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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Teilchenjagd

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Mit immer größerem Aufwand jagen die Forscher immer kleinere Teilchen und fragen, "was die Welt im Innersten zusammenhält".

Darüber hat nicht erst Faust gegrübelt [1], sondern damit haben sich schon die Philosophen seit 600 v. Chr. beschäftigt. Ist der "Zwist der Vater aller Dinge"? [2] Ist der Urstoff, aus dem alles entstanden ist, das Wasser [3] oder die Luft?[4] Als ob das so einfach wäre! Die zündende Idee hatte Leukipp im 5. Jahrhundert v. Chr.: [5] Die Welt besteht aus unterschiedlichen Teilchen, die sich nicht weiter aufspalten lassen, genannt átomoi 'Unteilbare' Web (a- 'un-' und tomê 'das Schneiden', das auch in Ana-tomie 'das Aufschneiden' steckt). Dass sie sich doch teilen lassen, weiß man erst seit 1938 [6].

Die von Leukipps Schüler Demokrit [7] weiter entwickelte Atomtheorie war im Altertum nur eine unbeweisbare Schulmeinung. Man hat sich lieber an das gehalten, was man sehen kann. Empedokles [8], ein Zeitgenosse Leukipps, fasste die Thesen seiner Vorgänger zusammen in der Lehre von den vier rhizômata 'Wurzeln' Web Erde, Wasser, Luft und Feuer [9], anschaulich und leicht zu verstehen. Jahrhunderte später kam der Begriff stoikheîa 'Stäbchen' auf, eigentlich die Grundstriche der Buch"staben" Web und dann verallgemeinert als 'Grundbestandteile'. Web

Die Römer übersetzten diesen Ausdruck mit eleménta (Einzahl ele-méntum), ursprünglich die Laute, aus denen die Wörter gebildet sind. Ele- war ein Schallwort, zum Beispiel im griechischen Schlachtruf "eleleleu" und mit Schwerpunktverlagerung in lateinisch lâ-méntum 'Wehklage' (daher unser lamentieren 'jammern'). [10]

Leukipps Theorie von den Atomen und die verständlichere Lehre von den Elementen schlossen einander aus. Wer das eine glaubte, konnte das andere nicht für richtig halten. Oder doch? In der modernen Naturwissenschaft sind die ehemals spinnefeinden Begriffe friedlich vereint. Denn Elemente im heutigen Sinn sind Substanzen, die nur aus einer Atomsorte bestehen, nicht aus chemischen Verbindungen, Mischungen oder Legierungen. Wasser zum Beispiel besteht aus den Elementen Sauerstoff und Wasserstoff.

Das verstehen wir heute unter Elementen. Wir gebrauchen dieses Wort aber immer noch auch im ursprünglichen Sinn. Beim "Toben der Elemente", auf stürmischer See, bei Erdbeben oder Feuersbrunst, geht es um ihre Gewalt, nicht um ihre materielle Beschaffenheit.

Wenn jemand über sein Lieblingsthema redet, eine Köchin in der Küche rumort oder Jugendliche ihre Fähigkeiten auf dem Skateboard üben, dann sagen wir, sie seien "in ihrem Element", also in einem Milieu, in dem sie sich auskennen und wohlfühlen, wie der Vogel in der Luft oder der Fisch im Wasser. Auch diese Redensart knüpft an die Lehre von den vier Elementen an.

 

[1] Faust I 1 Nacht (383 f) Wikisource

[2] Heraklit – Wikipedia (um 500). Bekannter ist die Formulierung "Der Krieg ist der Vater aller Dinge." Gemeint ist aber nicht die militärische Auseinandersetzung, sondern dass die Welt von ihren Gegensätzen lebt.

[10] Web. -mentum ist eine Anfügung, mit der man neue Wörter bildet:

instrúere 'herstellen' - instruméntum 'Werkzeug'

adiuvâre 'helfen' - adiuméntum 'Hilfsmittel'.

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Datum: 31.07.2012

Aktuell: 09.02.2019