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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Ritzen, malen Schreiben

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Die Kunst des Schreibens soll uns in den nächsten Wochen beschäftigen. Heute geht es um die Schreibtechnik mit Griffel und Feder.

Ein junger Isländer legte der Nachbarstochter ein Stück Fischbein mit geheimnisvollen Zeichen unters Kopfkissen. Das sollte ein Liebeszauber sein, war aber falsch geschrieben und hätte dem Mädchen beinahe das Leben gekostet.[1]

Diese Zauberzeichen waren Runen, germanische Buchstaben. Rûna bedeutete 'Geheimnis' und 'magisches Zeichen', mit dem die Germanen auch die Zukunft zu erforschen versuchten. Das Wort ist verwandt mit altnordisch raun 'Untersuchung' und griechisch erneunân 'erforschen'.[2] Die Zeichen wurden normalerweise in Holz geritzt (englisch write 'schreiben')[3], wegen der Holzfasern mussten die Querstriche schräg laufen. Die Germanen hatten diese Schrift in vorchristlicher Zeit in Norditalien kennengelernt und selbständig weiterentwickelt.[4]

[5]

Die Südgermanen lernten lesen und schreiben von den Römern und übernahmen das lateinische scrîbere  als skrîvan 'schreiben'. Davon abgeleitet ist skriftus 'Schrift', das gebildet ist wie lateinisch scriptum 'das Geschriebene'.[6] Auch scrîbere hat 'ritzen, kratzen' bedeutet. Die Römer ritzten noch in der Kaiserzeit ihre Notizen mit einem Griffel auf wachsbezogene Tafeln.

Das erste Buch in germanischer Sprache war die gotische Bibel, übersetzt von Bischof Wulfila (311-83).[7] Der Text ist in einer kostbaren Abschrift aus der Zeit um 500 erhalten, mit silbernen und goldenen Buchstaben auf purpurfarbenem Pergament.[8] Wulfila schrieb mit griechischen Buchstaben und erfand neue Zeichen für Laute, die es in diesem Alphabet nicht gab, teilweise von der lateinischen Schrift und den germanischen Runen beeinflusst.[9]
Aus der Übersetzung lässt sich auch der germanische Sprachgebrauch für das Schreiben erkennen:

,

er malte Buchstaben, mit Tinte auf Pergament. Bôka nannten die Germanen ursprünglich die Tafel aus "Buchen-" oder anderem Holz, auf der die Römer im holzreichen Norden mit Tinte ihre Briefe "malten". Viel Text brachte man auf den postkartengroßen Platten nicht unter, für längere Schreiben benötigte man mehrere, daher die Mehrzahl.[10] Wulfila verstand unter bôkôs den Pergamentband. Die Einzahl bôka war nicht das Blatt, sondern das einzelne Schriftzeichen.[11] Bei diesen unterschied er stafs und writs, "Stab und Ritz", den senkrechten Grundstrich und den Schrägstrich. Diese beiden Ausdrücke stammen noch aus der Runenschrift. Der Buchstabe ist demnach der Stab eines lateinischen Zeichens, das auf eine Tafel gemalt war.[12]

Die nordischen Runen und Wulfilas Zeichen waren noch lange in Gebrauch, bis sie vom lateinischen Alphabet verdrängt wurden.

 

[5] Inschrift aus Freilaubersheim, Web. Geschrieben ist wraet (lateinische Schreibweise für ai)

[11] Das liegt an der Übersetzung. Im Griechischen und im Lateinischen bedeutet die Mehrzahl von 'Buchstabe' auch 'Schriftwerk'.

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Begriffe Schrift

 

Datum: 07.04.2013

Aktuell: 09.02.2019