Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Wahrheit und Muckefuck

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

Nicht nur im Wein, sondern auch im Muckefuck ist Wahrheit, die wir herauslesen können wie die Wahrsagerin aus dem Kaffeesatz.

Im Restaurant Blümchenkaffee, bei dem das Muster auf dem Tassenboden zu sehen ist[1], wäre nicht in Ordnung. Malzkaffee auch nicht, wenn Bohnenkaffee bestellt ist. Manche mögen ja den Kaffee nicht zu stark und verdünnen ihn freiwillig, brühen ihn aus Sparsamkeit zweimal auf oder trinken lieber Kaffeeersatz. Das kann jeder halten, wie er glaubt, dass es ihm gut tut.

Muckefuck ist Zichorienkaffee[2], Malzkaffee, Blümchenkaffee. Aber warum heißt er so? Auch das ist Glaubenssache. Denn es gibt mehrere Meinungen oder, wenn man so will, mehrere Wahrheiten.
Nach der ältesten ist Muckefuck eingedeutscht aus französisch mocca faux, falscher Mokka. Mokka ist eine Kaffeesorte und eine bestimmte Zubereitungsart.[3] Muckefuck ist Kaffeeersatz. Wenn man keine echten Mokkabohnen bekommt, nimmt man halt andere. Filterkaffee statt türkischem Mokka tut's zur Not auch. Zu Ersatz greift man, wenn es überhaupt keine Kaffeebohnen gibt.[4] Die Erklärung aus dem Französischen kann also nicht stimmen und wird heute allgemein abgelehnt.
Was aber sollen wir glauben? Genauso einmütig schreiben die Erklärer: Muckefuck kommt aus dem Rheinischen, wo Mucken 'brauner Holzmulm' und fuck 'faul' bedeutet.[5] Das ist aber nur die halbe Wahrheit: Denn rheinisch muckefuck bedeutet einfach 'faul', dann erst 'Faules: verrottetes Holz (Mulm)' sowie 'unreifes Getreide, schlechtes Spinngut, Kaffeeersatz'. Soweit, so gut. Und weiter? Mucke- lässt sich zurückführen auf ein Wort für 'Sumpf', altnordisch myki 'Dung', verwandt mit hessisch Mook, Mock, Muck 'Mutterschwein' (das sich im Sumpf suhlt) und lateinisch mûcus 'Schleim'.[6] Und fuck 'faul' ist das altnordische fúki 'Gestank', isländisch fúkki 'Moder', wie unser faul erweitert aus indogermanisch peu- 'pfui, faul'.[7]
Die Bedeutungen des rheinischen Wortes kann man nachschlagen[8], altnordisch myki und fuki ebenfalls.[9] Ob aber Muckefuck tatsächlich damit zusammenhängt, ist Glaubenssache und lässt sich nicht beweisen. Der Erfinder dieses Wortes hat uns keine Erklärung hinterlassen.

Wenn man etwas nicht beweisen kann, dann ist es egal, was man glaubt, und dann kann man alles behaupten. Oder? Nein, es muss eine Wahrheit geben, auch wenn wir sie vielleicht nie erkennen.[10] "Mocca faux" ist eindeutig falsch. Am "Holzmulm" ist etwas faul. Auch "myki-fúki" kann stinkender Mist sein. Da zählen nicht unsre Meinungen, sondern allein die noch unbekannten Fakten. Die sind mit Logik nicht immer zu erschließen.

Das Blümlein der Wahrheit ist kaum zu erkennen. Das liegt nicht am Kaffee, sondern es ist mit der Zeit verblasst.

 

[1] Orestes, Der Dreßdnische Mägde-Schlendrian S. 47 (1729; nach Lutz Röhrich, Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten 1,222)

[2] Zichorie ist ein anderer Name der Wegwarte. Das Ersatzgetränk wird aus den Wurzeln gewonnen. (Muckefuck – Wikipedia)

[4] Dass sich mocca / mokka faux im Französischen nicht nachweisen lässt, ist kein Argument. Denn es gibt in Frankreich auch keinen friseur, der frisiert.

[5] Muckefuck – Wikipedia, so auch in allen etymologischen Wörterbüchern; die ich einsehen konnte

 

nach oben

Übersicht

 

Echo Online

Begriffe: Wahrheit und Lüge | Sprachecke 26.06.2007 | 13.07.2010 | 05.11.2013 | 22.05.2018

 

Datum: 05.11.2013

Aktuell: 15.05.2018