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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Bauen und wohnen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wer wohnen will, muss bauen. Wem das nicht reicht, muss anbauen. Und wer nicht verhungern will, muss ebenfalls anbauen.

Früher musste man selbst mit Hand anlegen. Heute überlassen wir das den Spezialisten, den Baufirmen, Bauherren und Bauern.
Es ist ein verwirrendes Durcheinander von bauen 'Häuser errichten / Pflanzen züchten' und Bauer 'Landwirt / Vogelkäfig'. Wenn wir der Geschichte dieser Wörter nachgehen, wird's erst mal noch verwirrender, aber dann entdecken wir doch überraschende Zusammenhänge:

Indogermanisch bhû- war 'sein, existieren', heute noch zu erkennen in bin, bist. Von da ist es nur ein kleiner Schritt zu 'werden' (lateinisch fu-isse 'gewesen sein', fi-eri 'werden') und zu 'sich aufhalten, wohnen' (althochdeutsch bûan 'wohnen'). Wir Menschen begnügen uns aber nicht mit dem untätigen Dasein, wir wachsen selbst und sorgen dafür, dass etwas wächst, als Acker- wie als Hausbauer. Daher bedeutete schon althochdeutsch bûan nicht nur 'wohnen', sondern auch 'das Feld bestellen'. Das heutige bauen 'ein Haus errichten' ist abgeleitet von Bau 'Wohnung, Gebäude', hat also eine eigene Geschichte.[1]
Bauer war ursprünglich nicht 'Ackermann', sondern 'Bewohner' und geht nicht direkt auf bauen zurück, sondern auf althochdeutsch bûr 'Haus', dessen Nebenbedeutung 'Käfig' zum Vogelbauer führte.
[2] Gi-bûr war der 'Mitbewohner', daraus verkürzt ist unser Bauer 'Dorfbewohner' und Nach-bar (nâch-gibûr), der im Haus nebenan wohnt. Da früher im Dorf fast alle von der Landwirtschaft lebten, bekam Bauer die heutige Bedeutung 'Landwirt', verstanden als 'Anbauer, Pflanzenzüchter'.
In der Nähe von Weinheim gab es 1095 einen Ort Burion 'Hausen', der einzige Beleg in unsrer Gegend.
[3] Ähnliche Ortsnamen anderswo lauten Büren,[4] Beuron,[5] Beuren.[6] Das alte gibûr setzt sich fort im Familiennamen Gebau(e)r, oft vorne betont, daher auch Gehbauer geschrieben.

Wer ein Dach überm Kopf hat, kann glücklich sein, denn ein "eigener Herd ist Goldes wert", leider oft unbezahlbar. Es ist eine "Wonne" in den eigenen vier Wänden zu "wohnen". Beide Wörter sind verwandt: Germanisch wunjan war 'sich wohlfühlen, wohnen'[7], und ist abgeleitet von wunja 'Wohlbehagen, Wonne'.[8]

Die kleinste Siedlungseinheit ist das Haus, ein gemeingermanisches Wort, das als hûsam im Ablaut steht zu husa(n) 'Hose' und altnordisch hauss 'Schädel'. Grundbedeutung ist also 'Hülle, Behälter'.[9]

Hütte (vorgermanisch kutja)[10] ist verwandt mit Kate und Kote (vorgermanisch kota, kuta), die wegen k- statt h- nicht germanisch, also Fremdwörter sind.[11] Bei Ortsnamen erinnert Hütte[12] manchmal an eine frühere Fertigungshalle für Eisen (Hüttenthal),[13] Ziegel (Thomashütte)[14] oder Glas (Glashütte, heute Seidenbuch).[15]

 

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Datum: 29.07.2013

Aktuell: 09.02.2019