Sprachen, die allesamt männlich sind. Der Ahorn war also nie weiblich und ist wohl ein altes Fremdwort im Deutschen und Lateinischen.

Ein weiterer Name dieses Baumes ist Maßholder, althochdeutsch mazzaltra. Dazu gehört Maser 'Knorren am Baum, die gewundenen Jahresringe in diesem Holz, die Holzzeichnung überhaupt'. Beide Wörter kommen über altfranzösisch madere, mazre, masere 'geädertes Holz', spanisch madera 'Holz' und lateinisch mâtéria 'Nutzholz', eigentlich 'Mutterstoff' von mâter 'Mutter'.

Auch das englische maple kommt aus dem Französischen: Wallonisch map ist eine Kurzform von marbre 'Marmor'. Gemeint ist wie bei Maser das "marmorierte" Muster im Holz.

Ahorn, Maßholder und maple sind also Fremdwörter. Das germanische Wort war hlunis mit Entsprechungen im Baltischen und Slawischen (litauisch klẽvas, russich kljon). In deutschen Dialekten heißt der Baum Lenne, Leinbaum.

 

 

[1] Der Vorname Horst kommt von altenglisch horsa 'Pferd'. Hengist und Horsa waren die Anführer der Angelsachsen, die nach Britannien auswanderten.

 

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Echo Online

Begriffe Baum | Sprachecke 23.01.2018

 

Datum: 24.04.2012

Aktuell: 09.02.2019