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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Der gestiefelte Kater

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Und ist er noch so arm: Mit Klugheit, Tricks und Charme gewinnt manch einer großes Land, am Schluss auch der Prinzessin Hand.

Ein junger Mann hat einen Kater geerbt von seinem toten Vater. Er rüstet ihn mit Stiefeln aus, lässt ihn zum Mausen aus dem Haus. Der fängt sich Vögel voller List, wie sie der König gerne isst. Und eilend in das Schloss er dringt und sie dem König überbringt mit Gruß vom Grafen Soundso. Da war der König aber froh. Der Kutscher fischt den Grafen gleich ganz unbekleidet aus dem Teich. Der Kater annektiert sodann mit Tricks, die nur ein Kater kann, des Zaubrers Land im Dauerlauf und frisst den alten Hexer auf. Der Graf, wie kann es anders sein, der kriegt des Königs Töchterlein. Web

Wenn der Kater nicht wäre, könnte man meinen, der Müllersohn wäre ein Hochstapler, der sich als Graf ausgibt. Dass ihm die Kleider gestohlen worden seien, ist ein alter Gaunertrick, um an standesgemäße Garderobe zu kommen. Der angebliche Graf beeindruckt den König mit fremdem Besitz und erschwindelt sich damit die Hand der Prinzessin.

Es ist aber nicht der Mensch, der handelt, sondern der Kater, der Mensch spielt. Die Stiefel machen ihn menschenähnlich. Er ist der gute Geist des Helden, der tierische Instinkt, der ihn stets das Richtige tun lässt. Er denkt voraus und plant, so dass der junge Mann zu Geld, Grundbesitz und einem Haus kommt und schließlich heiraten kann.

Dieses Märchen von Grimm kommt wie viele andere über Frankreich (Charles Perrault: "Der Meisterkater oder Der Gestiefelte Kater" 1697)[1] aus Italien (Giambattista Basile: "Gagliuso" 1634-36)[2]. Ludwig Tieck[3] hatte schon 1797 diesen Stoff bearbeitet[4], mit zwei bemerkenswerten Einzelheiten, die in der Grimmschen Fassung übergangen werden:

Der angebliche Graf heißt Carabas, so auch schon in der französischen Fassung. Türkisch karabaş, eigentlich 'Schwarzkopf', bedeutet auch 'Junggeselle'.[5] Der Graf ist also noch zu haben. Karabaş hieß auch ein Stadtviertel in Istanbul, in dem Zigeuner lebten.[6] Wen wundert's, dass der König diesen Namen nie gehört hat?

Leichter zu verstehen ist Popanz 'Schreckgespenst' Web, so heißt bei Tieck der Schlossbesitzer, der vom Kater gefressen wird. Er kann sich in einen Löwen und in eine Maus verwandeln, spielt sich also gegenüber seinen Pächtern auf und brüllt sie an, kuscht aber vor dem Landesherrn. Nach Grimm ist dieser Landjunker ein "Zauberer", er kann sich ja verwandeln. Im französischen Märchen wird er ogre, deutsch Oger, genannt. Das ist hier die Karikatur eines menschenverachtenden Feudalherrn. In anderen Märchen Perraults will der Oger Kinder fressen.[7] Ogre, italienisch orco, ist ein Wesen aus der Hölle (lateinisch orcus). Web

 

[1] Charles Perrault – Wikipedia: "Le Maître Chat ou Le Chat Botté", deutsch

[7] "La Belle au Bois dormant" ("Dornröschen", deutsch): In der Fortsetzung stellt sich heraus, dass die Mutter des Prinzen eine Oger-Frau ist.
"Le Petit Poucet" ("Der kleine Däumling", deutsch), ähnlich wie "Hänsel und Gretel": Im Wald ausgesetzte Kinder finden ein Haus, in dem ein Oger wohnt. Sie werden von dessen Frau beschützt.

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Datum: 05.03.2013

Aktuell: 09.02.2019