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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Glaube und Aberglaube

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Leserfrage

 

"Glaube, dem die Tür versagt, dringt als Aberglaub' durchs Fenster. Wenn die Götter ihr verjagt, kommen die Gespenster."[1]

Ob Emanuel Geibel an Menschen dachte, die das kirchliche Christentum ablehnten und sich dem Spiritismus zuwandten? Dort versucht man sich über Medien mit den Toten ("Gespenstern") in Verbindung zu setzen und von ihnen die Zukunft zu erfahren.

Aberglaube, lateinisch superstitio, ist eine verächtliche Bezeichnung für Vorstellungen und Bräuche, die wir als primitiv empfinden. Bei den heidnischen Römern galt superstitio als falsche oder übertriebene Frömmigkeit.[2] Mittelalterliche Wörterbücher erklärten das lateinisch Wort mit 'Zauberei' und 'Wahrsagen': Man glaubte, mit Hilfe von Geistern oder des Teufels die Natur überlisten ("zaubern") und die Zukunft voraussagen zu können. Zauberei und Wahrsagen gelten auch heute als typische Ausdrucksweisen des Geisterglaubens.
Warum sagen wir Aberglaube? In Zusammensetzungen lässt aber 'jedoch' einen früheren weiteren Sinn erkennen, unter anderem 'wieder' (abermals) und 'wider, gegen' (Abersinn 'Widersinn', Aberhaken 'Widerhaken').
[3] Aberglaube kann man also verstehen als 'Gegenteil von Glaube', entartete Religiosität, falsche Vorstellungen.[4]

Beim Glauben geht es nicht um unbeweisbare Vermutungen, die wir selbst anstellen, sondern dass wir dem zustimmen, was wir gelernt haben. Auch Wissenschaftler müssen "glauben" und bauen ihre Erkenntnisse auf den Lehren ihrer Vorgänger auf. Wir können weder in Wissenschaft noch in Religion jedesmal beim Nullpunkt anfangen.
Glauben (alt ge-lauben)
[5] ist Vertrauenssache, verwandt mit erlauben, lieben, und loben.[6] Es geht also um eine positive Einstellung zu Personen, Gruppen oder Überzeugungen. Liebe nimmt den Menschen, wie er ist. Und Glaube stimmt einer Lehre grundsätzlich zu, auch wenn er nicht alles versteht.
Glaube ist ein typisch christlicher Begriff. Andere Religionen verstehen sich als Lebensweise (Juden) oder Hingabe (Islam).
[7] Im Christentum scheinen die Dogmen die wichtigste Rolle zu spielen. Eine gemeinsame Überzeugung ist ja für den Zusammenhalt einer Gruppe notwendig. Sogar Firmen pflegen ihre "Philosophie". Das christliche Glauben hat aber einen anderen Ursprung und bedeutet eigentlich 'Vertrauen'. Jesus hat Kranke geheilt. Warum nicht? Aber wer ihm das nicht zutraute, dem konnte er nicht helfen.[8] Der beste Arzt ist machtlos, wenn wir ihm nicht vertrauen. So hat der christliche Glaubensbegriff angefangen. Die Anerkennung von Lehren ergab sich daraus von selbst: Auch der moderne Patient muss erst mal einer Empfehlung glauben. Erst dann kann er Erfahrungen machen - wie in der Religion.

 

[1] Emanuel Geibel (1815-84): Werke, Band 2, Leipzig und Wien 1918, S. 163 (Zeno)

[8] Matthäus 13,58  "Und er tat dort nicht viele Zeichen wegen ihres Unglaubens."

   

 

Leserfrage

Warum unterscheiden wir "das Glauben" und "der Glaube"?

 

Meine Antwort:

Das Glauben, Laufen, Kochen, Schreiben, Fliegen sind Verben, die als Substantive gebraucht und großgeschrieben werden. "Das Laufen fiel ihm schwer", d.h. er konnte kaum noch laufen. "Das Kochen macht dir Spaß", du kochst gern. "Beim Schreiben mache ich immer wieder Fehler", ich verschreibe mich dauernd. Man kann also diese Wörter wieder in Verben zurückverwandeln und den Satz anders und verständlicher formulieren.

Diese Wörter gehen aber nahtlos über in Fälle, wo es sich um echte Substantive handelt: "Er aß und verschluckte sich > Er verschluckte sich beim Essen", wie oben. Aber: "Das Essen war gut und schmackhaft", da ist nicht gemeint , dass jemand aß, sondern die Speise, die auf dem Teller war. Das Leben ist auch mehr als 'nicht tot sein', es umfasst unsre ganze Existenz, unser Schicksal, alles was um uns herum geschieht und noch viel mehr. Da hat das großgeschriebene Essen, Leben eine anderes Bedeutung bekommen als die kleingeschriebenen Wörter.

Diese Wörter haben noch die Form des ehemaligen Verbs mit der Endung -en. Nächster Schritt sind echte Substantive, die anders gebildet sind, wie Lauf, Flug, Schlaf, Hass, Liebe, Freude. Natürlich kann man auch da umwandeln: "Er hat einen guten Schlaf > er schläft gut." Aber das geht nicht immer. "Der Schlaf ist der Bruder des Todes", in beiden Fällen liegt man regungslos da. Aber man denkt da an den Sensenmann und eine entsprechende Gestalt wie den alten Gott Morpheus, in dessen Armen wir liegen, wenn wir gut schlafen.

Lauf ist nicht bloß, wenn man läuft, das kann auch eine Veranstaltung sein (Marathonlauf) oder das Rohr eines Schießgewehrs. Da hat sich das ehemalige Verb ganz verdinglicht. So auch bei der Glaube, das ist nicht nur, wenn man glaubt, sondern auch was man glaubt, die Religion oder Konfession sogar das Glaubensbekenntnis, das man in der Kirche spricht.

Der Glaube, des Glaubens, dem Glauben, den Glauben ist eine seltene Bildung. Dazu fällt mir nur noch der Gedanke ein. Das sind dieselben Endungen wie bei Hase / Hasen oder Name / Namen, nicht wie bei glauben und denken. Und der Urlaub / Urlaubs, aber mit anderen Endungen. Die Entstehung von Glaube, Urlaub und Gedanke ist ziemlich kompliziert, sie gehen nicht von Verben aus (glauben, erlauben, denken), sondern von einem alten Laub 'positives Verhältnis' und Dank 'was man denkt' (heute 'Erwiderung einer Wohltat').

Das Wort glauben gab es offenbar schon in vorchristlicher Zeit, aber es hat seine Bedeutung aus dem Lateinischen. Die Römer unterschieden fides 'Glaube' und credere 'glauben' (wie bei uns sterben und Tod). Wahrscheinlich meinte man, für fides nicht einfach "das Glauben" sagen zu können, sondern bildete "der Glaube", damit man den Unterschied merkt.

   

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Übersicht

 

Echo Online | Sprachecke 10.12.2013

Kreuzdenker, Begriffe: Glaube, Unglaube, Andersglaube

 

Datum: 03.12.2013

Aktuell: 09.02.2019