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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Wallende Pilger

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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In ihrer Vorfreude auf die Reise geriet der frommen Frau das Blut in Wallung und sie vergaß beim Packen auch die Pelerine nicht.

Eine Pelerine ist ein Regenumhang, ursprünglich nur ein zusätzlicher Schutz für Schultern und Arme.[1] Für wallende Pilger war das ein unentbehrliches Kleidungsstück. Der Name kommt aus dem Französischen: Pèlerin ist der Pilger und pèlerine sein Gewand.

Wieso aber "wallende Pilger"? Nicht weil ihr Blut in Wallung gerät oder weil sie wallende Gewänder tragen, sondern weil sie eine Wallfahrt machen. Wallen kann zwei Bedeutungen haben: Die gewöhnliche ist 'Wellen schlagen, hin und her wogen'. Die ungewöhnliche ist 'pilgern, eine Wallfahrt machen', heute kaum noch gebräuchlich und nur noch aus alten Liedern bekannt: "Pilger sag, wohin dein Wallen mit dem Stabe in der Hand?"[2]
Ohne dass er es ahnte, hat der unbekannte Dichter angedeutet, woher das Pilgerwallen kommt: Es gehört zu germanisch walus 'Wanderstab'. Der lateinische vallus 'Pfahl' ist dasselbe, nur größer, entstanden aus volnós 'zum Stab gehörig'. Im Germanischen gibt es nur das Verb, althochdeutsch wallôn, altenglisch weallian 'den Wanderstab nehmen, reisen, ein fernes Heiligtum aufsuchen' Die alten Friesen nannten den Pilger walu-bera 'Stabträger'. Das bestätigt diese Erklärung.[3]

Pilger ist nicht germanisch, sondern kommt aus dem Lateinischen. Peregrinus war der Fremde überhaupt, der Zugezogene wie der Durchreisende, der "per agrum", durch die Gemarkung zog. Im kirchlichen Sprachgebrauch bekam peregrinus die Bedeutung 'Pilger, der zu einer heiligen Stätte wandert'. Da zwei r in einem Wort unbequem sind, sagte man schließlich pelegrinus, daraus nochmals vereinfacht französisch pèlerin 'Pilger' und pèlerine 'Pilgerumhang'.
Das deutsche Wort war piligrîm, mit Umlaut vor dem langen î, und mit m, das wohl durch eine falsche Deutung entstanden ist. Pilgrim findet sich noch in der älteren Literatur, heute sagen wir Pilger, ohne die Anfügung.[4]

Wallfahrten zu Gedenkstätten gibt es nicht nur im Christentum und nicht nur bei den Religionen. Die Russen pilgern heute noch zum Grab des Atheisten Lenin auf dem Roten Platz in Moskau[5] wie bei uns die Katholiken nach Maria Einsiedel oder Dieburg.
Besonders erwähnenswert ist die Wallfahrt der Muslime nach Mekka, der Hadsch, gleichen Ursprungs wie hebräisch chag 'Fest'.[6] In biblischer Zeit feierten die Juden ihr Passa (Ostern), Wochenfest (Pfingsten) und Laubhüttenfest (Herbstanfang) in Jerusalem. Auswärtige mussten also zum dortigen Tempel wallen.

John Bunyan hat in seinem Buch "Pilgerreise zur seligen Ewigkeit" (1678)[7] gezeigt, dass wir unser ganzes Leben als Wallfahrt verstehen können.

 

 

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Echo Online

Begriffe: reisen

 

Datum: 08.10.2013

Aktuell: 09.02.2019