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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Moneten des Krösus

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Auf dem Kapitol, einem der sieben Hügel Roms, stand ein Tempel der Juno Moneta.[1] Sie gab den Moneten ihren Namen.

In den Tempeln wurde nicht nur geopfert und gebetet, sondern auch gespendet. Die Weihegaben und Gelder waren heilig und wurden in Nebenräumen des Gotteshauses aufbewahrt. Aus Furcht vor dem Zorn der himmlischen Eigentümer wagte kaum jemand, sich an diesen Schätzen zu vergreifen. Deshalb deponierte man gern die Ersparnisse in einem Tempel; die heiligen Stätten dienten auch als Banken.
Beim Junotempel in Rom gab es eine staatliche Münzwerkstatt, die nach der Göttin Moneta genannt wurde. So hieß auch das dort geprägte Geld. Dieses lateinische Wort gelangte vor 800 als munizza ins Deutsche, daraus wurde unser heutiges Münze 'Geldstück' und 'Prägewerkstatt'. Die Studenten des 18. Jahrhunderts parlierten gern in einem deutsch-lateinischen Kauderwelsch. Von ihnen haben wir das Wort Moneten 'Geld' übernommen.
Alles also nachvollziehbar, einfach und klar. Aber woher hatte Juno, die göttliche First Lady, ihren Beinamen? Darüber haben schon die Römer gerätselt: wohl von monêre 'erinnern, mahnen, warnen'. Man verwies auf die Eroberung Roms durch die Gallier (um 390 v. Chr.). Die Römer hatten sich auf dem Kapitol verschanzt und die frechen Kelten kletterten nachts den Steilhang empor. Die Römer schienen ihnen hilflos ausgeliefert zu sein. Denn die Wachen schliefen, sogar die Hunde. Nicht aber die heiligen Gänse der Juno, die fingen erbost an zu schreien, die Schläfer erwachten und vertrieben die Eindringlinge.
[2]
War also Juno Moneta die 'Warnerin'? Das kann nicht sein, weil moneta allenfalls 'die Gewarnte' bedeuten kann.
Es gibt aber noch eine andere Übersetzungsmöglichkeit: 'die Inspirierte'. Am Fuß des Kapitols verehrte man eine heilige Prophetin namens Carmentis
[3], zu carmen 'Lied', auch 'Orakel'.[4] Um wahrsagen zu können braucht man göttliche "Ermahnung", Eingebung, Inspiration. Zu Carmentis beteten Frauen, die ein Kind erwarteten. Geburtshilfe war die ursprüngliche Aufgabe Junos.[5] Man hat also die kleine Göttin im Erdgeschoss mit der großen im Penthaus in eins gesetzt. So wurde Carmentis zur Geburtsgöttin, Juno aber zur Moneta, 'inspirierten Prophetin'.[6]

Das Orakel verbindet Moneta mit Krösus, dem letzten König von Lydien in West-Kleinasien (6. Jahrhundert v. Chr.). Er war nicht inspiriert, sondern von allen guten Geistern verlassen, als er einen Orakelspruch falsch deutete und die überlegene Streitmacht der Perser angriff. Sprichwörtlich geworden ist er durch seinen Reichtum. Sein Vater war es wohl, der die ersten Münzen prägen ließ.[7] Vorher zahlte man mit Metallstücken, die gewogen wurden, in Rom mit aes rude 'rohem Kupfer'.[8]

 

 

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Echo Online

Begriffe Geld | Sprachecke 23.03.2004

 

Datum: 13.05.2014

Aktuell: 09.02.2019