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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Himmelskönigin

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Sie steht immer in der Nähe der Sonne, läuft ihr als Abendstern hinterher oder geht als Morgenstern vor ihr auf: die Venus.

Die ersten Astronomen in Mesopotamien, die Sumerer, nannten sie Nin-ana 'Herrin des Himmels'[1]. Ihr Symbol war ein Stern mit acht Zacken. Die eingewanderten Ostsemiten erkannten in der Himmelskönigin ihre Göttin Ischtar (westsemitisch: Astarte).[2] Die beschäftigte sich weniger mit himmlischen als mit irdischen Angelegenheiten. Ihr Name bedeutet 'Reichtum', denn sie war für das Wohlergehen der Menschen zuständig, und das war von guten Ernten abhängig. Bodenfruchtbarkeit und Sexualität waren nach damaligem Denken zwei Aspekte derselben Sache. Astarte wurde also als Fruchtbarkeits- und Liebesgöttin verehrt. Ihr Kult war im ganzen semitischen Einflussbereich verbreitet. In der Bibel wird sie ebenfalls erwähnt.[3]

Die Phönikier verehrten sie auch in ihren Städten auf Zypern. Dort lernten die Griechen Aschtârt ha-Prudit 'Astarte, die Kolonistin' kennen und gaben ihr als Aphrodite[4] einen Platz auf dem Olymp. Sie wurde zunächst mit dem hinkenden Schmiedegott Hephaistos zwangsverheiratet und fand dann im Kriegsgott Ares einen Mann, der besser zu ihr passte. Im Olymp hatte sie nicht viel zu tun, denn um die Fruchtbarkeit kümmerte sich seit eh und je die "Erdmutter" Demeter, also konnte sich Aphrodite ganz auf die Liebe konzentrieren. Und auf die Schönheit.

Ihr entspricht die römische Venus. Auch sie ist ein Fremdling, den Griechen in Süditalien nachempfunden und mit dem lateinischen Wort für 'Liebeslust' benannt, verwandt mit unserm Wonne. Noch im Mittelalter war der Name der "Frau Venus" geläufig. Der Tannhäuser war ihr verfallen und konnte sich nur mit Mühe von ihr losreißen. Aphrodite und Venus waren also Inbegriff irdischer Wonnen. Erst um die Zeitenwende nannte man nach dieser Göttin den Planeten und war sich zunächst noch nicht einmal einig, ob man ihn nach der Liebesgöttin oder nach Juno, der obersten Göttin, benennen sollte.[5] Denn schließlich ist er nach Sonne und Mond der hellste Himmelskörper.[6] Juno hatte keine Chancen. Venus hat sich durchgesetzt.

Die mesopotamische Himmelskönigin wurde im Rahmen des assyrischen Gestirnkultes auch in Israel angebetet, was der Prophet Jeremia beanstandete.[7] Ihr Titel wurde später auf die Mutter Gottes übertragen und ist wichtiger Bestandteil des katholischen Marienglaubens.[8] Ein weiterer Ehrenname Marias ist Meerstern, eigentlich der Polarstern, der den Seefahrern die Richtung weist.[9] Die Evangelischen besingen Christus mit einem anderen Namen der Venus: als "Morgenstern" und als wegweisenden "Stern, auf den ich schaue".

 

[1] Inanna - Wikipedia (englisch). Ihr Name kommt in vielen Spielarten vor. Der bekannteste ist Inanna.

[2] assyrischer Beiname šarrat šamē 'Himmelskönigin' (MussArn 2,1122)

[3] biblisch Aschtorät, hebr. Lautentwicklung aus Aschtârt
Bibellexikon: Astarte

[5] Cicero: Venus; Plinius: auch Juno, Isis, Göttermutter (Kreuzdenker: antike Planetennamen)

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Sprachecke 01.08.2006 | 12.09.2006 | 21.12.2010 |  2012: 19.06. / 03.07. / 10.07.

Begriffe Sterne | Planeten | Sternbilder | Sternnamen | Mond, Monat | Sonne

 

Datum: 26.06.2012

Aktuell: 09.02.2019