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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Safrangelber Frack

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Den Rock haben Mann und Frau geteilt: Er trägt ihn oben, sie unten. Der Rock hat eine merkwürdige Geschichte.[1]

Der Frack war in der guten alten Zeit die Jacke des feinen Gesellschaftsanzugs, kenntlich am "Schwalbenschwanz", den langen Rockschößen. Bei hochoffiziellen Anlässen tragen ihn die vornehmen Herren heute noch. Wer keinen Frack besitzt, ist von Veranstaltungen ausgeschlossen, bei denen Frackzwang herrscht.[2] Dabei war die schräg geschnittene Jacke (englisch frock) ursprünglich ein Kleidungsstück der englischen Unterschicht. Nach 1730 wurde er von jungen Adligen übernommen, die nicht immer feierlich-steif herumlaufen wollten, und wurde auch im französischen Adel beliebt. Da das englische Wort schon damals mit a gesprochen wurde, schrieben die Franzosen frac; wenig später trug man den Frack auch in Deutschland.

Das englische Wort stammt aus dem Französischen. Altfranzösisch froc war das Chorhemd der Geistlichen, schon im 9. Jahrhundert als lateinisch froccus, hroccus 'Mönchskutte' überliefert. Im Französischen steht fr- öfter für germanisch hr-, wie beim Vornamen Frodbert, älter Chrodobert, deutsch Hruodbert zu erkennen ist.[3] Im Südgermanischen ist das h früh geschwunden, daher ebenfalls im 9. Jahrhundert althochdeutsch rok 'Mönchskutte, Gewand', das heutige Rock.

Älteste Bedeutung ist nicht 'Mönchskutte', sondern 'langes Gewand der Geistlichen', heute würden wir es Talar oder Soutane nennen. Wie der hroccus aussah, ist nicht überliefert.

Es gibt aber eine Spur, die bis in die heidnische Zeit zurückreicht: Lateinisch crocôta war ein safrangelbes Frauenkleid, das auch die Priester der Muttergöttin Kybele trugen. Das waren Eunuchen, also geschlechtslose Menschen. Diese Göttin wurde auch am Rhein verehrt.[4] Es ist also möglich, dass die Franken den Namen der heidnischen auf die christlichen Gewänder übertrugen.
Dabei brauchen wir uns nicht an der abweichenden Anfügung -ôta zu stören. Aus späterer Zeit ist auch crocea 'Seidenkleider' überliefert. Das Grundwort ist crocus 'eine Blume' und der daraus gewonnene gelbe Farbstoff 'Safran'. Wir sagen ja auch "Die Witwe trägt Schwarz und der Kardinal Purpur." So konnte man auch sagen "Der Priester trägt Krokus." Crocus ist also die vorgermanische Form von hroccus. Regelmäßig wäre hrohus gewesen, aber ähnlich wie bei französisch cloche aus lateinisch clocca 'Glocke',
[5] vermied man die Wiederholung desselben Lautes (Dissimilation).[6]

Schon im Mittelalter unterschied man zwischen Männerrock, der den Oberkörper bedeckte und bis an die Knie ging, und Frauenrock unterhalb der Taille. So ist es auch noch heute. Nur dass wir lieber Jacken als Herrenröcke tragen. Und wenn's sein muss, sogar einen Frack.

 

[6] wie bei lateinisch mortarium, deutsch Mörtel

 

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Übersicht

 

Echo Online

Begriffe: Kleider | Sprachecke 2014: 01.04. | 09.04. | 01.07.  | 09.07.

 

Datum: 15.07.2014

Aktuell: 09.02.2019