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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Wandelbarer Kürbis

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Er wächst im Garten, zentnerschwer, und zeigt jetzt ein von innen beleuchtetes Gesicht: der Kürbis.

Das ist nicht alles, was er kann: Leckere Gerichte lassen sich daraus machen: Suppe, Gemüse, süßsauer eingelegt, Kürbistarte. Selbst die Kerne sind essbar - alles in allem sehr gesund. In den heißen Ländern macht man aus der getrockneten Hülle Gefäße (Kalebassen).

Wandelbar ist der Kürbis nicht nur, was seine Verwendung anbetrifft. Es gibt viele Sorten, riesengroß und klein wie Tischtennisbälle, giftige Koloquinten, ungenießbare Zierkürbisse, essbare Gartenkürbisse, Flaschenkürbisse, längliche Zucchini und sogar eine besondere Züchtung für Halloween.[1]

Der Name dieser Frucht stellt aber in ihrer Wandelbarkeit alles in den Schatten, was Küche und Garten zu bieten haben: Es ist kaum zu glauben, dass Kürbis, Kalebasse und Zucchini auf dasselbe Grundwort quer-quer-t(i)a- zurückgehen. Web  

Wie die kugelrunden Kürbisse stammen auch die länglichen Zucchini aus Amerika, wurden aber in Italien weitergezüchtet und bekamen dort ihren Namen 'kleine zucca' (Kürbis). Dieses Wort aus dem Dialekt von Florenz hat die umgekehrte Lautfolge wie das römische cozza. Das ist eine verkürzte Form von curcutia. Z ist aus ti- entstanden.

Die einheimische Art ist der Flaschenkürbis, der in Sizilien carabazza heißt. Übers Spanische und Französische kam der Name Kalebasse zu uns. Carabazza wäre keltisch carapartia mit gemurmeltem ar (aus querequertia[2]) Dissimilation ("Entgleichung") der beiden qu und keltischem p aus qu[3]. Bevor das zweite r schwand, haben die Spanier das erste in l umgewandelt[4], daher calabaza und unser Kalebasse.

Das deutsche Wort Kürbis stammt von lateinisch cucúrbita, das wäre cu-curqvita mit "stotterndem Anlaut" und verhärtetem v.

Zu den Kürbisgewächsen[5] gehören auch Gurke und Melone. Beide Namen sind aus dem Griechischen. Den Griechen war es wichtig, dass die Gurke unreif, die Melone aber reif gegessen wird: Gurke Web kommt über altpolnisch ogúrek und mittelgriechisch ághuri von altgriechisch á-ôros 'unzeitig, unreif' (zu a- 'un-' und hôra 'Stunde').

Die Melone Web heißt mit vollen Namen auf Griechisch mêlo-pépôn: Mêlon ist der Apfel und pépôn 'gereift', eigentlich 'gekocht'. Im Lateinischen sind die beiden Wörter noch vereint. Im Romanischen gingen sie ihre eigenen Wege: Italienisch melone wurde im 15. Jahrhundert unverändert ins Deutsche übernommen. Bis dahin hatte man das französische pepon, althochdeutsch pépano. Über nicht registrierte Dialektwörter wurde daraus das veraltete süddeutsche Pfebe: alles Wörter für 'Melone'.

Auch Gurke und Melone sind wandelbar. Mit dem Kürbis aber können sie nicht mithalten.

 

[2] ähnlich gallisch carros = lateinisch currus 'Wagen' aus kersos 'Renner' | Web

[3] wie in gallisch epos = lateinisch equus 'Pferd' |  Web

[4] ähnlich lateinisch murmur > deutsch Murmel(tier)

 

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Echo Online

 

Datum: 30.10.2012

Aktuell: 09.02.2019