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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Ihr Kinderlein kommet

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Das beliebte romantische Weihnachtslied von Christoph von Schmid lädt Kinder ein, das Jesuskind in der Krippe anzubeten.[1]

Weihnachten ist der Gedenktag an die Geburt Jesu, ein willkürlich gewählter Tag, denn das Geburtsdatum ist nicht überliefert. Es hat keinen Sinn darüber zu spekulieren, auch nicht über den Geburtsort. In der Bibel steht "Bethlehem". Andere Informationen haben wir nicht. Wer das nicht glauben will, kann ehrlicherweise nur sagen: "Ich weiß es nicht."

Was bleibt übrig, wenn wir alles weglassen, was wir mit Weihnachten verbinden, Tannenduft und Geschenke, "Ihr Kinderlein kommet" und die Menschwerdung Gottes? Der Gedenktag an einen großen Menschen! Seine programmatischen Worte sind es wert, danach zu leben.[2] Jesus kann nichts dafür, wenn manche Christen seine Gebote nicht halten. Der Hindu Gandhi aber hat das Wort von der Feindesliebe und Gewaltlosigkeit ernst genommen und Geschichte gemacht.[3]

Es lässt sich nicht leugnen, dass sich Jesus als Gottes Sohn oder Gottes Kind verstanden hat - beide Ausdrücke lassen sich nicht immer genau unterscheiden. Auch die Gläubigen werden in der Bibel Gottes Kinder oder Söhne genannt. Dazu bedarf es keiner Jungfrauengeburt. Wahrscheinlich bezieht sich Jesus auf das vorchristliche Buch der Weisheit (2,13), nach der sich der Gerechte Gottes Kind nennt.[4]

Unter Sohn verstehen wir den männlichen Nachkommen. Tochter ist anders gebildet, wie Vater, Mutter, Bruder mit der indogermanischen Anfügung -têr, das wohl 'Haus, Familie' bedeutet. Toch-, indogermanisch dhugh- bedeutet 'Milch geben'.[5] Die Tochter war also der 'Säugling des Hauses'.
Die Wörter auf ‑têr sind indogermanische Neubildungen.[6] Das Wort Sohn dagegen ist viel älter, wie chinesisch sun 'Enkel' und koptisch (neuägyptisch) son 'Bruder' zeigen.[7]

Kind hat zwei Bedeutungen 'Nachkomme' - das bleiben wir unser Leben lang - und 'Mensch vor der Pubertät', der aus den Kinderschuhen herauswächst. Grundlage ist indogermanisch g'entóm 'das Geborene'. G'en- 'zeugen, gebären'[8] ist dasselbe Wort, das in kennen steckt:[9] Unsre Kinder sind Menschen, die wir kennen, und die entstehen, wenn Mann und Frau miteinander vertraut werden.[10]

Den männlichen Beitrag dazu nennen wir zeugen, den weiblichen gebären. Bei Zeugung können wir einen Zusammenhang ahnen zum Zeugen, der's gesehen hat. Zeugen kommt von Zeug (mittelhochdeutsch gi-ziugi) 'Mittel, Werkzeug': einerseits 'Beweismittel vor Gericht, Zeugnis', andrerseits verhüllend für das männliche 'Organ'.[11]  In gebären steckt althochdeutsch beran 'tragen': die werdende Mutter trägt das Kind in ihrem Leib.[12]

 

[2] Lukas 6,20-49 | Kreuzdenker, Die Bergpredigt Eins | Zwei

[10] auch biblisch: Gen.4,1 "Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain"

 

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Echo Online

Sprachecke 03.02.2015

 

Datum:

Aktuell: 16.02.2018